Nach Putschversuch – Istanbul in seiner gefährlichen Gewohnheit

24. Juli 2016 at 16:21 Hinterlasse einen Kommentar

Soner kann es nicht fassen. „An dem Tag, an dem 9.000 Polizisten vom Dienst suspendiert werden, kriege ich einen Strafzettel. Mein verdammtes Schicksal!“ Er stellt sein Auto an einer belebten Straße Istanbuls ab, um einzukaufen – und kassierte just ein Andenken der Ordnungshüter. Das, was Soner in der türkischen Metropole widerfährt, beschreibt die Stimmung der Menschen in Istanbul zwischen Normalität und Ausnahmezustand recht gut.

Das Land wurde erst vor wenigen Tagen Opfer eines dilettantisch vorbereiteten Putschversuchs, der über 200 Zivilisten das Leben kostete. Über 1.000 Menschen wurden teils schwer verletzt. Die Bosporus-Brücken in Istanbul wurden okkupiert, der Taksim-Platz ebenso besetzt. In Ankara wurde das Parlamentsgebäude mit Bomben attackiert, in beiden Städten sorgten Panzer, tieffliegende Kampfjets und Hubschrauber für Schreckens. Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der nach eigenen Angaben selbst Opfer eines Anschlags werden sollte, ein Terrorakt, angestiftet und organisiert von seinem einstigen Verbündeten und jetzigen Erzfeind Fethullah Gülen und dessen internationale „Hizmet“-Bewegung. Sie soll Teile des Militärs und der Polizei unter seiner Kontrolle haben.

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Inzwischen hat die türkische Regierung einem Erdogan-Vorschlag entsprochen und einen dreimonatigen Ausnahmezustand ausgerufen. Die Polizei bekommt mehr Macht, darf beispielsweise ohne Angabe von Gründen Personenkontrollen durchführen, Ausgangssperren verhängen und Versammlungen verbieten. Man kann sich in Deutschland ein derartiges Szenario heutzutage kaum vorstellen. Welchen Einfluss diese Ereignisse auf den Alltag haben, welche Angst sie verbreiten.

Und in der Türkei? Soner kriegt sich wegen seines Strafzettels nicht mehr ein. Und geht dann erstmal weiter einkaufen. Von einem Ausnahmezustand gibt es in Istanbul keine bis kaum eine Spur. Die Istanbuler leben ihr Leben weiter, als wäre nie etwas gewesen. Ja, abends schlendern noch viele Menschen mit Fahnen durch die Straßen oder organisieren am Tag spontan Autocorso, um Solidarität und Flagge mit und für Erdogan zu zeigen. Erdogan spricht täglich zum Volk, fordert sie zum Schulterschluss auf.

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Am Samstagabend versammelten sich Tausende auf der Bosporus-Brücke, um „für die Demokratie“ zu protestieren, genau so wie es sich der Staatschef von ihnen wünscht. „Freitagnacht hatten die Menschen Angst um ihr Leben, Samstagmorgen grübelten viele, am Sonntag gab’s beim Starbucks eine riesen Schlange. Ich war im Schwimmbad“, sagt Emre, der ein Haushaltsgeschäft im Westen der Stadt führt.

Es ist nicht so, dass es die Türken kalt lässt, was in ihrem Land passiert, aber sie haben eine gefährliche Gewohnheit entwickelt. In den letzten Monaten ist viel passiert und das stumpft ab. Bombenanschläge, Unruhen. Das Attentat am Istanbuler Flughafen ist erst ein paar Wochen jung. Mit den Dampfstrahlen, die die Blutlachen und Resttrümmer am Atatürk-Flughafen verschwinden

Wer am europäischen Flughäfen der Millionenstadt landet, bekommt kaum noch mit, dass hier vor wenigen Wochen 44 Menschen starben, als Anhänger der Terrormiliz IS sich in die Luft sprengten. Kurz hinter der Passkontrolle haben Grenzbeamte Fotos ihrer Kollegen an die Glaswand ihres teils zerstörten Stützpunktes gehängt, um zumindest diese Erinnerung wach zu halten. Der Rest ist wie früher. Der gewohnte Stress der Stadt, den nur der blauschimmernde Bosporus erträglich erscheinen lässt.

Auch die Opfer des Putschversuchs sollen nicht vergessen werden. Auf den Bildschirmen der Istanbuler Metro werden die Namen samt Fotos einzeln gezeigt – sie werden als Märtyrer gefeiert. Aber auch sie werden bald wieder Werbung und lustigen Tierfilmchen weichen. Noch versammeln sich Hunderte jeden Abend am Taksim-Platz, aber auch sie werden in den Alltag zurückkehren – so wie viele Millionen es bereits getan haben.

„Ich möchte wieder Liebeskummer haben und über Galatasaray fluchen, wenn sie wieder so ein Mist spielen. Ich habe meine alten Sorgen vermisst“, twittert Ayça. Sie schreibt dabei vielen aus der Seele. Die Istanbuler wollen sich nicht an Terror, Tod und Chaos gewöhnen und jedes Mal von vorne beginnen und vergessen, wenn wieder ein Unheil ihre Stadt aufgesucht hat.

Nach dem Putschversuch soll sich einiges ändern, doch so richtig Euphorie mag nicht aufkommen. Seit dem Putschversuch mit mehr als 260 Toten geht die Regierung mit harter Hand gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger vor. Zehntausende Staatsbedienstete wurden suspendiert, mehr als 8.500 Menschen festgenommen. 24 Fernseh- und Hörfunksendern mit angeblicher Gülen-Nähe wurde die Lizenz entzogen. Erdogan macht Gülen für den Putschversuch aus Teilen des Militärs verantwortlich und fordert die Auslieferung des Predigers, der in den USA lebt.

Der Umsturzversuch vom Freitagabend hat auch Forderungen nach der Todesstrafe ausgelöst. Erdogan hat angekündigt, einer Wiedereinführung zuzustimmen, sollte das Parlament eine entsprechende Verfassungsänderung beschließen. Die EU hat gedroht, in einem solchen Fall die Beitrittsverhandlungen mit Ankara zu beenden.

Und Soner? Er regte sich am Samstagabend wieder auf. Er wollte über die Bosporus-Brücke nach Hause auf die anatolische Seite fahren, dort stieg aber eine Party. „Leute, feiert woanders. Was wollt ihr auf der Brücke?“ Soner musste bis im die Nacht warten, bis die Straße wieder frei war. Aber diesmal gab’s wenigstens keinen Strafzettel.

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„Erdogan muss uns beim Thema Rechtsstaatsprinzip entgegenkommen, und danach sieht es gerade nicht aus“, sagte der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger in einem Gespräch mit der Redaktion unseres Hauses. „Ich sage (…) voraus, dass wir zum Jahreswechsel noch keine Regelung zur Visafreiheit haben werden“, fügte er hinzu.

Eine Fluchtbewegung von Oppositionellen gibt es zwar noch nicht, das kann sich aber ändern. Jeder, der sich politisch verfolgt fühlt, kann Asyl in Deutschland beantragen. Die Zahl der asylsuchenden Türken war bisher relativ gering.

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