Archive for November, 2016

Diese Vorstellung, dass jeder Mensch im Herzen Künstler ist

Ein Mann mit einer riesigen Lockenmähne steht vor einer weißen Staffelei und malt. In rund dreißig Minuten entsteht auf der Leinwand eine Landschaft mit Bergen, Bäumen und See, einem kleinen verschneiten Holzhäuschen und blassrotem Wolkenhimmel. Es ist ein Uhr nachts, die Welt liegt im Dunkel, und im Fernsehen (http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/joy-of-painting/index.html) läuft „The Joy of Painting“.

2

Mit Hypnosestimme erzählt Bob Ross, ein treu blickender Amerikaner mittleren Alters, dem schläfrigen, schon bettfertigen Zuschauer von der atemberaubenden Schönheit der Landschaften Alaskas, von seinem Sohn Steve und putzigen Wildtierjungen, die er als Waisen bei sich zu Hause aufnahm. Die Minuten fliegen dahin, während sich die Leinwand auf dem Bildschirm füllt – man versinkt in einen Mantel aus Glückseligkeit. Am Ende ist das Gemälde fertig, und sieht genauso aus, wie Hunderte andere zuvor – idyllisch, romantisch und oft ein wenig kitschig. Doch das ist gleich, denn darum geht es nicht, im zeitlosen Mal-Kosmos dieser wohl unnachahmlichen Wohlfühl-Show.

Bob Ross ist Kult. Seit nunmehr acht Jahren sendet der bayerische Kulturkanal BR alpha seinen legendären Fernseh-Malkurs, der zum Kanon der Popkultur zählt. Nicht nur der amerikanische Cartoon-Klassiker „Family Guy“ hat den Künstler inzwischen parodiert, sondern auch Michael Herbigs „Bullyparade“. Derweil führt das Online-Netzwerk StudiVz hundertachtzig Themen-Gruppen unter seinem Namen auf, in denen sich 25 000 Mitglieder über sein Werk unterhalten: Obgleich der Mann mit der Afro-Frisur vor vierzehn Jahren starb, ist seine Popularität ungebrochen. Nach Angaben des Bayerischen Rundfunks ist die Akzeptanz von „The Joy of Painting“ beständig, die Ausstrahlungsrechte wurden kürzlich um vier weitere Jahre verlängert. Das war zu erwarten, Bob Ross (1942 bis 1995) ist zum Aushängeschild des Senders geworden, an seinen Bekanntheitsgrad reichen allenfalls der Astrophysiker Harald Lesch („Alpha-Centauri“) und der Programmchef-Talkmaster Werner Reuß („Alpha-Forum“) heran.

3

Seit 2001 läuft der Malkurs in Dauerrotation – samstagabends, sonntagmorgens und im werktäglichen Nachtprogramm. Die Zuschauer sind überwiegend junge Menschen, speziell studentisches Publikum, dem Ross’ Duktus der sprachlichen Entschleunigung reine Entspannung ist. Der Erfolg der Show beruht auf der Schlichtheit: eine schwarze Studiokulisse, eine Leinwand und davor der Maler in hellblauem Hemd, die Palette in der Hand.

„Hi, welcome back!“, beginnt Ross stets. „I’m certainly glad you could join us today!“ Im Nu werden die Farben aufgezählt, die man zum Mitmalen braucht – von „Dark Siena“, über „Yellow Ochre“ bis zu „Titanium White“. Dann macht sich der Künstler ans Werk. Mit seiner eigens entwickelten „Nass-in-Nass-Technik“, die ein zügiges Malen in Echtzeit erlaubt, zaubert er filigrane Landschaften mit Arbeitsutensilien, die man eher in der Tasche eines Anstreichers vermuten würde: In den meisten der über 400 Folgen reicht ihm ein grober, quastartiger Pinsel (der Two-Inch-Brush) und ein Spachtel, damit bannt er Wälder und Gebirgsgipfel scheinbar mühelos auf die Leinwand.

4

In einer Zeit des multimedialen Dauerbombardements birgt „The Joy of Painting“ den dramaturgischen Kontrapunkt zur unentwegten Reizüberflutung. Der Ablauf ist genau festgelegt und mit der Stoppuhr erprobt. Die sprichwörtlich gewordenen Wendungen wiederholen sich in beruhigender Regelmäßigkeit: „Everyone can be an artist“, erklärt Ross ermutigend, und: „We don’t make mistakes, we just have happy little accidents.“ Beim Reinigen des Pinsels lächelt er verklärt in die Kamera, und hin und wieder gibt es Einspielungen, die ihn mit seinem privaten Haustierzoo zeigen. Es ist ein kindlicher, fast naiver Blick auf die Welt. Vor Ross’ spirituellen Binsenweisheiten – „every creature in this world needs a friend“ – versagt jede rationale Kritik.

Chronisch gut gelaunt scherzt der Mann mit der Afro-Frisur, während er den Zuschauern Schritt für Schritt vormacht, wie sie niedliche Landschaften um noch niedlichere Hütten bereichern können: „Es ist ganz einfach. Wenn es nicht einfach ist, machen Sie etwas falsch“. Seit zwei Jahren strahlt der bayerische Bildungskanal BR Alpha „The Joy Of Painting“ in Deutschland aus und erzielt um ein Uhr nachts mit durchschnittlich einer Million Zuschauern Traumquoten. Die Sendungen mit dem sanftmütigen Maler sind zum heimlichen Kult geworden.

Bob Ross studierte zunächst an verschiedenen amerikanischen Universitäten Malerei und entdeckte schließlich seine spezifische Malweise (http://www.bobross.com/). Nachdem er die schon von Vincent van Gogh benutzte „Nass in Nass-Technik“ gründlich ausgebaut und etliche Tricks und Hilfsmittel erprobt hatte, fing er an, auch anderen beizubringen, wie man damit schnell und ohne viel Talent opulente Landschaftsbilder kreieren kann. Mehr als 1200 Werke entstanden allein rund um „The Joy of Painting“. In 403 Ausgaben malte Ross je drei Bilder. Eines war für Zuschauer unsichtbar. Es war die Vorlage, nach der er bei laufender Kamera eine Kopie malte, die alle für spontan hielten. Eine dritte, identische Ausgabe des Schinkens wurde benutzt, auf Fotos einzelne Schritte zu zeigen. So illustrierte Ross für Ratgeber die „Nass-in-Nass-Methode“. Bei der Malweise ist die weiße Oberfläche der Leinwand noch feucht. Spontan war an den Bildern also nichts. Doch kamen die Landschaften aus dem Herzen. Bob Ross war inspiriert durch die Landschaft Alaskas, die er als Air-Force-Unteroffizier gesehen hatte. Nach dem Abschied von der Truppe ging der Zimmermannssohn auf die Suche nach einem künstlerischen Mentor. Er fand ihn in dem deutschstämmigen Künstler William Alexander, der eine TV-Sendung in Kalifornien hatte. Bob Ross war begeistert. Er wurde Alexanders Schüler, verfeinerte die erlernte Methode und lobte brav seinen Maestro. Allerdings immer leiser, dann immer seltener und irgendwann gar nicht mehr. Stoff für viel Zoff. Ab 1981 reiste er quer durch die USA, um seine Technik vorzustellen. Zwei Jahre später produzierte er für den Discovery Channel die ersten Fernseh-Malkurse. Bei den Dreharbeiten zu einem Werbespot zog er 1983 das komplette Sendeteam des Chicagoer Lokalsenders PBS in den Bann, dessen Manager ihm prompt einen Vertrag anbot. Kurz darauf liefen die ersten dreizehn Episoden von „The Joy of Painting“ – am Anfang jedoch in technisch mangelhafter Qualität. Tatsächlich gelten die ersten vierzehn Staffeln aufgrund einer zu grobkörnigen Auflösung als unsendbar, ausgestrahlt werden heute die fünfzehnte bis einunddreißigste Staffel (1988 – 1993). 1995 verstarb er an Krebs. Die Kurse aber liefen weiter.

Dank perfekter Vermarktung war Ross in den USA schon zu Lebzeiten eine Ikone. Heute sorgt die „Bob Ross Corporation“ mit Sitz in Sterling, Virginia dafür, dass sein Ruhm auch über den Tod hinaus und vor allem weltweit vermehrt wird. „Sie können Bob Ross in England, Deutschland oder Holland ebenso sehen, wie in der Türkei, dem Iran, Japan oder Korea“, sagt Bert Effing, 52, Prokurist der Europa-Zentrale des Unternehmens im niederländischen Roermond. „Demnächst sollen noch Russland, Polen und Tschechien dazukommen. Weltweit erreichen wir theoretisch etwa 500 Millionen Zuschauer.“

Der Popularität von Bob Ross hat das nicht geschadet. Ein Firmen-Imperium (https://www.kunstpark-shop.de/bob-ross/)verwaltet seinen Nachlass in Form von patentierten Malmaterialien, speziell ausgebildete Instrukteure lehren seine bekannte Methode. Und aus dem Fernseher tönt es noch immer beim Abschluss einer jeden Sendung: „From all of us here: We wish you happy painting and God bless, my friend!“ Längst ist aus dem Fernseh-Malkurs ein gigantisches Unternehmen geworden, das Millionen von Ross-Schülern mit den nötigen Pinseln, Farben, Anleitungsbüchern und Videos ausstattet. Die patentierten Spezialfarben mit dem Konterfei des TV-Gurus werden von einem Düsseldorfer Ölfarben-Hersteller produziert, Videos und Bücher kommen aus Amerika.“ Letztlich ist es aber die Person Bob Ross, nicht die Maltechnik, die das Konzept weltweit erfolgreich macht“, sagt Effing. „Bob Ross ist friedlich und sanft und damit schon fast Anti-Fernsehen.“

5

 

 

Wem passives Zuschauen oder einsames Pinseln vor dem Fernseher nicht ausreicht, kann sich längst zu speziellen Malkursen anmelden. In Roermond werden regelmäßig „Bob Ross-Instructors“ geschult, die ihr Wissen später an Möchtegern-Maler vermitteln sollen. So auch in Berlin: „Ein bisschen Van Dijk braun, ein bisschen Dunkelsienna und einen Schuss Ocker“, erklärt Eva Tadewald ihren sechs Kursteilnehmern, bevor sie anfängt, mit dem Spachtel die Farben auf ihrer Palette zu vermengen. In blauer Capri-Hose und weißer Bluse steht die 53-Jährige vorne vor einer Leinwand und zeigt ihren Schülern, wie sie dank der Ross-Methode mit ein paar einfachen Pinselstrichen Berge, Tannen, Gras und Blumen auf die Leinwand bannen können. Schon seit Jahren lehrt die gelernte Porzellan-Malerin aus Zwickau in Berlin-Schönweide die Technik des verblichenen TV-Malers, die es jedem ermöglichen soll, zum Künstler zu werden. „Im Fernsehen geht es aber eigentlich immer viel zu schnell. Wenn man ein Gefühl für das Malen bekommen will, muss man es selbst ausprobieren“, sagt sie. Anders als viele ihrer Kollegen hält sie sich bei ihren Kursen nicht zwingend an die vorgegebenen Werke des US-Malers. „Ich vermittle nur die Technik, nicht das Motiv“, sagt sie. „Mit der Technik kann man ja auch andere Bilder malen“.

6

Heute haben sich die Kursteilnehmer als Vorlage das Bergseemotiv eines anderen Künstlers ausgesucht – gemalt wird in Sechsergruppen mit Original-Ausrüstung aus Holland oder Amerika. Der Trick der von Ross weiterentwickelten „Nass in Nass-Technik“: durch die besondere Konsistenz der Ölfarben, die sich ohne weiteres mischen und übermalen lassen, wird langwieriges Skizzieren überflüssig. Man braucht nicht zeichnen zu können. Mit den speziell entwickelten Materialien malt man sofort auf die Leinwand. Aufwendige Bildstrukturen entfallen, bereits Fertiges wird schlicht überpinselt, wenn man etwas vergessen hat. Einige simple Schwünge mit dem Fächerpinsel, schon entsteht ein Baum. Einmal gespachtelt und verwischt – schon hat man hat eine „glückliche Wolke“.

Für Kursleiterin Tadewald steht die Entwicklung eines individuellen Stils im Vordergrund ihrer Didaktik. „Es geht hier nicht um Malen nach Zahlen und die möglichst detailgenaue Kopie einer Vorlage“, sagt sie. „Sie werden sehen, am Ende werden alle Bilder ein wenig anders sein.“ Währenddessen pinseln und spachteln die Teilnehmer hoch konzentriert an ihren Werken. Hier ein Baum, dort ein Busch. Ein bisschen Gelb für die Lichtreflexe in den Blättern, ein bisschen Braun für die Treppe im Vordergrund. Die Materialien sind im Kursgeld inbegriffen. 65 Euro kostet die Tagesschulung, am Ende hat jeder ein selbst gemaltes Bild – garantiert.

7

http://www.atelier-kunstlaube.de/

http://www.kleinemalerei.de/

http://uwe-rieger.com/#!/?page_id=1281

26. November 2016 at 09:34 Hinterlasse einen Kommentar

Der aufgehende Stern am Magier-Himmel

Troy ist 24 Jahre jung, heißt eigentlich Johannes Troy von Scheibner (http://troyvonscheibner.com/). Sein Vater stammt aus Berlin, seine Mutter aus Jamaika. Aufgewachsen ist Magier „Troy“ jedoch in Lewisham, einem Stadtbezirk von London. Er hat klein angefangen – als Verkäufer in einem Klamottenladen in der Carnaby Street in London. Alles so weit völlig unspektakulär. Im Alter von zwölf Jahren sah Troy die ersten Videos mit dem US-Zauberer David Blaine und war so fasziniert, dass er darüber vergaß, seine Hausaufgaben zu machen. Doch mit gerade mal 15 Jahren gewann er den „Young Close-Up Magician of the Year“-Award des renommierten britischen „Magic Circle“ und legte damit den Grundstein für seine Karriere als Straßenmagier. Und jetzt ist es vorbei mit dem Verkaufen von Mode – jetzt mischt er den Magie-Zirkus kräftig auf.

1

Dazu hat er sich viel vorgenommen. Troy bewegt sich jenseits aller Magie-Konventionen, zaubert keine possierlichen Kleintiere aus Hüten und zersägt auch keine mutigen Frauen. Vorbei ist es auch mit schwarzem Umhang, Zylinder auf dem Kopf und düsterem Blick. In perfekten Illusionen sorgt der smarte Londoner mit Baseballcap und trendigen Tattoos für unvergessliche magische Momente nach dem Motto „Nichts ist unmöglich“. Dazu hat er sich viel vorgenommen. Troy bewegt sich jenseits aller Magie-Konventionen, zaubert keine possierlichen Kleintiere aus Hüten und zersägt auch keine mutigen Frauen. Auf dem Marktplatz, in der U-Bahn oder in der Shisha-Bar: Straßenmagier Troy bevorzugt den Urban-Street-Style und bezieht sein Publikum beim Zaubern stets mit ein. Dabei stellt er mit gewöhnlichen Alltagsgegenständen – vom Comic-Heft bis zum Smartphone – unglaubliche Dinge an. Vielmehr mixt er angesagten urbanen Stil mit Straßenklamotten und tarnt seinen natürlichen Charme mit lässig-coolem Touch. Er hat braune Augen, ein ansprechendes Lächeln und ist sehr höflich – jedenfalls im Gespräch mit der Redaktion unseres Hauses in Berlin. Die Tricks des Ausnahme-Illusionisten mit deutsch-jamaikanischen Wurzeln sind absolut atemberaubend und spektakulär.

Viele seiner kleinen Kunststücke kann man auf YouTube (https://www.youtube.com/watch?v=HC-mGMcBYJg) bestaunen. Dabei wirkt er wie ein ganz normaler junger Mann von nebenan – lässig, gut angezogen, mit tätowierten Armen und einer Baseballmütze auf dem krausen Haar. «Ich liebe Mode, und ich liebe es einfach, gut gekleidet zu sein. Ich mag das Zusammenspiel von Magie und Mode. Ich bin überzeugt davon, dass man umso mehr Erfolg hat, je besser man angezogen ist und umso authentischer man wirkt», sagt er. «Für mich ist Magie eine Art von Lebensstil, ein Teil des Alltags. So kann ich die Leute viel besser überraschen. Und auf diese Weise vermag ich die Magie sehr nah an meiner Person zu halten. Sie ist mir sehr nah und ein wichtiger Teil von mir. Damit hoffe ich, sie auch weiter populär zu machen.»

Was macht seine Art von Magie nun so besonders für das Publikum? «Ich mag es, den Leuten spontan etwas zu zeigen und eine ebenso spontane Reaktion hervorzurufen – möglichst eine fröhliche natürlich. Das geht umso besser, weil ich meine Show überall zeigen kann, auf der Straße, im Supermarkt, in einem Café, an der Bushaltestelle oder beim Friseur.» Dort lässt er ein Handy verschwinden, was aber im Spiegel sichtbar bleibt und sogar klingelt. Oder er schafft es im Handumdrehen, einen abgebrochenen Brillenbügel wieder zu befestigen.

Der Autor dieser Zeilen steht allen möglichen Zauberkünsten sehr skeptisch gegenüber und sagt das auch. «Dann machen wir jetzt etwas zusammen», sagt Troy spontan und drückt mir drei britische Geldmünzen in die Hand. Ich schließe sie zur Faust und soll eine Münze bestimmen, die verschwinden soll – und genau diese ist dann beim Öffnen der Hand tatsächlich weg. Gespürt habe ich gar nichts, auch ist meine Hand nicht berührt worden. Aber ich bin seltsam berührt – und Troy strahlt mich an. Das Leben kann magisch sein.

26. November 2016 at 09:28 Hinterlasse einen Kommentar


Kalender

November 2016
M D M D F S S
« Aug   Mrz »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  

Archiv