Überfüllte Wartezimmer und kein Facharzttermin in Sicht

24. Februar 2015 at 06:03 Hinterlasse einen Kommentar

Günther Jauch geht am Sonntagabend in seiner Talksendung den langen Wartezeiten für Patienten auf den Grund. Doch aus dem zuschauernahen Thema machen die Gäste ein dröges Fachgespräch über das deutsche Gesundheitssystem. Aussicht auf Besserung ist jedenfalls kaum in Sicht.
In Deutschland müssen viele Patienten ein hohes Maß an Geduld aufbringen: Bis sie einen Termin beim Facharzt bekommen, kann es schon einmal mehrere Monate dauern. Jeder zweite Deutsche ist mit der Wartezeit unzufrieden. Besonders auf dem Land und in Ostdeutschland ist das Problem eklatant.

Das Gesundheitsministerium will mit dem Versorgungsstärkungsgesetz Abhilfe schaffen. Neu eingerichtete Service-Stellen sollen künftig Versicherten mit einer Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt vermitteln. Zudem sollen mehr Ärzte von über- in unterversorgte Gebiete gelockt werden. Doch taugt das Gesetz etwas? Oder liegt das Problem etwa ganz woanders und die Praxen sind überfüllt mit Privatpatienten und „eingebildeten Kranken“? Das wollte Günther Jauch in seiner Talkrunde besprechen.
TV
Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat das Versorgungsstärkungsgesetz mit auf den Weg gebracht. Dessen Inhalt wurde vom ebenfalls anwesenden Bundesvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung, Andreas Gassen, zuletzt als „unzureichend“ kritisiert.
Mediziner Paul Brandenburg prangert das deutsche Krankenhaussystem in seinem 2013 erschienenen Buch „Kliniken und Nebenwirkungen“ an.
Wie es um die Ärztedichte in Deutschland wirklich bestellt ist, hat Stefan Etgeton in einer 2014 veröffentlichten Studie für die Bertelsmann-Stiftung untersucht.
Die Patientensicht in der Runde vertritt Susanne Mauersberg, Referentin für Gesundheit bei der Verbraucherzentrale.

Die meiste Redezeit bekam wohl Ärztevertreter Gassen, der Gröhes Gesetz abwinkt. Seiner Meinung nach treffe es nicht den Kern des Problems. „In Deutschland sind die Wartezeiten im internationalen Vergleich extrem kurz“, wischt er das Thema der Sendung beiseite und setzt sein eigenes.

Die Menschen in Deutschland hätten hohe Ansprüche an die ärztliche Versorgung, die in Zukunft nicht mehr erfüllbar seien: Jeder vierte Vertragsarzt sei über 60 Jahre alt und gehe bald in Rente. Gleichzeitig sei die jüngere Ärztegeneration auf eine Work-Life-Balance bedacht und arbeite lieber in Kliniken, anstatt sich niederzulassen.
Die Bevorzugung von Privatpatienten als eine wesentliche Ursache für die lange Wartezeit von Kassenpatienten wiegelt Gassen ab: „So viele Privatpatienten gibt es gar nicht, dass die alle Termine blockieren könnten.“
Am unterhaltsamsten brachte Buchautor und Notfallmediziner Brandenburg seine Ansichten zum Ausdruck. In Deutschland gelte die „Flatrate-Medizin“, die von Patienten Tag und Nacht in Anspruch genommen werde. Manche Menschen würden Rettungswagen schon mal als Taxi benutzen und kämen wegen ihrer seit drei Jahren auftretenden Rückenschmerzen nachts in die Notfallambulanz. Das Gesundheitssystem, das eben auch eine „riesige Industrie“ sei, habe sie zu ihrem Anspruchsdenken erzogen.

Eine junge Münchnerin erzählt zu Beginn der Sendung, wie ein später Arzttermin ihr beinahe das Leben gekostet hätte: „Hätte ich auf einen Termin gewartet, würde ich heute nicht mehr hier sitzen.“ Drei Monate sollte sie ursprünglich auf eine Untersuchung warten, drängte jedoch ihre Ärztin zu einem früheren Termin. So wurde ihr Hirntumor noch rechtzeitig entdeckt.
Das Schicksal der jungen Frau ist ein extremes Beispiel dafür, was die lange Wartezeit auf einem Termin beim Arzt bedeuten kann. Nach der berührenden Einführung verläuft die anschließende Diskussion der Talkgäste allerdings kühl und distanziert.

Verbraucherthemen liegen dem früheren „sternTV“-Moderator. Jauch unterbricht mehrmals ausschweifende Monologe seiner Gäste, hakt immer wieder nach und versucht, das Fachchinesisch der Experten in verständlichere Sprache zu übersetzen. „Der Schwarze Peter wird freundlich weitergeschoben“, kommentiert er treffend eine Ausführung von Gröhe.
Jauch kann jedoch nicht verhindern, dass die Sendung ein Fachgespräch unter Gesundheitsexperten bleibt, die zu tief in dem Thema stecken, um es zuschauergerecht aufzubereiten.

„Das Thema bleibt uns erhalten“ – der Satz fällt mehrmals in der Runde und auch Talkmaster Günther Jauch verabschiedet sich mit diesen Worten von seinem Publikum. Angesichts der vielen aktuellen Krisen wundert die recht zeitlose Themenwahl des Abends ohnehin.
Gesundheitsminister Gröhe konnte jedenfalls nicht wirklich überzeugen, dass sein neues Gesetz viel ändern wird. Glaubt man Ärztevertreter Gassen, werden sich die Menschen in Deutschland daran gewöhnen müssen, dass medizinische Versorgung nicht mehr unbedingt bequem und nah zu erreichen ist.
„Wenn die Ärzte ihre Freizügigkeit behalten wollen, müssen die Patienten flexibler werden“, fasst es Jauch zusammen. Ärzte gehen eben dahin, wo es für sie attraktiv ist. Das ist nicht zwangsläufig auch dort, wo sie gebraucht werden.

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