Ein Schmarrn, zum Schreien komisch oder brandgefährlich?

8. Dezember 2014 at 06:56 Hinterlasse einen Kommentar

Mit einem Satz in einem Leitantrag bringt die CSU fast die ganze Republik gegen sich auf. Mächtig Hohn und Spott gibt es von der deutschen Presse.
Trotz Kritik von allen Seiten hält die CSU-Führung an ihren Sprachvorgaben für Ausländer in Deutschland fest. Der Parteivorstand werde am Montag intensiv über die „gut vorbereiteten und abgestimmten“ Entwürfe der Leitanträge zum CSU-Parteitag beraten, kündigte Generalsekretär Andreas Scheuer an. In einem der Vorschläge für den Parteitag am kommenden Wochenende in Nürnberg heißt es: „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen.“
csu
Der Satz sorgt nicht nur bei den anderen Parteien für Kritik. Das sagt die deutsche Presse:
„Welt“: Wer Zuwanderern die Sprache in der Familie vorschreiben will, kann sich die Grundrechte aussuchen, die er gefährdet – von der freien Entfaltung der Person über den Schutz der Familie bis zum Verbot der Benachteiligung aufgrund der Herkunft. Unglaublich, zu welchen Ideen mancher fähig ist, den das AfD-Strohfeuer in Panik versetzt. Mit Kopflosigkeit lindert man keine Kopfschmerzen. Wer auch immer von einer AfD träumt, die es so nicht gibt: Diese Jungpartei gerät auf seifenglattem Boden derzeit schwer ins Schleudern. Kann sein, dass sie geradewegs Putin in die Arme fährt. Möchte jemand aus der CDU noch schnell aufspringen? Viel Spaß, und gute Reise. Die weltweite Autorität der Bundesrepublik ist zu wichtig, um sie der Augenblickslaune von Landespolitikern zu opfern.
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“: (…) Bildung ist eine öffentliche Aufgabe, darum muss sich die Politik kümmern. Den Staat geht dagegen nichts an, was einer in seinen vier Wänden macht, sofern er nicht straffällig wird. Und schon gar nicht sollte ein soziales Klima geschaffen werden, in dem Leute „angehalten“ werden, Deutsch zu sprechen. Von der Polizei etwa? Der CSU werden solche Feinheiten egal sein, denn der Vorschlag ist erkennbar nicht als ernsthafter Beitrag zur Integrationsförderung gedacht. Es geht der Partei wieder einmal darum, die rechte Flanke abzusichern, denn da regt sich seit der Eurokrise neue Konkurrenz. Die Erfahrung aus anderen europäischen Ländern zeigt allerdings, dass das heute nicht mehr ganz so einfach ist wie zu Straußens Zeiten. (…)
„Frankfurter Rundschau“: Solche Vorstöße sind nicht nur diskriminierend und rassistisch, sondern auch verlogen bis zum Anschlag. Vor gut einem Jahr tobte in Deutschland eine Debatte über die grüne „Verbotspartei“, die nichts anderes getan hatte, als Initiativen für einen fleischfreien Wochentag in Kantinen per Parteibeschluss zu „unterstützen“. Und jetzt raten Sie mal, was CSU-Chef Horst Seehofer dazu sagte. Richtig: „Aus den privaten Lebensgewohnheiten hat sich eine Partei herauszuhalten.“ Damals allerdings ging es um das tägliche Brot, also Weißwurst oder Hax“n. Es war demzufolge ein Notfall. Und es ging um gute, deutsche, fleischfressende Bayern. Es wäre nur logisch, käme jetzt bald die Pflicht zum Schweinebraten.
„Lausitzer Rundschau“ (Cottbus): Diesmal haben die Christsozialen aus ihrer Wundertüte der bizarren Forderungen etwas hervorgeholt, was nicht mehr nur populistisch ist, sondern schlichtweg gaga. Migranten sollen dazu angehalten werden, daheim deutsch zu sprechen. Wehe, nicht! Wer das so fordert, der konterkariert einen richtigen Ansatz: Deutsch sprechen zu können, ist der Kern jeglicher Integration. Das ist aber schon seit Jahren unstrittig, sicherlich sogar bei den meisten Migranten selbst.
„Thüringische Landeszeitung“: Wie das kontrolliert und sanktioniert werden soll, hat die Schwesterpartei der CDU nicht verraten. Setzt sie etwa aufs Aushorchen, Bespitzeln und Überwachen? Mithin auf längst überwunden geglaubte Methoden? Wie absurd die Idee ist, würde sich spätestens dann zeigen, wenn ein übereifriger Sprachpolizist eine Familie denunziert, die in reinstem Bayerisch plaudert – für viele die reinste Fremdsprache.
Märkische Oderzeitung“ (Frankfurt/O.): Eines muss man der CSU lassen. Sie schafft es, sich im Gespräch zu halten. Gern auch mit vollkommen absurden Vorschlägen, die haarscharf unterhalb der Stammtischplatte entlang fliegen und dabei nicht selten einen Absturz hinlegen. Nun sind also wieder einmal die Ausländer dran. Sie sollen gefälligst Deutsch sprechen, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch zu Hause. Man hört den Blockwart schon um die Ecke kommen. Was soll das? Die Zeiten, wo unbescholtene Menschen in Deutschland vom Staat zu Hause abgehört wurden, sind hoffentlich ein für alle Mal vorbei. Und das Sprechen einer fremden Sprache ist hierzulande kein Straftatbestand. Wie seine Bürger sich zu Hause unterhalten, geht den Staat überhaupt nichts an. Spott ist denn wohl auch das Beste, was solch einem Parteitagsantrag geschehen kann. Am schönsten hat es die Satiresendung „extra3“ kommentiert: „extra 3 fordert: CSU-Mitglieder müssen zu Hause hochdeutsch sprechen“.
„Neue Presse“ (Hannover): Die CSU möchte, dass alle, die in Deutschland leben, gefälligst auch deutsch reden sollen. Immer, überall und natürlich auch im heimischen Wohnzimmer. Herrschaftszeiten, fragen wir Preußen uns, fangen dann jetzt auch die Bayern endlich an, hochdeutsch zu reden? Doch so selbstironisch ist die Idee leider nicht gemeint. Vielmehr fischt die CSU mal wieder am rechten Rand – offenbar hat man in der Parteizentrale einen eklatanten Bedeutungsverlust ausgemacht und fürchtet weitere Abgänge der eigenen Wähler in Richtung AfD. Da hilft nur eine möglichst populistische Forderung. Natürlich ist es wichtig, dass Ausländer und Zugewanderte vernünftige Deutschkenntnisse erwerben. Eine Deutschpflicht im heimischen Wohnzimmer allerdings ist eine platte und peinliche Provokation.

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