Wer trägt die Verantwortung am Tod von Boris Nemzow?

16. März 2015 at 14:43 Hinterlasse einen Kommentar

Bei „Günther Jauch“ dreht sich zunächst alles um die Frage. Präsident Wladimir Putin kündigte eine umfassende Aufklärung der Tat an. Fünf aus dem Kaukasus stammende Verdächtige wurden an diesem Wochenende festgenommen, einer von ihnen soll eine Beteiligung an dem Mord bereits gestanden haben.

Doch das Misstrauen gegenüber der russischen Führung sitzt tief. In welcher Gefahr schweben Kreml-Kritiker und Oppositionelle? Rutscht Russland unter Putin in die Diktatur ab? Und was bedeutet das für den Westen?

mord

Die älteste Tochter von Boris Nemzow, Zhanna Nemzowa, gibt in der Sendung dem russischen Regime die Schuld am Tod ihres Vaters. „Zehn Jahre lang haben die Machthaber alle Mittel genutzt, um ihn unter Druck zu setzen. Ich bin davon überzeugt: Die politische Verantwortung liegt bei der russischen Regierung“, sagte die 30-Jährige. „Die staatlichen Fernsehkanäle terrorisieren unsere Gesellschaft, sie lügen“, greift Nemzows Tochter die russischen Hauptmedien und damit auch Jauchs Gast Kondratjew an. Sie seien eine „Massenvernichtungswaffe“ und hetzten die Menschen auf.

Nemzows guter Freund Alfred Reingoldowitsch Koch war wie Nemzow einst Vize-Ministerpräsident von Russland. Heute gehört er zur Opposition. „Nemzow hatte Angst, dass Putin ihn umbringt“, behauptet er bei Jauch.

Den Vorwurf eines vom Kreml geplanten Mordes weist der russische Journalist Wladimir Kondratjew, der für den Staatssender NTW arbeitet, zurück.

Eine Atmosphäre des Hasses gebe es auch seitens der Opposition, entgegnet der russische Fernsehkommentator. Von einer staatlichen Pressekontrolle will Kondratjew nichts wissen. „Im Großen und Ganzen“ hätten Journalisten in Russland die Chance zu sagen, was sie wollen.

Auch der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck, hält diese Theorie angesichts des Tatortes für „zu skurril“.

Dagegen glaubt die ARD-Korrespondentin Ina Ruck, die bis 2014 das Auslandsstudio in Moskau leitete, dass ein solcher Mord im Hochsicherheitsbereich des Kremls ohne dessen Wissen sehr unwahrscheinlich ist.

Der gleichen Meinung ist auch der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow, der während der Sendung zugeschaltet wird. Er war ein enger Vertrauter von Nemzow und hält Putin für ein „Krebsgeschwür“.

„Eine Sendung wie diese wäre im russischen Fernsehen nicht möglich“, sagt die langjährige Moskau-Korrespondentin Ina Ruck – „schon gar nicht live.“ Mit ihrem Satz will die Journalistin den Grad der Meinungsfreiheit in Russland auf den Punkt bringen und erntet dafür Applaus vom Publikum.

In Moskau werde nicht live gesendet, darauf würde sie „einen Kasten Bier wetten“, schiebt Ruck nach. Zudem gebe es schwarze Listen, wer aus der Opposition nicht in Talkshows eingeladen werden dürfe.

Trotz des hochbrisanten Themas bleibt der Moderator weitgehend harmlos. Jauchs Erkundigungen über die inneren Zustände und die Pressefreiheit in Russland setzen einen gewieften Journalisten wie Kondratjew nicht unter Druck. Auch seine Frage an Reingoldowitsch Koch, ob dieser sich in seiner Zeit im Moskauer Machtzirkel durch Korruption bereichert habe, wirkt unbeholfen und deplatziert.

Seinen besten Moment hat Jauch im Dialog mit Matthias Platzeck. Als dieser bei einer Reihe getöteter Regierungskritiker von „zehn sehr unterschiedlichen Todesfällen“ spricht, reicht es dem Gastgeber: „Zehn ermordete Putin-Freunde haben wir nicht gefunden“, bemerkt Jauch zynisch.

„Ist Putins Russland auf dem Weg in die Diktatur?“, fragt Jauch zu Beginn der Sendung. Am Ende überwiegt der Eindruck, das Land könnte dort bereits angekommen sein.

Zumindest schürt der Mord die Angst unter den Putin-Gegnern. „Jetzt ist klar, dass jeder, der offen gegen den Kreml eingestellt ist, sich nicht mehr sicher fühlen kann“, beschreibt Reingoldowitsch Koch die Stimmung in der Opposition.

Bislang werden Islamisten aus dem Kaukasus für die Tat verantwortlich gemacht. Kondratjew weist mehrfach auf diesen Stand der Ermittlungen hin. Demnach habe Nemzow mit einer Bemerkung über „Charlie Hebdo“ den Zorn von Fanatikern auf sich gezogen.

Die Tochter des Ermordeten traut den Untersuchungsbehörden jedoch nicht. Nemzowa ist überzeugt: „Wir werden die Wahrheit lange nicht erfahren.“

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