Der Kölner Dom macht das Licht aus

6. Januar 2015 at 08:05 Hinterlasse einen Kommentar

Der Ottoplatz vor dem Deutzer Bahnhof ist kein schöner Platz, schon gar nicht an diesem Abend. Ringsherum Bürotürme und darauf einige hundert Verwirrte: Eine Kohorte Neonazis, zahlreiche Wutbürger und ein Dutzend Menschen, die dümmliche Slogans wie „Kartoffeln statt Döner“ und „Ich bin ein von Politikern gehasster Deutscher“ auf Plakate gepinselt haben. Viel Mühe gab sich der neue nationale Widerstand offenbar nicht, als er seine Botschaften niederschrieb.
Zur größten Kundgebung der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) im Westen Deutschlands hatten die Veranstalter nach Köln geladen.
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Doch anders als in Dresden blieb die Veranstaltung im Wesentlichen die Zusammenkunft eines traurigen Haufens ohne Anschluss an das Bürgertum. Einig schien die Truppe, die der ehemalige German-Defence-League-Aktivist Sebastian Nobile versammeln konnte, nur in ihrer Angst vor Fremden und der Ablehnung von Presse und Politik zu sein.
Im vergangenen Jahr hatte der Kölner Pegida-Veranstalter Nobile übrigens noch Bürgerwehren gründen wollen – unter anderem wegen der „türkischen Vergewaltiger“, wie er im Netz schrieb. Nun beteuerte er, er sei kein Rassist, gegen Gewalt und habe selbst einen Migrationshintergrund. Nicht viele hörten ihm zu.

Bedeutung erhielt der rechte Protest allenfalls durch den breiten Widerstand, der sich ihm in Köln entgegenwarf. Tausende demonstrierten gegen Pegida und verhinderten, dass die Rechtspopulisten durch die Stadt ziehen konnten. Der geplante Gang über eine Rheinbrücke in Richtung Dom wurde schließlich abgesagt. Zudem knipste ausgerechnet der Hausherr der zweithöchsten Kathedrale Europas den vermeintlichen Verteidigern des Abendlandes das Licht aus. Der Dom blieb am Montagabend unbeleuchtet.

Auch mit dieser symbolischen Aktion setzte sich Rainer Maria Kardinal Woelki an die Spitze der Kölner Pegida-Gegner. Der Kirchenfürst, der erst vor einigen Monaten die Nachfolge von Joachim Kardinal Meisner angetreten hat, gilt als moralische Instanz der Domstadt. In seiner Silvesterpredigt mahnte er: „Gemeinsam mit Menschen guten Willens haben wir die Aufgabe, die Zeit, in der wir leben, um Gottes und der Menschen Willen besser zu machen.“ Das gelte vor allem in diesen Tagen, „in denen Organisationen meinen, sie müssten das Abendland gegen Menschen verteidigen, die buchstäblich oft nur ihr nacktes Leben nach Deutschland retten konnten“.

Woelki gab zu bedenken, dass von den weltweit 45 Millionen Flüchtlingen 86 Prozent in ihrem jeweiligen Heimatland oder einem Nachbarstaat bleiben. „Könnten wir nicht ein Zehntel von dem leisten, was Pakistan oder die Türkei tun?“, fragte der Kardinal. „Nicht wir im reichen Europa haben ein Flüchtlingsproblem, sondern die armen Nachbarländer der Krisenregionen. Diese Wahrheit verkünden wir zu wenig, zu zaghaft, zu leise“, so Woelki. In seiner Weihnachtskarte hatte der Kirchenmann die Katholiken in seinem Bistum dazu aufgefordert, auf die Migranten zuzugehen: „Auch Jesus war ein Flüchtling. Öffnen Sie Ihr Herz für unsere neuen Nachbarn!“

Für die christlichen Kirchen ist Pegida eine besondere Herausforderung. Immerhin schwingt sich die Bewegung zum Retter des Abendlandes auf, das sie in Abgrenzung zum Islam nur religiös definieren kann. Deswegen singen die Aktivisten in Dresden Kirchenlieder, deswegen sind in den Reihen der Wutbürger neben dem vielfachen Schwarz-Rot-Gold auch immer wieder christliche Symbole zu sehen, die für eine allgemeine Ablehnung alles anderen herhalten müssen. Doch die Protestler vergäßen dabei, sagte Kardinal Woelki, „dass Gottes Licht wirklich jeden Menschen erleuchtet“.

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