30 Jahre Modern Talking, das heißt auch 30 Jahre Ballonseide, Vokuhila und Faustgitarre

7. Dezember 2014 at 08:09 Hinterlasse einen Kommentar

Dieter Bohlen hat ein Problem. Ein ganz gewaltiges sogar. Nicht etwa mit sich selbst: Das ist außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Aber mit so ziemlich allen anderen. Den Kritikern, den Medien und dem Publikum. 30 Jahre ist es her, dass er mit Modern Talking die Hitparaden stürmte. Die „einzige Gruppe mit fünf Nummer-eins-Hits in Folge“, wie er in der eigens zum Bandjubiläum spendierten Dokumentation von RTL etliche Male wiederholt. Trotzdem wollen die Kritiker, die Medien und das Publikum noch immer nichts mit seiner Gruppe von Weltformat zu tun haben. Sie ist der Treppenwitz der Musikgeschichte. 120 Millionen verkaufte Alben und kein bisschen Respekt. Und das geht ihm tierisch auf den Sack, um es mal in seinem Jargon zu sagen.
bohlen
Im Rückblick auf seine Band Modern Talking heißt es an keiner Stelle, er wolle Songs schreiben, die etwas bedeuten, sein Innenleben vertonen oder gar Kunst machen – die üblichen Floskeln eben. Was Bohlen will, ist: „Welterfolg“ und „ausgesorgt haben“. Er geht an die Musik heran so wie an seinen eigentlichen Beruf: als Kaufmann.

1984 trifft der bis dahin erfolglose Komponist auf den bis dahin erfolglosen Sänger Thomas Anders. Für 500 D-Mark singt er ihm den Song „You’re My Heart, Your’re My Soul“ ein. Bohlen wittert den Hit: Er hat die hübsche Marionette für seine Songs gefunden. Das Konzept geht auf. Ein Jahr später treten beide unter dem Namen Modern Talking in der Musikshow „Formel Eins“ auf. Das Lied wird ein riesiger Erfolg, obwohl Moderator Ingolf Lück im Rückblick erklärt, er habe sich alle Mühe gegeben, die Gruppe so schlecht wie möglich anzusagen.
Schon damals zeigt sich: Modern Talking sind wahnsinnig erfolgreich – nur wahrhaben will das keiner. Dieser Zwist mit dem Rest der Welt setzt sich in den folgenden Jahren fort. Auf der einen Seite die Band und ihre immer größer werdende Fanschar, auf der anderen die Spötter. Dazwischen scheint es nichts zu geben.
Bohlens Ehrgeiz stachelt das nur weiter an. Die Witze über den Proll in Ballonseide, mit Vokuhila und Faustgitarre, die Songs mit den immer gleichen Akkorden: Sie schmerzen, aufhalten können sie ihn aber nicht. Wieso auch, er streitet es ja nicht mal ab: „Das ist ein bisschen wie bei Mercedes“, sagt er über seine Lieder. „Alles gleich lassen, aber so ein bisschen verändern.“ Kopieren als Prinzip – aber wenn, dann bitte auf dem Niveau eines Nobelkarossen-Herstellers.

Seit zehn Jahren beleidigt nun Bohlen im Auftrag des Senders RTL Menschen, die glauben, sie hätten das Zeug zum „Superstar“ oder „Supertalent“. Einer, der Musik immer nur nach BWLer-Kriterien entworfen hat, erklärt anderen, ob ihn das „emotional“ berührt oder nicht. Für den „Pop-Titan“ brachte das ein lange vermisstes Gefühl mit sich: Respekt. Junge Menschen sahen so zu ihm auf, wie er schon immer auf sie herab gesehen hatte. Der 59-Jährige war auf einmal das Role Model in einer Welt, in der es nicht darum geht, womit man Erfolg hat, sondern vor allem, dass man ihn hat. Und wer könnte dafür ein besseres Vorbild sein als Dieter Bohlen?

Das Grundproblem des „Pop-Titans“ löst das natürlich bis heute nicht: Zwar respektieren ihn die Deutschen als den „Camp David“-Onkel aus dem Fernsehen mit den fiesen Sprüchen und dem Zahnpastagrinsen, Modern Talking finden sie aber immer noch doof. Das wurmt Bohlen. Das ist in der RTL-Dokumentation nicht zu übersehen. Entweder man liebt ihn oder man liebt ihn. Dazwischen gibt es für ihn nichts. So wie die Russen, die Modern Talking nach dem Fall der Grenzen mit Limousinen, Menschenmassen und Gekreische empfingen. Das ist die Reaktion, auf die er in Deutschland seit 1984 wartet.
Geschehen wird das glücklicherweise auch in den nächsten 30 Jahren nicht. Dieter Bohlen mag noch so sehr von sich und seiner Leistung überzeugt sein: Anspruch und Erfolg, das ist eben doch nicht dasselbe. Sein Ehrgeiz hat ihn zum Millionär gemacht. Nicht mit Kunst, sondern mit Produkten, die auf die Masse zugeschnitten sind. Egal ob Musik oder Fernsehen: Bohlen weiß, was gefällt und wie er die niedersten Instinkte des Publikums anspricht. Das ist seine Stärke und unsere Schwachstelle. Nur erinnert werden, erinnert werden wollen wir daran nicht.

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