Hebammen sind für Versicherer ein Hochrisikogeschäft

18. März 2015 at 15:22 Hinterlasse einen Kommentar

Die Hebammen leiden seit Jahren darunter, dass sie immer mehr für ihre Haftpflichtversicherung zahlen müssen. Diese springt ein, wenn eine Hebamme bei der Geburt einen Fehler macht und ein Kind zu Schaden kommt. Dass die Prämien steigen, liegt nicht etwa daran, dass die Hebammen schlampiger arbeiten. Vielmehr sprechen Gerichte den geschädigten Kindern ein immer höheres Schmerzensgeld zu und erkennen auch die langfristigen Kosten der Pflege an. Diese aber wachsen ebenfalls, da die Kinder dank der guten medizinischen Versorgung länger überleben.

H1

Diese eigentlich positive Entwicklung macht die Hebammen aus Sicht der Versicher zum Hochrisikogeschäft. Geburtsfehler können noch 30 Jahre später eingeklagt werden. Das machen nicht nur die Familien der kranken Kinder, sondern auch deren Krankenkassen. Sie sind verpflichtet, sich die Kosten der Behandlung bei der Haftpflicht zurückzuholen. Das macht etwa ein Drittel des Schadenaufwandes aus. Der Nürnberger Versicherung war diese Geschäft zuletzt zu heiß geworden, sie steigt zum Juli 2015 aus dem Konsortium mit der Versicherungskammer Bayern und der R+V aus, an dem sie mit 20 Prozent beteiligt war.

Auf Druck der Regierung springen nun andere ein. Die Versicherungskammer Bayern, die als öffentlicher Versicherer zum Sparkassenlager gehört, übernimmt statt 50 Prozent künftig 55 Prozent – weil die übrigen öffentlichen Versicherer dieses Risiko rückversichern. Die fehlenden 15 Prozent für die Periode 2015/2016 teilt sich eine Gruppe von Versicherern. Namen wollte der federführende Versicherungsmakler Bernd Hendges von der Firma Securon noch nicht nennen.

Es beteiligt sich nach Recherche der Redaktion unseres Hauses unter anderem die eigentlich gar nicht in der Berufshaftpflicht aktive Debeka, wie ein Sprecher bestätigte. Das Unternehmen ließ sich in die Pflicht nehmen: Vorstandschef Uwe Laue ist Vorsitzender des Verbandes der privaten Krankenversicherer. Beteiligt ist nach unseren Informationen auch die Württembergische, deren Konzernchef Alexander Erdland Vorsitzender des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft ist. Die Versicherung Ergo übernimmt vier Prozent. Sie gehört zur Munich Re, ihr Chef Nikolaus von Bomhard ist engstens vernetzt in Berlin. Nicht dabei ist Marktführer Allianz.

H2

Für die Hebammen könnte eine Haftungsobergrenze eingeführt werden. Allerdings würden dann auch Ärzte und andere Berufsgruppen eine Obergrenze wollen, und für die Versorgung der Betroffenen oberhalb der Haftungsgrenze müsste ein staatlicher Fonds eingerichtet werden. Versicherer haben auch verlangt, dass die Krankenkassen per Gesetz gezwungen werden, keine Regressforderungen mehr zu stellen.

Der Markt für diesen notwendigen Versicherungsschutz ist klein. Warum ist das so?
Für Versicherungsunternehmen wird es immer schwieriger, freiberuflichen Hebammen Versicherungsschutz für die Geburtshilfe anzubieten, den diese sich leisten können. Der Grund: Die Kosten für Geburtsschäden infolge von Behandlungsfehlern sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Dies führt zu Versicherungsbeiträgen, die im Vergleich zum Einkommen der Hebammen sehr hoch sind.

Warum die Kosten für Geburtsschäden massiv gestiegen sind:

Es gibt nicht mehr Geburtsschäden als früher. Aber die Behandlung und Pflege nach schweren Komplikationen werden immer vielfältiger, andauernder und letztlich teurer. In der Geburtshilfe entstehen verhältnismäßig wenige, dafür aber große Schäden: Schäden mit über 100.000 Euro Leistungsumfang machen bei Hebammen mehr als 90 Prozent des gesamten Schadenvolumens aus.

Von 2003 bis 2012 sind die Ausgaben für schwere Geburtsschäden um fast 80 Prozent gestiegen. Das bedeutet: Jedes Jahr verteuern sich schwere Geburtsschäden um fast 7 Prozent. Unterläuft bei einer Geburt ein Fehler und das Kind ist schwer geschädigt, leistet der Versicherer im Durchschnitt heute 2,6 Millionen Euro.

Gründe für die steigenden Schadenaufwände: Dank des medizinischen Fortschritts wächst die Lebenserwartung auch Schwerstgeschädigter. Pflege- und Therapiekosten fallen für einen deutlich längeren Zeitraum an: Bei schweren Geburtsschäden stiegen die Kosten für vermehrte Bedürfnisse zwischen 2003 und 2012 pro Jahr um fast 8 Prozent.

Auch Einkommen, das das geschädigte Kind nicht erzielen kann, wird vom Versicherer ausgeglichen: Die Kosten hierfür stiegen um rund 15 Prozent pro Jahr. Betrugen die Leistungen für den Erwerbsausfall bei schweren Geburtsschäden im Jahr 2003 nur rund 100.000 Euro so sind diese bis 2012 auf über 400.000 Euro angewachsen. Sie haben sich somit nahezu vervierfacht.

Sozialversicherungsträger fordern Regresse
Einen erheblichen Anteil am Schadenaufwand haben die Regresse der Sozialversicherungsträger. Lässt sich der Geburtsschaden auf einen Fehler der Hebamme zurückführen, fordern beispielsweise Krankenversicherer die Heilbehandlungskosten von der Haftpflichtversicherung der Hebamme zurück. Sozialversicherungsträger regressieren immer häufiger: Bei Personengroßschäden, wie schweren Geburtsschäden, machen sie inzwischen rund 25 Prozent des gesamten Schadenaufwandes aus.

Geburtsschäden – ein schwer zu kalkulierendes Risiko
Folge für Versicherer: Geburtsschäden stellen ein extrem schwer zu kalkulierendes Risiko dar, das in der Vergangenheit zum Teil zu erheblichen Verlusten geführt hat. Infolge dessen sind die Beiträge für Berufshaftpflichtversicherung der Hebammen stark gestiegen.

Erstrebenswert ist ein für alle Beteiligten gangbarer Weg, die stark gestiegenen Schwerstschäden zu finanzieren. Die Versicherungswirtschaft beteiligt sich ebenso wie die Hebammen intensiv an der Suche nach einer politischen Lösung. So werden derzeit unter anderem folgende Überlegungen diskutiert:

  1. angemessene Vergütungssätze und damit ausgewogenes Verhältnis von Vergütung und Risiko der Berufsträger
  2. Verstärkung von Prävention und Risikomanagement, um Schäden möglichst zu vermeiden.
  3. Regressverzicht der Sozialversicherungsträger bei Personengroßschäden.
Advertisements

Entry filed under: Allgemein.

Auf der Insel Rügen wird wieder auf Sand gebaut Echter Adel trifft Fernseh-Adel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


Kalender

März 2015
M D M D F S S
« Feb   Apr »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  

Archiv


%d Bloggern gefällt das: