Deutscher Adel – Was zieht ein Graf an, wen jagt eine Prinzessin und was ist an einer fürstlichen Tafel tabu?

14. Juli 2016 at 05:21 Hinterlasse einen Kommentar

Nichts geht einfacher, als bei Adligen unangenehm aufzufallen. Es reicht schon, bei Tisch laut „Guten Appetit!“ in die Runde zu rufen. Eisiges Schweigen wird die Folge sein – die vermeintliche Höflichkeit ist mindestens so verpönt wie der Versuch, die silbernen Messerbänkchen von der Tafel zu stibitzen. Wer dann noch die Kartoffel mit dem Messer zerschneidet oder sich kurz verabschiedet, um „auf die Toilette zu gehen“, kann sicher sein, nie mehr eingeladen zu werden. Denn die Kartoffel wird mit der Gabel zerteilt (damit die Silberklinge nicht anläuft), das stille Örtchen heißt derb „Klo“.

Fallen lauern für Uneingeweihte überall, sogar schon bei der Begrüßung: „Mein Bruder hat bereits mit fünf Jahren Handküsse verteilt. Jemand anderes würde einer Fürstin wahrscheinlich kräftig die Hand schütteln und gar nicht wissen, dass man das nicht macht“, Minzi Prinzessin zu Hohenlohe. Nur einer von unzähligen Codes, die das Leben vieler Aristokraten prägen – und mit denen man auf simple Weise seine Standeszugehörigkeit beweist. Wie soll man sich auch sonst in einer Welt abgrenzen, in der der Adel offiziell längst abgeschafft ist und sich jeder Hans und Franz via Adoption in einen Prinzen verwandeln kann?

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Als Outsider verrät sich schon, wer den Spitznamen seines Gegenübers nicht kennt. Der kann Mucki, Pong oder Hubsi lauten, was seltsam klingt, aber Sinn macht. Weil man für die stattliche Nachkommenschaft am liebsten traditionelle (also immer dieselben) Namen wählt, braucht es eben ein anderes Mittel zur Spezifizierung. Den Spitznamen bekommt man häufig schon als Kind von der Familie verpasst.

Überhaupt, der Nachwuchs. Das Motto lautet nicht nur in streng katholischen Familien: Je mehr, desto besser! „Ideal sind zwei Söhne und zwei Töchter. Man braucht schließlich viele Ersatzleute“, so eine Adlige zu „Gala“. „Es kann ja passieren, dass der Älteste sich vor dem Erbe, das häufig aus einem maroden und mit Schulden behafteten Schloss besteht, drückt oder keine Nachkommen zeugt.“ Dass der noch vorhandene Besitz aufgeteilt werden muss oder gar an entfernte Verwandte fällt, gilt es auf jeden Fall zu vermeiden.

Vornehmlich Adlige älteren Semesters verständigen sich, indem sie beiläufig Euphemismen mit österreichischer Färbung in die Unterhaltung einstreuen. „Komtesserldeutsch“ oder „Schlossdeutsch“ nennt sich der heimelige Jargon, der auf die Zeit zurückgeht, als „Kaiser Franzl“ mit seiner „Sisi“ im Nachbarland regierte. Alles, was gefällt, ist „irrsinnig gemütlich“ oder „prachtvoll“. „Eher mühsam“ umschreibt eine Person, die sich gerade komplett daneben benimmt (zum Beispiel die Kartoffel zerschneidet), und ein Mensch, „der’s a bissl schwer hat“ ist schlicht und einfach ein Vollidiot. Höchst praktisch, jemanden so zu nennen, ohne dass er das selbst merkt – außer er beherrscht die Finessen des Komtesserldeutsch.

Verniedlichungen existieren auch in anderen Bereichen. So heißt ein adliger Jäger „Wildhüter“, was streng genommen ja auch richtig ist. Zu vielen Schlössern gehören riesige Wälder, die gehegt und gepflegt werden müssen, weshalb mindestens einmal im Jahr zur Jagd geladen wird. Nicht nur Männer gehen auf die Pirsch. „Es gibt mittlerweile sehr viele Jägerinnen, auch junge Frauen. Ich persönlich schieße aber nicht“, sagt Minzi zu Hohenlohe zu „Gala“. Was man bei der Jagd beachten muss? „Es ist wichtig, nicht zu viel zu quatschen. Da stehen die Jäger überhaupt nicht drauf.“

Spaß haben kann man im Wald auch ganz unblutig. Enno Freiherr von Ruffin etwa veranstaltet einmal im Jahr eine Schleppjagd auf seinem Gut Basthorst, bei der zu Pferde eine künstliche Duftspur – die Schleppe – verfolgt wird. In vielen Familien lernen schon die Kinder reiten, wer etwas auf sich hält, besitzt mehrere Pferde. Einst wurden sie beim Militär gebraucht, wo Adlige traditionell hohe Positionen innehatten und ihre eigenen Tiere mitbrachten. Die große Begeisterung fürs Reiten und fürs Polospiel hält sich bis heute.

Haute Couture und ständig neue Outfits sucht man bei den meisten Standesvertretern vergebens. Stattdessen herrscht der immer gleiche Stil vor. „Man kann ihn auf Meilen ausmachen: rote Hose, Blazer, bunte Socken“, sagt Elisabeth Prinzessin von Thurn und Taxis. Angesagt sind zeitlose Klassiker-Lodenmantel, Wachsjacke, gesteppte „Burberry“-Jacke. Falls einem ein verkappter Prinz Charles auf der Straße begegnet, könnte das gut ein deutscher Adliger sein – Charles ist das modische Vorbild aller Landadligen.

Sympathisch und zeitgemäß die Einstellung zu Neuanschaffungen: „Lieber gibt man mehr Geld für Kleidung aus, die dann auch länger hält“, erklärt Tatjana Gräfin Dönhoff. Um diese Stücke kümmert man sich intensiv: Flicken auf Tweedjacken werden nicht etwa aus modischen Gründen angebracht, sondern weil der Ellenbogen durchgescheuert ist. Das gute Stück wird dann an die nächste Generation vererbt. Für einen Aristokraten pure Ironie, dass Designer Flicken von vornherein aufnähen. Nie würde ein „von“ zudem mit beschmutzten Schuhen auftreten.

Wo früher der Hausdiener wienerte, legt man heute selbst Hand an die Budapester, da sich die wenigsten überhaupt noch Angestellte leisten können. Auch das Abstauben der ererbten Möbel erledigen viele ohne Hilfe. In puncto Einrichtung kann man Adlige übrigens als wahre Trendsetter bezeichnen – man schreibt ihnen die Erfindung des Shabby Chic zu, der auf den Charme von Gebrauchsspuren setzt. Selbst wenn das Geld nur noch für eine Dreizimmerwohnung reicht, wird der Flur mit Geweihen und Bildern von Ahnen dekoriert, die von besseren Zeiten künden. Sieht lässig aus, hat sonst garantiert niemand. Umgekehrt findet sich in manchen Schlössern, wie zum Beispiel dem von Stephanie Gräfin von Pfuel, zwischen wertvollen antiken Stücken auch das eine oder andere Ikea-Regal.

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Auf dem Schloss verbringen Adlige auch die schönste Zeit des Jahres. Nicht im eigenen, sondern beispielsweise im herrlich gelegenen Refugium der Großtante am Wolfgangsee, wo es sich schön und vor allem günstig urlauben lässt. Blöd nur, dass an solchen Orten häufig auch Cousinen und Cousins in Scharen einfallen. Wer üppig Bares zur Verfügung hat, reist im Winter nach St. Moritz, trifft sich nach Weihnachten im Sachs-Privatclub „Dracula“ oder fährt nach Zürs zur „Wedelwoche“. An die Ex-Nobel-Destination Marbella, zu Gunilla von Bismarck, zieht es nur noch Gesetzte, ansonsten bevorzugt man Mallorca.

In London, der Homebase der hippen Nachkömmlinge, feiern die Jüngeren in den Clubs, in denen auch Prinz Harry versackt. Seit Kurzem fliegt man außerdem zum Musik-Festival „Time and Space“ ins mexikanische Tulum. Denn auch das ist der heutige Adel: aufgeschlossen gegenüber Neuem. Manchmal zumindest.

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