Seit zehn Staffeln verkuppelt RTL Landeier und frustrierte Städterinnen

23. Dezember 2014 at 13:11 Hinterlasse einen Kommentar

In der zweistündigen Gala „10 Jahre Bauer sucht Frau – Das große Jubiläum“ blickt der Sender zurück auf unzählige Stunden des menschlichen Leids, die nur eine Botschaft haben: Es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht als einem selbst. Und das ist auch gut so.

„Liebevolle Unterhaltung“ wünscht ein Joghurt-Hersteller gleich zu Beginn der Jubiläumssendung von „Bauer sucht Frau“. Offenbar haben die Verantwortlichen des Spots keine einzige Ausgabe des ländlichen Kuppelreigens gesehen. Denn was folgt, ist alles andere als liebevoll. Es ist ein Schreckenskabinett der Fernsehunterhaltung.
Inka Bause betritt die Showbühne, die aussieht wie ein pervertierter Stall und sagt: „So viele Bauern in einer Scheune gab es noch nie.“ Es klingt wie eine Drohung. Die Kamera wandert, die meisten ehemaligen Kandidaten der Show tragen Tracht. Lederhosen und Dirndl, die Zutaten, mit denen RTL zum erfolgreichsten Privatsender des Landes aufstieg. Nur dass die früher nackten Tatsachen wichen.
rtl
„Wenn Stadtfrau auf Mistgabel trifft, dann beschert uns das immer wieder unendliche Glücksmomente“, sagt ein Sprecher wenig später in einer der Rückblenden, die das zehnjährige Jubiläum durchziehen. Das genau genommen gar keines ist, wenn man bedenkt, dass die erste Staffel 2005 auf Sendung ging. Doch der Sprecher hat schon Recht: Stadtfrau trifft auf Mistgabel beziehungsweise Bauer, das ist so etwas wie die Essenz der Sendung, eine Fernsehen gewordene Sozialstudie des Schreckens.

Natürlich inszeniert das Format Klischees, so wie jede andere Dating-Show auch. Die Bauern sind Idioten, die Frauen sind Idioten, aber zusammen – so will es uns RTL weismachen – sind sie wenigstens glückliche Idioten. Über das Bild der Landwirte, das in der Show vermittelt wird, beschwerte sich schon 2007 Bauernpräsident Gerd Sonnleitner im „Spiegel“: „Die Bauern, die RTL da zeigt – oder besser: vorführt -, sind für mich absolut ferngesteuert durch die Regisseure und Sendermacher. Die werden als einsame Trottel präsentiert, die nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen.“ Auf ihn gehört hat niemand. Solange die Quote stimmt, gibt es keine Gnade.
Und die Quoten, sie sind seit 2005, als die erste Staffel auf Sendung ging, gigantisch. Konstant über acht Millionen Zuschauer schalten ein, mit Marktanteilen in der werberelevanten Gruppe von bis zu 28 Prozent. Das schafft kein anderes Format des Senders. Selbst ehemalige Quotendauerbrenner wie „Deutschland sucht den Superstar“ haben im Laufe der Jahre an Fahrt verloren. Nur die Bauern, sie wollen einfach nicht vom Bildschirm verschwinden.

Dabei funktioniert das Format nach dem immer gleichen, simplen Prinzip: Der Zuschauer soll sich besser fühlen als die Menschen, die er auf dem Bildschirm sieht. Die einen schauen dazu „Der Bachelor“, die anderen das Dschungelcamp. Und wer beim Anblick des Waschbrettbauchs des Bachelors Komplexe bekommt, der schaltet um zu „Bauer sucht Frau“. Hier liegt die Latte so niedrig, dass sich jeder überlegen fühlen kann. Das geht natürlich auf Kosten der Teilnehmer, deren Einsamkeit schamlos ausgenutzt wird.

Der Zusammenschnitt aus neun Jahren ist so vor allem ein Sammelsurium der Bloßstellung, freudig kommentiert von den prominenten Gästen Jochen Bendel, Birgit Schrowange und Verona Pooth. Da gibt es Städterinnen, die im Stall Scheiße schaufeln, Traktor fahren und denen Kühe den Schwanz ins Gesicht knallen. Und natürlich Bauern mit Untertiteln, die noch in ihrem Kinderzimmer schlafen.
Damit nicht der Verdacht aufkommt, das alles sei nur Illusion, tauchen immer wieder die „glücklichen“ Kandidaten des Formats auf, die sich in der Sendung gefunden haben. Darunter natürlich das „Kultpaar“ der fünften Staffel Josef und Narumol, die es sich nicht nehmen lassen, ihre dreijährige Tochter vor die Kamera zu zerren. „‚Bauer sucht Frau‘ hat mein Leben hochgeschossen“ kreischt die Thailänderin unter Tränen und zerrt Inka Bause zu sich heran. Was sie damit meint, weiß wohl, wie so oft, nur sie selbst. Egal, eigentlich ist Narumol nur da, damit RTL ihren berühmtesten Satz einspielen kann: „Ich bin fick und fertig.“

Das ist der Zuschauer spätestens zu diesem Zeitpunkt auch, doch da kommt schon der unvermittelbare Schäfer Heinrich aus Staffel acht hereingeschossen, der mittlerweile als Stimmungssänger Provinzdissen terrorisiert. Glücklicherweise singt vor allem sein Playback, doch irgendjemand im Studio hat vergessen, sein Mikrofon abzustellen, und so brüllt er waidwund die ehemaligen Kandidaten an, mitzumachen. Zum Wohle aller verweigern sie ihm diesen Wunsch.

Als wäre das alles nicht Irrsinn genug, folgt der letzte, der größte aller Beweise: eine Hochzeit! Hier! Jetzt! Live im Studio! Die Stimme von Inka Bause wird immer weicher, sie gurrt und sie haucht, als wolle sie eine Telefonsexhotline aus dem Nachtprogramm an den Mann bringen. Ex-GZSZ-Sternchen Susan Sideropoulos kommt herein und führt die beiden ehemaligen Kandidaten zum Schaffott, Verzeihung, Altar, und sagt: „Das ist ganz allein euer Moment“. Die Kamera nimmt die beiden groß ins Visier, es soll schließlich niemand diesen Moment verpassen, der ihnen ganz allein gehört, und den acht Millionen Schaulustigen da draußen, die sich für ein paar Minuten besser fühlen wollen.
Die Standesbeamtin fragt säuselnd: „Willst du …“, und natürlich sagen die beiden „Ja“, um sich sofort mit den Zungen zu verschlingen. Der „Voxxclub“ stürmt herein, eine Art lederbehoste Version der Backstreet Boys und singt genauso unverständlich, wie die Bauern der Show zumeist reden, doch die Meute klatscht, als wäre sie im Musikantenstad.

Auch so eine Sendung, die ein Brauchtum beschwört, das es nie gab. Die „liebevolle Unterhaltung“ aus der Joghurt-Werbung nähert sich dem Ende. Im Kopf des Zuschauers dreht sich alles, er sieht nur noch Dirndl, Lederhosen, menschliches Elend und stöhnt erleichtert auf: Endlich ist es fick und fertig.

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