Milliardenumsätze: Bilanz der Franzosen fällt vor allem finanziell positiv aus

14. Juli 2016 at 05:26 Hinterlasse einen Kommentar

Frankreich zieht Bilanz: 1,27 Milliarden Euro mehr in der Kasse, mehr Zuschauerzahlen. Aus sportlicher Sicht war die EM kein Sommermärchen. Mehr Pizza, mehr Bier – und mehr Geld: Die EM war für Frankreich ein Segen. Dank ausländischer Touristen und zahlungskräftiger einheimischer Fans wächst das Bruttoinlandsprodukt um 1,27 Milliarden Euro – das ist zwar nur eine Steigerung um 0,5 Prozent, aber für Frankreich zählt jedes Zehntel. Die Pizza-Kette Domino, der Marktführer im Heimliefer-Service, verkündete stolz, dass bei den Spielen Frankreichs zwischen 18 und 23 Uhr jede Sekunde fünf Pizzas bestellt wurden. Das macht 115 000 pro Abend, ein Zuwachs von 70 Prozent im Vergleich mit normalen Abenden.

Die Brauerei Kronenbourg teilt mit, dass sie gegenüber einem herkömmlichen Sommer 40 Millionen Liter mehr von ihrem Gebräu verkauft hat. Die Hotels in Nizza und Lille melden eine Buchungsquote von 90 Prozent. In Nizza waren die Hotels an Spieltagen zu 100 Prozent ausgebucht, in Lille zu 95 – mehr Auslastung als bei einer Etappe der Tour de France in der Provinz.

Nathalie Hénaff, Wirtschaftsbeauftragte am Zentrum für Recht und Wirtschaft im Sport an der Universität von Limoges, resümiert: „Einige unserer Annahmen sind sogar hinter der Realität zurückgeblieben. Wir hatten mit 40 Prozent ausländischen Touristen gerechnet. Am Ende waren es 60 Prozent der 2,5 Millionen in den Stadien. Und dabei haben wir noch keine Auswertung über die Fanzonen, die nicht immer voll, aber in der Regel gut besucht waren.“

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Allerdings beklagt Frankreich auch einen Steuer-Ausfall von 150 bis 200 Millionen Euro – Zugeständnisse an die Europäische Fußball-Union (Uefa). Dafür wurden für die EM 100 000 Jobs geschaffen. Dauerhaft bleiben sollen am Ende 25 000 Vollzeit-Arbeitsplätze. Aus sportlicher Sicht war diese EM jedoch kein Sommermärchen. Nach 30 Tagen mit sehr viel Fußball, aber sehr wenig gutem Fußball fällt die Bilanz des ersten europäischen XXL-Turniers ziemlich dürftig aus. Eine kontinentale Begeisterung konnte die mit 24 Mannschaften größte EM in 56 Jahren Turniergeschichte nicht entfachen. Die erfrischenden Außenseiter aus Wales und Island sorgten für den Gute-Laune-Faktor. Besonders die Fans und Experten in den klassischen Fußball-Großmächten konnten aber wenig Gefallen an Spielniveau und Stimmung finden.

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Das Turnier und seine festliche Atmosphäre haben Europas Liebe zum Leben gezeigt und der Gesellschaft eine wahrhafte Lehre gegeben“, lautete das politisch formulierte Turnierfazit von Angel Maria Villar Llona, dem derzeit ranghöchsten Uefa-Funktionär. Die Worte verdeutlichten das Grundproblem des Mega-Events ein gutes halbes Jahr nach der Anschlagsserie auf Paris: Diese EM war vor allem ein Sicherheitsturnier – und zwar auf allen Ebenen.

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Der Toreschnitt von 1,92 Treffern pro Partie deutete auf einen Negativrekord hin. Der Schnitt wurde zwar mit mehr Treffern in der K.o.-Phase abgewendet und deutlich über die Zwei-Tore-Marke gehievt, doch der Esprit einer Taktikrevolution oder Offensivoffenbarung fiel weiter aus. Der Modus mit vier Gruppendritten im Achtelfinale, die teilweise tagelang über ihr Turnierschicksal im Unklaren waren, überforderte viele Fußball-Freunde.

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Die Sorge vor Anschlägen lag wie Blei über dem Ausrichterland, auch im Ausland waren die Sorgen groß. Sportlich war das Prinzip in einer Dauer-Gruppenphase der Dauer-Duelle zwischen Groß und Klein dann fast symbolisch für die Grundstimmung: Safety First!

Die EM 2016 ist vorbei. Die längste in der Geschichte, mit den meisten Teams. Aber die Aufstockung des Turniers auf 24 Teilnehmer wird nicht nur goutiert. Die 15. Europameisterschaft hat keine neuen taktischen Erkenntnisse hervorgebracht, den Fussball in seiner Entwicklung nicht weiter gebracht. Dass der Modus nicht optimal ist, hat man auch bei der Uefa erkannt. Das Problem sei, dass diese Gruppendritten erst nach Abschluss der Vorrunde im Quervergleich feststünden und die Teams, wie zum Beispiel Albanien in der Gruppe A, lange warten mussten, ehe sie wussten, ob sie für den Achtelfinal qualifiziert sind. Zudem wurden diese Spiele nicht, wie bei Entscheidungen üblich, am gleichen Tag zur selben Zeit ausgetragen. So war die Chancengleichheit nicht gewahrt.

Eine EM wie 2016 wird es 2020 dennoch nicht geben. Keine ausländischen Fans, die begeistert ihren Teams durchs ganze Land folgen, sich mit den Einheimischen in den Public Viewings vermischen, gemeinsam feiern und sich unters Volk im Gastland mischen. Das wars vorerst in dieser Turnierform.

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In vier Jahren wird die EM in insgesamt 13 Städten in 13 Ländern ausgetragen: in Amsterdam, Bilbao, Baku, Brüssel, Budapest, Bukarest, Dublin, Glasgow, München, Kopenhagen, Rom, London und in St. Petersburg. Die Fans werden wohl am Spieltag anreisen und am Abend oder am Tag darauf wieder nach Hause reisen.

2020 soll die Anzahl der Teams bei 24 bleiben. Für 2024 überlegt sich die Uefa eine Aufstockung auf 32 Teams, erklärte Interims-Generalsekretär Theodore Theodoridis vor dem Final in Paris. Bei 55 Mitgliedsländern bräuchte es dann wohl keine Qualifikation mehr.

Dem sportlichen Wert wäre das kaum zuträglich. Der war in Frankreich schon nicht hoch, aber zumindest stimmte die Kasse. Es sind ja zum Beispiel nur schlappe 4300 km (Luftlinie) zwischen Bilbao und Baku oder 2400 km von St. Petersburg nach Rom. Für Mannschaften, Fans und Medien eine riesige logistische Herausforderung. Auch die unterschiedlichen Zeitzonen sind nicht zu unterschätzen. Das bedeutet wohl das Ende des klassischen Fantourismus und auch der Turnier-Stimmung.

Die nächste EM findet so im Flugzeug statt oder vor dem Fernseher. Der bis 2020 suspendierte Uefa-Präsident Michel Platini nannte seine Idee einst «romantisch». Es ist eher – gelinde ausgedrückt – eine Schnapsidee!

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