Bremen verliert sein Herrscherhaus

4. April 2015 at 10:27 Hinterlasse einen Kommentar

Die Hohenzollern verkaufen den Wümmehof, der bis vor kurzem die Generalverwaltung des „vormals regierenden Fürstenhauses“ beherbergte. Gäbe es in Deutschland einen Kaiser, wäre er Bremer. Georg Friedrich von Preußen, der aktuelle Chef des Hauses Hohenzollern, kam 1976 an der Weser zur Welt.

Nun ist der Prinz, zugegeben, überzeugter Republikaner. Aber noch sein Großvater Louis Ferdinand, der mit seinem Zuzug 1947 der Stadt zu unfreiwilligen dynastischen Ehren verhalf, ließ Zeit seines Lebens nie einen Zweifel: „Gegebenfalls“ stünde er zur Thronbesteigung bereit.

Louis Ferdinand starb 1994. Zehn Jahre später zog die Generalverwaltung des Hauses Hohenzollern mit Prinz Georg Friedrich von Bremen nach Berlin – und nun steht auch noch der Wümmehof in Bremen-Borgfeld zum Verkauf, auf den sich jahrzehntelang die Hoffnungen der deutschen Monarchisten konzentrierten.

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Höchste Zeit also, um schnell ein bisschen Royality-Berichterstattung nachzuholen: Also ran an den Aristokraten! Die erste Hürde ist das Bremer Telefonbuch: Zwischen „Petra Preuße“ und „Harry-Otto Preusser“ findet sich kein Eintrag, dabei müsste der derzeitige Bewohner des Wümmehofes, ein Prinz namens Christian, doch „Preußen“ mit Nachnamen heißen. Aber kann man nicht auch „Herr Hohenzollern“ sagen? Ganz zu schweigen von „Eure königliche Hoheit“?

Der Mann am anderen Ende der Leitung – irgendwer wusste doch die Nummer – macht sich die Sache leichter: „Wümmehof“, meldet sich knapp eine tiefe Stimme. Ob er der Christian (Prinz von Preussen Christian, 28355 Bremen, Rockwinkeler Heerstr. 82A, Oberneuland) sei, also derjenige, der jetzt ausziehen müsse, und deswegen… „Sie können Prinz von Preußen zu mir sagen“, outet sich die Stimme, „Herr von Preußen“ sei aber auch okay.

Keinesfalls jedoch etwas mit Hohenzollern: „So heißen wir nicht, wir haben uns schon vor Jahrhunderten getrennt“, stellt der Prinz in Anspielung auf seine schwäbischen Cousins klar. Seit der spätere Kaiser-Clan nach Brandenburg auswanderte, heißen nur noch die Sigmaringer und Hechinger Familienzweige wie die Stammburg.

Wieder was gelernt. Aber um jetzt doch auf die aktuellen Zeitläufte zu sprechen zu kommen: Warum wird der Wümmehof verkauft? Und wohin zieht der Prinz? „Kein Kommentar“, sagt ihre Königliche Hoheit, und bestätigt damit, was schon die Objektverwalterin der mit der Verkaufsabwicklung beauftragten Immobilienfirma angedeutet hatte: „Das Prinzenhaus will sich nicht äußern.“ In ihrer Diskretion hat das Maklerbüro sogar die öffentliche Ausschreibung von der Homepage genommen: Knapp 10.000 Quadratmeter Fläche, zwei Häuser, Garagen und Nebengebäude, für 1,5 Millionen Euro zu haben.

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Platz konnte der alte Louis Ferdinand durchaus brauchen. Er hatte ein Pferd und sieben Kinder – von denen jetzt nur noch Christian zusammen mit seiner Frau Nina auf dem Gelände lebt.

Also, Herr Prinz, bleiben Sie trotzdem in Bremen oder verliert die Stadt endgültig ihr einziges „vormals regierendes Herrscherhaus“? Herr von Preußen lässt sich nichts entlocken, wenn auch mit einer denkwürdigen Begründung: „Ich sage nichts, ich krieg eh nur Ärger.“

Bei seinem Urgroßvater war das noch umgekehrt: Der machte jede Menge Ärger und lehrte andere das Fürchten. Zum Beispiel mit der berüchtigten „Hunnenrede“, mit der Wilhelm II. sowohl bremische als auch Weltgeschichte geschrieben hat: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“, tönte der Kaiser, als er seine sich in Bremerhaven zur Bekämpfung des chinesischen „Boxer-Aufstands“ einschiffenden Soldaten verabschiedete.

Bei so viel Geschichte schweift man leicht ab. Überlegt man, zurück im Hier und Jetzt, wer dem Bremer Prinzen heutzutage Ärger machen könnte, stößt man wieder auf Georg Friedrich. Das ist Christians Neffe, und der ist, trotz seiner 33 Jahre, dummerweise eben schon Chef des Hauses Hohenzollern. Und somit berechtigt, den Wümmehof auf den Markt zu werfen. Aber warum den Onkel gleich mit?

Die Generalverwaltung lehnt jede Stellungsnahme ab, auch die feudale Gerüchteküche gibt nicht all zu viel her – zumindest nicht für einen eher demokratisch orientierten Redakteur. Doch selbst gewöhnlich gut unterrichte Foren schweigen sich angesichts der umstürzlerischen Vorgänge dezent aus.

Erklärbar ist hingegen, warum Christian nun zum Opfer der streng hierarchischen Binnenstruktur seiner Familie wird. Bis vor drei Jahren war er selbst Chef des Hauses, aber nur vertretungsweise – eben bis der Neffe 30 wurde und damit das Mindestalter für dynastische Oberhäupter erreichte.

Und zum Alleinerben aller Familienliegenschaften avancierte. Georg Friedrich wiederum hat nur deshalb das Sagen, weil die beiden ältesten Kaiser-Urenkel für „erbunfähig“ erklärt wurde. Sie heirateten keine Hochadligen, was die Grundsätze der Hohenzollernschen „Hausverfassung“ eklatant verletzte. Das bestätigte selbst der Bundesgerichtshof und korrigierte damit das Oberlandesgericht Stuttgart, das die „Eheschließungsfreiheit“ höher als die „Testierfreiheit des Erblassers“ eingestuft hatte.

Jede gesellschaftliche Gruppierung hat eben ihre spezifischen Probleme.

Der Bremer Prinz, in seinen jüngeren Jahren ein Freund starker Motorräder, steht nun quasi auf der Straße, wobei man das „quasi“ betonen muss: Wie jeder namens Preußen erhält er eine kleine Apanage aus dem Familienvermögen, die offiziellen Angaben zu Folge jedoch „nicht zum Lebensunterhalt“ langt. Was immer das konkret bedeutet.

Anmerkung: Der Wümmehof in Borgfeld, einst Wohnsitz des Kaiser-Enkels Louis Ferdinand Prinz von Preußen und seiner Frau Kira, ist mittlerweile seit Januar 2014 verkauft. Das Haus Hohenzollern hat sich – wie angekündigt – von der Immobilie getrennt.

Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Die neuen Eigentümer sind der Kaufmann Anton Brinkhege und der Bauunternehmer Thomas Stefes. „Sie wollen das unter Denkmalschutz stehende Gebäude mit Sorgfalt und Augenmaß behutsam sanieren“. Der Bauunternehmer Thomas Stefes und der Hotelier Anton Brinkhege haben den Landsitz der Preußen erworben.

Stefes: „Die Sanierung des Wümmehofs nehmen wir in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege vor“sagte ein Sprecher.

Das Haupthaus soll als Wohngebäude genutzt werden. Zudem wird geprüft, ob auf dem Grundstück auch ein Mehrgenerationen-Haus realisiert werden kann.

Gemeinsam mit Architekt Frank Tappermann wollen die beiden Gesellschafter der Wümmehof GmbH, die das Ensemble Anfang des Jahres eworben hatten, die Idee eines kleinen Wohndorfes verwirklichen, und zwar „behutsam“, wie sie sagen.

Die Wümmehof GmbH bleibt den Angaben nach Eigentümerin und will die Großzügigkeit des Areals erhalten. Zäune soll es nicht geben. Stattdessen bekommt das „Wümmedorf“ einen „Kümmerer“, der den Mietern in allen Lebenslagen hilft, ähnlich einem Concierge-Service, sagen die Investoren. Brinkhege und Stefes wollen den „Kümmerer“ über eine Service-App anbieten. „Immer mehr Menschen haben die Sehnsucht nach einer lebendigen Gemeinschaft, einem Leben, wie es früher auf dem Land üblich war. Wir wollen das ,Wümmedorf‘ genau auf diese Bedürfnisse abstimmen. Für uns eine Herzensangelegenheit“, betont Stefes. Mitte 2015 können die ersten „Dorfbewohner“ einziehen.

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