Für viele kam es überraschend

1. Mai 2015 at 14:40 Hinterlasse einen Kommentar

Im Fall des in Polizeigewahrsam getöteten Schwarzen Freddie Gray wurden sechs Cops angeklagt. Tausende bejubelten die Entscheidung der Staatsanwältin Marilyn Mosby – doch die Probleme sind damit nicht gelöst.

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Marilyn Mosby ist zwischen den Fronten aufgewachsen. Sie kommt aus einer afroamerikanischen Polizistenfamilie, ihre Eltern, ihre Onkel und ihr Großvater waren Cops. Zugleich kennt sie den Teufelskreis, in dem viele US-Schwarze stecken: 1994 wurde ihr Cousin erschossen – der angehende Student war mit einem Drogendealer verwechselt worden.

Der tragische Fall inspirierte Mosby, Jura zu studieren: „Ich habe früh gelernt, dass das Justizsystem nicht nur die Polizei, die Richter und die Staatsanwaltschaft sind. Wir, die Bürger, sind das Justizsystem.“

Dabei ist Mosby gerade mal vier Monate im Amt – und mit 35 Jahren die jüngste Staatsanwältin einer US-Großstadt überhaupt. Ihr Ehemann Nick Mosby sitzt im Stadtrat, für West Baltimore – Freddie Grays Viertel.

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Mosbys Paukenschlag hallt dennoch nach. Die Vorwürfe gegen die Beamten – fünf Männer, eine Frau – sind selten hart für solche Situationen: fahrlässige Tötung, Körperverletzung, Amtsvergehen und, in einem Fall, Mord mit bedingtem Vorsatz. Letzterer Straftatbestand betrifft den – schwarzen – Fahrer des Polizeibusses, in dem Gray die tödliche Verletzung erlitt.

Auch jetzt löst die Anklage das Grundproblem nicht – die immer weiter auseinanderklaffende US-Klassengesellschaft, aus der die Missstände und die Unruhen erwachsen. „Ich komme mir vor wie in einem Sarg“, habe ihm ein junger Mann in Baltimore anvertraut, berichtete der schwarze Abgeordnete Elijah Cummings, der Baltimore im US-Kongress vertritt. Am Ende könne es passieren, „dass nicht passiert“ und riet vor allzu voreiliger Freude ab: „Wir haben noch viel zu tun.“

Gerade in Baltimore. Die mehrheitlich schwarze Stadt offenbart die rassistische Kehrseite des Kapitalismus. Weiße verdienen fast doppelt so viel wie Schwarze, die Arbeitslosenquote beträgt zehn Prozent für junge Weiße und 37 Prozent für junge Schwarze wie Gray. Die sind in Gettos kaserniert, von Cops bewacht und ausgenutzt von Spekulanten, Politikern und Drogendealern, die an der Hoffnungslosigkeit verdienen.

Kein Wunder, dass diese Hoffnungslosigkeit irgendwann in Unruhen, Bränden und Plünderungen explodiert. „Ausschreitungen sind die Sprache der Sprachlosen“, wusste schon Martin Luther King, der Gewalt ablehnte. Doch statt zuzuhören, schlägt die Machtelite mit voller Kraft zurück.

Der Ausgang dieses Verfahrens, das sich von jetzt an über viele Monate hinziehen dürfte, bleibt offen – und die Ursachen der dauerhaften Konflikte zwischen der US-Polizei und der armen, entrechteten, meist schwarzen Bevölkerung sind unverändert.

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