Christoph Habsburg-Lothringen: „Kaiser“ der Pfadfinder

20. März 2017 at 06:26 Hinterlasse einen Kommentar

Seit Wochen ist der Forstwirt aus dem Lavanttal unterwegs, um das Großereignis zu organisieren. Es galt, hohe bürokratische Hürden aus dem Weg zu räumen. Habsburg-Lothringen staunt immer noch über Vorschriften, die von Amts wegen auferlegt wurden: „Unser Lager hätte dieselben Hygiene-Vorschriften einhalten müssen wie ein Hotel. Für die Kameraden, die am Lagerfeuer das Essen zubereiten, haben die Beamten Haarnetze vorgeschrieben.“ Dank der guten Kontakte zu den Behörden konnte der Pfadfinder-Chef allzu kleinliche Vorschriften aus dem Weg schaffen. Wenn er Zeit für Privates findet, reist der begeisterte Forstmann am liebsten nach Italien, dessen Bewohner ihn wegen der Mischung aus Fleiß und Lebensfreude beeindrucken.

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Seit ein paar Tagen hat der Forstwirt Christoph Habsburg-Lothringen aus St. Andrä ein Handy. Gezwungenermaßen. Denn seine engsten Mitarbeiter haben sich geweigert, mit ihm das internationale Pfadfindertreffen im Rosental vorzubereiten, wenn er nicht leichter erreichbar ist.

Bis dato hatte der Nachfahre von Kaiserin Maria Theresia und Spross der toskanischen Habsburger-Linie auf technische Hilfsmittel dieser Art verzichtet. Im EDV-Bereich kann er sich voll und ganz auf Sohn Dominik verlassen, der „am Computer eine Koryphäe ist“ und die familieneigene Forstverwaltung im Jahr 2010 von seinem Vater übernommen hat. „Vater-Sohn-Konflikte gibt es bei uns nicht“, sagt der Präsident der Kärntner Pfadfinder, „weil ich nur Aufgaben im Betrieb übernehme, die mein Sohn an mich delegiert.“ Mit dem Pfadfinderwesen in Kontakt gekommen ist der Vater von fünf erwachsenen Kindern im Jahr 1977, als er von Pater Enthofer in St. Andrä gebeten wurde, die örtliche Pfadfindergruppe zu übernehmen. Bald gesellten sich Funktionen auf Landesebene dazu. 2001 organisierte der heutige Präsident das erste internationale Lager unter dem Motto „senza confini“ (auf Deutsch: ohne Grenzen): „Das offizielle ’senza-confini‘-Projekt war gerade gescheitert. Da wollten wir zeigen, dass wir es besser können.“ Ein Treffen mit 2500 Pfadfindern aus 15 Nationen wie Russland, Großbritannien, Belgien und Tschechien. Die weitest angereiste Gruppe wären die Pfadfinder aus Ghana gewesen, doch die haben das notwendige Visum nicht bekommen.

Stolz ist er auf seine fünf Kinder, die Söhne Dominik, Maximilian, Constantin, Ferdinand und Tochter Elmerice. Die hat dafür gesorgt, dass sich ihr Vater vor zwei Jahren entschließen konnte, „seinen“ Forstbetrieb Dr. Gudmund Schütte, Forst- und Gutsverwaltung, Jagd und Fischerei, Großprojekte, Beratung und Umsetzung von Dienstleistungen für Land- und Forstbetriebe, an Sohn Dominik zu übergeben. „Elmerice lebte ein paar Jahre in Australien. Da haben meine Frau Ebba und ich ihr einen fünfwöchigen Besuch abgestattet. Als ich nach St. Andrä zurückgekommen bin, war alles in bester Ordnung“, erzählt der 68-Jährige. „Das Unternehmen hatte also auch ohne mich funktioniert. Da habe ich gewusst, dass ich die Firma an meinen Sohn übergeben kann.“ Als verantwortungsvoller Arbeitgeber richtet die Familie Habsburg-Lothringen ihr gesamtes unternehmerisches Handeln auf den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg und hohe Qualitätsstandards aus. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die nachhaltige und umweltbewusste Bewirtschaftung von großen land- und forstwirtschaftlichen Flächen.

Wäre es anders gekommen, dann wäre er heute ein Erzherzog

Eduard (Karl Joseph Michael Marcus Antonius Koloman Volkhold Maria) Habsburg-Lothringen, 44 Jahre alt, wohnt in der Nähe von Wien. Er wurde am 12. Jänner 1967 in München geboren, wo er auch 25 Jahre lang lebte. Was liegt also näher, als sich auch in den Gemächern seiner Urururoma zu verabreden, in der Wiener Hofburg. Es ist ein kühler Frühlingsvormittag, Fiakerkutschen klappern über das Kopfsteinpflaster, vor dem „Sisi-Museum“ stehen die Touristen Schlange. Eduard Habsburg ist das erste Mal in seinem Leben in der Hofburg. Schlossatmosphäre gibt es hier nicht, nur unendlich viele Vitrinen mit silbernen Tellern und merkwürdige Spiegelinstallationen, die wohl Sisis Eitelkeit verkörpern sollen. Er fühle sich trotzdem „irgendwie zu Hause“, sagt Eduard Habsburg-Lothringen, wegen der Raumproportionen, die in allen Schlössern gleich seien. Eduard Habsburg-Lothringen trägt abgewetzte Jeans und einen flatternden Trenchcoat, immer wieder summt sein Blackberry. Er ist ein viel beschäftigter Mann, Pressesprecher des Bischofs von St. Pölten. Nebenbei schreibt er Drehbücher, eines über Sisis letzten Tag hat er schon fertig. Davor hat er Philosophie studiert und für die Kirch-Gruppe gearbeitet. Immer wieder ruft eines seiner sechs Kinder an und will wissen, wo das Soundso-Heft ist. „Vielleicht auf der Dunstabzugshaube in der Küche!“, sagt Eduard Habsburg-Lothringen ins Telefon. Der Blackberry ist auch einer der Gründe, warum er auf Dauer nicht in einem Schloss leben könnte: Es gibt keine Stecker und kein Internet. Ganz abgesehen von den Themen der Schlossbesitzer. Seit einer seiner Bekannten „von der Moderne“ in ein Schloss gezogen sei, rede er nur mehr vom Dach und den vielen Räumen, aus denen er die Fliegen kehren müsse.

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Apropos Räume. Egal, welches der riesigen Prunkgemächer wir durchqueren, für Eduard Habsburg-Lothringen ist es ein „Raum“. Das kann an dem so zwanghaften wie koketten Hang vieler Adeliger zum Tiefstapeln liegen, vielleicht aber auch nur daran, dass sich ein gleich aussehender Salon an den anderen reiht. Kein Wunder, dass die Salons in Schlössern nach Farben, Tee oder irgendwelchen Besuchern benannt werden müssen.

Kostspieliger Erhalt

In einer Ecke steht der Schreibtisch des Kaisers, in einer anderen seine Waschgelegenheit. Ein einfacher Holztisch mit Schüssel, daneben ein weißes Leinentuch. Bis heute in vielen Schlössern üblich, sagt Habsburg-Lothringen. Bäder müsste man nachträglich einbauen, und das können sich die wenigsten Schlossbesitzer leisten.

Eduard Habsburg-Lothringen bleibt kurz vor einem Ölgemälde stehen („Das muss die Sophie sein“) oder deutet auf die grün-blauen Gobelins, die sich die meisten Schlossbewohner allerdings nicht leisten konnten. An die Wände wurde deswegen nicht selten Leder geklebt. Dann sind wir auch schon wieder draußen, denn die interessanten Schlossgeschichten spielen nicht im Sisi-Museum. Sondern etwa in den Schlössern Spaniens, wo schon man der Monarch vorbeikommt. Oder in den „personalgeführten Schlössern“ diverser Königshäuser, in denen es zugehe wie in Luxushotels. Als Eduard Habsburg-Lothringen in einem solchen Schloss einmal etwas fallen ließ, war es fünf Minuten später eingeräumt.

Und wie wohnt es sich nun in einem Schloss? Beschwerlich, sagt Eduard Habsburg-Lothringen. Zwar würden die meisten Leute glauben, „man steht mit der Krone unter der Dusche“, doch ein Schloss sei vor allem eines: zu groß. Obendrein zu teuer und zu viel Arbeit. In einem Schloss hat er einmal seine Gastgeberin gefragt, ob sie wieder ins Schloss einheiraten würde, und sie sagte: Nein, denn das ist ein Lebensprojekt. „Hätte ich selbst ein Schloss, hätte ich nie schreiben können, sondern ich müsste mich um meinen Forst kümmern“, sagt Eduard Habsburg-Lothringen. Er lebt mit seiner Familie in einem modernen Architektenhaus. Also ist ein Schloss eine Bürde? Man kann ein Schloss im Familienbesitz ja nicht einfach verkaufen und in ein Penthouse ziehen.

Man kann, aber man tut das nicht, weil es viele Generationen vor einem auch nicht getan haben, obwohl sie auch in großen Nöten waren. Das können wir Normalsterblichen uns gar nicht vorstellen, wie es ist, sein ganzes Leben in so einem Gebäude zu verbringen und zu wissen, das haben 13 Generationen vor mir auch so gemacht. Wahnsinn! Ich persönlich bin dankbar, dass ich in einem modernen Haus wohne, ich weiß nicht, ob ich in einem Schloss wohnen wollte. Mit viel Geld, WLAN und ein bisschen Personal ja. (lacht)

Wie putze ich das? Und wie heize ich das? Das seien heute die Fragen der Schlossbesitzer. Die meisten Schlösser haben uralte Öfen, manche auch Kamine, vor allem in England und Frankreich. So oder so: Es ist saukalt. Habsburg-Lothringen kennt eine Schlossbesitzerin, die im Pelzmantel zu Bett geht, weil sie das Schloss nicht heizen kann. Und kaum hatten die Bewohner eines anderen Schlosses im großen Saal die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet, rasten sie auch schon wieder hinaus, weil sie so froren.

Wäre jetzt nicht 2017, sondern 1917, wie würde ich Sie ansprechen?

Dann würden Sie mich mit Erzherzog Eduard ansprechen und ich würde, da ich von der ungarischen Linie der Habsburger bin, wahrscheinlich in einem Schloss in der Nähe von Budapest wohnen. Meine Karriereaussichten wären aber sehr beschränkt. Dass ich Medienreferent für einen Bischof bin oder für Servus TV Sendungen mache oder Romane schreibe, das wäre völlig undenkbar gewesen. Damals gab es einen überschaubaren Pulk von Erzherzögen, etwa 27. Die hatten eine ganz klare Karriere vor sich – das war das Heer. Punkt. Deshalb hätte ich eigentlich auch damals nicht so gerne gelebt, denn es war eine enge Welt, in der man sich nicht entfalten konnte.

Wie beginnt ein typischer Tag im Leben des Eduard Habsburg?

Jeder Tag beginnt und endet mit meiner Familie. Unsere Grundaufteilung ist: Ich kümmere mich um das Aufstehen, das Frühstück und das Zur-Schule-gehen, tagsüber übernimmt meine Frau, abends bin ich dann wieder im Einsatz. Ich habe sechs Kinder, alles Töchter. Vier sind unter 13 Jahre alt, da wird einem nie fad.

Wären Sie eine Frau würde ich jetzt wohl fragen: Wie schaffen Sie Karriere und sechs Kinder unter einen Hut zu bringen?

Das ist eine sehr kluge Frage, die natürlich auch Männern gestellt werden sollte. Tatsächlich ist es, wenn man so will, die größte Baustelle. Wir wohnen in einem Haus an der Grenze zwischen Wald- und Weinviertel, ziehen jetzt aber zu acht nach Wien auf 150m². Das klingt total verrückt, aber die Idee kam von unseren Kindern. Sie wollten noch für ein paar Jahre als echte Großfamilie zusammenwohnen. Also ja, Familie hat für mich immer die oberste Priorität.

War für Sie immer klar, dass Sie viele Kinder möchten? Mit sechs Kindern ist man ja nicht gerade die Durchschnittsfamilie?

Ich erinnere mich noch, als ich früher gesagt habe, dass ich fünf Kinder habe. Das war gerade noch ‚tolerabel‘. Wenn ich aber heute sage, dass wir sechs Kinder haben, dann klappt beim Gegenüber immer der Mund auf! Meine Frau und ich hatten beide Geschwister, von daher war uns wohl schon immer klar, dass wir dem was abgewinnen können. Unsere Idee war aber: Wir bekommen jetzt mal eines und dann schauen wir, ob noch Platz ist. Es war, wie man sieht, noch viel Platz. Und Geschwister sind einfach etwas Großartiges. Es ist sensationell zu sehen, wie Geschwister immer und überall voneinander lernen, allein schon wenn sie gemeinsam am Tisch sitzen… wenn einfach immer wer für einen da ist. Da ist die Großfamilie schon etwas Großartiges.

Dazu gleich eine Klischee-Frage: Ist Ihre Frau auch adelig?

Ja, aber das ist wirklich nur Zufall! Früher war das noch ein Thema, da ging es um Vermögen und Erbe. Heute spielt es keine große Rolle mehr – zum Glück.

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Ist es ein schweres Erbe, als Habsburger durchs Leben zu gehen?

Nein, es ist ein Luxus. Ich habe die Freiheit der Moderne, kann aber aus einer reichen Vergangenheit schöpfen. Es ist ja so, wäre ich vor hundert Jahren auf die Welt gekommen, mein Leben wäre vordefiniert gewesen. Es wäre ganz klar gewesen, wen ich hätte heiraten müssen, welchen Beruf ich hätte ergreifen müssen. Ich weine der „guten, alten Zeit“ nicht nach.

Apropos Moderne: Sie twittern, sind auf Facebook und im Hause Habsburg für die Kommunikation zuständig. Wie läuft das ab?

Es ist jedenfalls sehr spannend. Hin und wieder suche ich beispielsweise auf Twitter nach dem Hashtag „Habsburg“ und schaue, was da so abgeht. Dabei hab ich vor ein paar Wochen einen Tweet entdeckt: Ein junger Amerikaner fragt sich, wie es das gibt, dass die Habsburger noch leben und sogar noch etwas Einfluss haben. Ich hab ihm dann frei nach „Pinky and the Brain“ geantwortet, er soll nur warten, bis wir die Weltherrschaft an uns reißen. Und als er mir nicht so recht glauben wollte, dass ich ein ‚echter‘ Habsburger bin, hab ich ihm den Beweis dank Wikipedia erbracht. Das sind unterhaltsame Momente. Aber natürlich gibt es auch gerade in diesen Tagen Herausforderungen. Es jährt sich der Erste Weltkrieg und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Karl Habsburg, als Chef des Hauses ist er für alle Habsburger verantwortlich, und ich haben schon vor einiger Zeit erkannt, dass wir auch intern darüber reden müssen. Für viele von uns ist das ja gar nicht mehr präsent und die Frage, wie man zur eigenen Vergangenheit steht, oft nicht leicht zu beantworten. Meine Tochter hat mich etwa gefragt, ob die Habsburger schuld sind am Ersten Weltkrieg. Das ist schon eine relevante Frage für uns, wir sind ja nicht alle Historiker und können das einordnen und argumentieren.

Und? Sind Sie schuld?

Wir haben intern eine Gruppe eingesetzt mit Historikern, haben geschaut was die Forschung sagt und haben unsere Wordings abgestimmt. Selbstverständlich hatte Kaiser Franz Josef eine Mitschuld, so wie viele andere Staatsführer damals auch. Aus einem regionalen Balkankrieg wurde ein Weltkrieg. Nach dem Attentat gab es vier Wochen Zeit, diesen Stein, der ins Rollen gebracht wurde, irgendwie zu stoppen. Aber das geschah nicht, daran haben viele Mitschuld. Auch wir sehen uns heute in einer Mitverantwortung. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Uns fragen, was wir daraus lernen können. Für uns ist jedenfalls klar, dass auf die Geschehnisse niemand stolz sein braucht.

Wie viele Personen zählt das ‚Haus Habsburg‘ eigentlich?

Zählt man nur die Namensträger, dann sind es rund 400 Personen. Der Name wird ja in der Regel nur von den Männern übernommen, so gesehen sind wir noch viel mehr. Meist kennt man aber nur einen Bruchteil, eben jene, die geografisch in der Nähe leben. Ein Anliegen von Karl ist, dass er die Familie zusammenbringen will. Wir waren etwa vor einiger Zeit für drei Tage auf Madeira, 100 Habsburger haben wir am Grab von Kaiser Karl zusammengebracht. Viele von uns vernetzen sich auf Facebook, da betreue ich eine Gruppe und versuche alle zusammenzuführen. Es ist ein großartiges Geschenk, wenn man rund um den Globus Familie hat. Wenn du verreist und am anderen Ende der Welt Cousinen leben, die dich willkommen heißen.

Die Situation des Adels ist in Österreich und Deutschland sehr unterschiedlich. In Deutschland gibt es ihn nämlich noch, in Österreich bekanntlich nicht. Ist das auch Thema?

Wir haben in deutschen und österreichischen Schlössern gedreht. Was mich immer wieder umhaut, ist, mit welcher Selbstverständlichkeit einem deutsche Adelige ihren vollen Titel „Fürst so und so“ entgegenknallen. Ich bin es gewohnt, wenn ich „Habsburg“ sage, meine Stimme zu senken, um in Österreich nicht aufzufallen. Österreichische Adelige haben andere Wege, ihr Biotop zu pflegen, der Titel ist da nicht so wichtig.

Ist der Name Habsburg ein Nachteil?

Als Habsburger ist es nicht immer leicht, es ist, wie wenn man einen ständigen Scheinwerfer über sich trägt. Wenn ich einen Unfall baue, steht nicht in der Zeitung „Niederösterreicher überfährt Mann“, sondern „Habsburger überfährt Mann“ oder „Bischofssprecher“, je nachdem was gruseliger ist. (lacht) Es ist eine gewisse Aufmerksamkeit da, die man aber auch total verbocken kann.

Eine Rückkehr der Monarchie ist überhaupt kein Thema mehr?

Karl hat gesagt, dass in unserem Land nicht die Zeit für eine Monarchie ist. Natürlich sind einige der besten Länder Europas Monarchien. Ich kann also an einer konstitutionellen Monarchie nichts Schlechtes erkennen. Der zentrale Vorteil ist wohl, dass Regenten im Bewusstsein aufwachsen, dass sie geboren sind, um ihrem Land zu dienen. Sie kennen ihr Land und die Menschen in- und auswendig, sie müssen sich nicht alle Jahre wählen lassen – das hat natürlich nicht nur Vorteile, schon klar. Ich habe viele dieser jungen Monarchen bzw. Thronfolger in Europa kennengelernt und bin überzeugt, dass sie ihren Ländern sehr gut dienen werden. Aber für Österreich ist dafür nicht die Zeit, das ist kein Thema.

Wie lernt man denn den Thronfolger von Spanien kennen?

Man kann sagen, dass man sich unter Adeligen anders behandelt. Unter ehemals Regierenden ist das nochmal etwas spezieller. Prinz Felipe von Spanien hab ich beispielsweise vor Jahren auf einer Hochzeit der Prinzessin von Jordanien kennengelernt. Mit Willem-Alexander, dem heutigen König der Niederlande, bin ich bei dieser Hochzeit am Strand spazieren gegangen und habe mit ihm stundenlang über Demokratie gesprochen, über den Luxus, aber auch den Albtraum des Jobs, wenn der beste Freund der Leibwächter ist. So lernt man diese Leute halt kennen. Aber ich würde um nichts in der Welt mit ihnen tauschen wollen.

Ein Habsburger als Sprecher von Bischof Küng – welch Klischee. Wie ist der Bischof als Chef?

Ja, da kann man schon ein Klischee darin sehen. Als Medienreferent beobachte ich Medien und bringe mich ein, ich spreche aber nicht in seinem Namen, das kommt schon alles von ihm selber. Als Chef ist er unglaublich cool. Das klingt zwar seltsam für einen Mann mit 73 Jahren, aber er ist es tatsächlich. Schon alleine, dass er sich auf mich eingelassen hat! Ich bin ja doch eher unkonventionell. Er verbringt naturgemäß viel Zeit auf der Rückbank von Autos, da schreibt er ständig an seinem Communicator. Ich maile ihm Texte, er verbessert sie und mailt sie ganz selbstverständlich schon nach wenigen Minuten zurück – mit 73 Jahren! Andere würden da höchstens handschriftliche Korrekturen machen.

Wie kamen Sie zu dem Job – und muss man sich da nicht öfters verbiegen?

Ich hatte mir gedacht, als Drehbuchautor und Vater von sechs Kindern wäre es nicht schlecht, wenn man auch ein regelmäßiges Einkommen hätte. Ich hab dann einen Radius um meinen Wohnort gezogen und überlegt, wo könnte man mich brauchen. Ich hatte ihn schon einmal getroffen und habe mich dann bei ihm vorgestellt, gesagt was ich kann und gefragt, ob er mich brauchen kann. Ein halbes Jahr später kam der Anruf. Und zum Thema Verbiegen: Ich kann katholisch. Ich habe sechs Kinder, er ist Familienbischof – da verbindet uns ein zentrales Thema. Bischof Küng weiß über die Probleme von Familien Bescheid, ich lebe sozusagen das vor, was er predigt. Wenn man so will, lebe ich das Idealbild der Kirche.

STAMMBAUM

Der Sohn von Michael Habsburg-Lothringen (*1942) und Christiana, geborene Prinzessin zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg (*1940), ist verheiratet und zog vor Jahren mit seiner Frau nach Österreich, wo die Familie (sechs Töchter) an der Grenze von Wald- und Weinviertel und in Wien lebt. Derzeit lebt der Vater von sechs Kindern mit seiner Ehefrau in Wien und wird wohl in Kürze in den Vatikan übersiedeln. Mit Ungarn verbindet ihn nicht zuletzt auch die Verwandtschaft zu Georg Habsburg Lothringen, einem Sohn von Otto von Habsburg und Enkel des letzten österreichischen Kaisers. Sein Großvater väterlicherseits war Erzherzog Josef Franz von Habsburg-Lothringen (1895-1957). Bewegt man Finger an der historischen Ahnentafel entlang, so landet man irgendwann bei Kaiser Franz Joseph I. und Elisabeth – Eduard Habsburg ist ihr Urururenkel.

Seit November 2016 ist Eduard Habsburg-Lothringen Ritter des Orden vom Goldenen Vlies. Ungarischer Botschafter beim Heiligen Stuhl und beim Souveränen Malteserorden. 2015 wurde Eduard Habsburg-Lothringen zum ungarischen Botschafter beim Heiligen Stuhl ernannt. Am 7. Dezember 2015 erhielt er von Papst Franziskus das offizielle Beglaubigungsschreiben. Er ist zudem Botschafter Ungarns beim Souveränen Malteserorden in Rom. Eduard Habsburg-Lothringen ist als Sohn des in Ungarn geborenen Michael Habsburg ebenso wie sein Vater auch ungarischer Staatsbürger.

Eduard Habsburg gehört zur ungarischen Linie der Habsburger. Sie geht auf Erzherzog Joseph Anton Johann Baptist von Österreich (1776-1847) zurück, der 1795 zum Regenten von Ungarn und ein Jahr später zum Palatin von Ungarn ernannt wurde. Seine Nachkommen bilden als Linie „Erzherzog Joseph“ bzw. „Palatin-Linie“ einen ungarischen Zweig des Hauses Habsburg-Lothringen, die durchgehend bis zu ihrer Flucht 1944 in Ungarn lebten.

Gäbe es noch Adelstitel, so würden wir ihn heute übrigens mit „Erzherzog“ ansprechen. Was aber etwas weniger beeindruckend klingt, wenn man weiß, dass es dann noch rund 200 weitere Erzherzöge gäbe. Ob er denn eine Chance auf den Thron hätte, sozusagen im internen Habsburger-Ranking? „Ich bin der ältere Sohn des jüngsten Habsburgers der jüngsten Linie, müsste also ein Blutbad anrichten, um Kaiser zu werden, und hätte als Familie nur noch meinen Bruder“, meint Habsburg ironisch. Seinen deutschen Pass hat er noch – einen österreichischen noch nicht, „weil mir irgendwie bis dato das Beantragen eines österreichischen Passes zu aufwändig war“, wie er im Gespräch erzählt.

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WORK IN PROGRESS

Die ersten Publikationen des jungen Eduard Habsburg waren wohl eher was für Feinspitze der katholischen Theologie und Philosophie. Nach seinem Studium an der „Katholischen Universität Eichstätt“ promovierte er magna cum laude über „Das Ende des Neuthomismus“ (eine Philosphie des Thomas von Aquin). Massentauglicher waren da wohl eher seine Drehbücher für Filme wie „Der Weihnachtshund“ (2004), „Zwei Weihnachtshunde“ (2005) sowie SOKO Donau (ab 2005). Er verfasste gemeinsam mit Regisseur Thomas Imbach das englischsprachige Drehbuch für den Kinofilm Mary Queen of Scots (2013). An der theologischen Fakultät im schweizerischen Lugano wirkte er kurzzeitig als Professor und hielt auf Italienisch Blockseminare über Comics und Philosophie. 2008 erschienen sein erster Roman „Die Reise mit Nella“, eine Übersetzung eines christlichen Kinderbuchs und im Thiele-Verlag zwei Bände der Serie „Die Welt in 60 Minuten“. Dabei erfährt der Leser in einer Stunde alles Wissenswertes zum Thema „James Bond“ bzw. „Harry Potter“ – denn „zu beiden Figuren weiß ich einfach alles.“

2014 strahlte Servus TV die ersten Folgen der Docutainment-Serie „Wo Grafen schlafen“ aus. Dort liegt auch momentan der Fokus des Habsburgischen Schaffens: „Ich freue mich auf vier weitere Folgen auf ServusTV, zudem wird es eine zweite Staffel geben.“

Im Frühjahr 2008 erschien sein erster Roman Die Reise mit Nella und in der Folge mehrere Romane und Sachbücher. Im Jahr 2008 übersetzte Habsburg zudem das christliche Kinderbuch Was eine Messe wiegt von Josephine Nobisso ins Deutsche. Von 2009 bis 2014 war er Medienreferent von Bischof Klaus Küng in der Diözese St. Pölten.

Auch als Autor ist er „immer am Schreiben. Momentan arbeite ich an meiner großen, fast ungesunden, Leidenschaft – den Horrorromanen. Oder vielleicht wird’s ja auch ein Zombiefilm – ich liebe Zombiefilme! Vielleicht mach ich da mal was Österreichisches draus?“

WO GRAFEN SCHLAFEN (BUCH & TV)

Begonnen hat es als Buch im Jahr 2011. In seinem Buch „Wo Grafen schlafen“ (C.H. Beck). Eduard Habsburg stellt vor, was in einem Schloss wo ist und warum. Wobei er, eine ununterbrochene Erbfolge angenommen, selbst kein Graf wäre, sondern ein Erzherzog. Er ist ein Urururenkel von Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als Sisi. Ein Schloss besitzt er auch nicht, aber er hat als Kind viel Zeit in einem verbracht, bei seinem Großvater auf Schloss Bronnbach im Taubertal (das ein ehemaliges Kloster war). Sein Schluss: „Ein Schloss ist, was die Leute in der Umgebung Schloss nennen“, schreibt Habsburg-Lothringen. Unter Adeligen gibt es noch eine andere Definition: Ein Schloss ist ein Schloss, wenn es mehr als ein Treppenhaus hat. Im deutschsprachigen Raum reiste er herum und portraitierte Schlösser und ihre Eigentümer. Dabei tritt Eduard Habsburg erstmals in seinem Leben vor die Kamera und führt gemeinsam mit Schauspielerin Jessica Schwarz auf humorvolle Art und Weise durch bezaubernde Gemäuer.

Neben historischen Erzählungen, dargebracht auf kurzweilige und unterhaltsame Art und Weise, wird auch gezeigt, wie das Leben in den Schlössern heute abläuft. Für die klischeehafte Prinzessinnen-Romantik ist dabei wenig Platz, viel erfährt man aber über die tagtäglichen Probleme, die 240 Fenster, 13 Küchen, 26 Hektar Landschaftspark etc. mit sich bringen. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen ist der Besitz eines Schlosses eine echte Belastung. Man lebt in so einem Gebäude eher spartanisch und führt einen harten wirtschaftlichen Überlebenskampf. Das möchte ich mit meinem Buch zeigen. Luxus darf man allerdings meist nicht erwarten. Viele Schlösser haben auch heute noch Plumpsklos.

Eduard Habsburg, der manchmal von Aristo-versiertem Schlosspersonal mit seinem korrekten Titel – „Kaiserliche Hoheit“ – angesprochen wird, selbst aber keinen Wert darauf legt, will in seiner Serie „Schlösser als das zeigen, was sie sind“. Nämlich einerseits ein Märchen, ein Traum. „Anderseits die blutige Realität, wie das ist, so ein Gebäude zu erhalten.“ Reich an Steinen, also steinreich, sind die Besitzer. Meist verschlingen Erhaltung und Reparaturen ein Vermögen. Deshalb öffnen viele ihre Gemächer und vermieten sie zu durchaus günstigen Preisen an Touristen, die das Flair genießen.

Als perfektes Ferienparadies für Familien empfiehlt der 48-Jährige mit dem Bubengesicht vor allem Burg Clam und Schloss Altenhof in Oberösterreich. „Carl Philip Clam Martinic und seine französische Frau sind ein junges, wahnsinnig nettes Schlossherrenpaar.“ Der junge Graf serviert den Gästen das Frühstück selbst und macht Führungen. Ein richtiges Burg-Erlebnis erwartet die Besucher der bodenständigen Blaublütler: Vom Kerker bis zum 41 Meter hohen Turm, vom mittelalterlichen Schau-Schwertkampf bis zur Bierverkostung. Heute sind Aristos nicht mehr so zugeknöpft.

Die dicken Mauern, der Geruch von jahrhundertealten Möbeln, Gemälden und Vorhängen, lange Gänge und große Festsäle sind Eduard Habsburg vertraut. Als Kind, das in München in einer kleinen Wohnung mit den Eltern aufwuchs, verbrachte er oft die Ferien im Schloss seines Großvaters Karl Fürst zu Löwenstein in Bronnbach. Seither liebt er diese teils prachtvollen, teils urigen Bauten und die Geschichten hinter den edlen Gemächern.

Durch eine Kastanienallee fährt man hinauf zum Anwesen von Norbert Salburg-Falkenstein und seiner schwedischen Frau Anne. „Das Schloss Altenhof ist hoch über einem Tal. Eine der schönsten Aussichten, die ich auf der Welt kenne.“ Habsburg, James-Bond- und Harry-Potter-Experte und -Fan, schwärmt vom Schlossherren, der „selber auf der Baustelle im Hof stand und Ziegel geschleppt hat“. Heute ist Altenhof im Mühlviertel ein Juwel, und Feriengäste, die Wohnungen im Schloss mieten, sind gerne gesehen. Dazu werden viele Aktivitäten geboten: Vom Tennis im Schlosspark über Fischen und Reiten bis zur Jagd.

„Schlösser sind das ultimative Erlebnis für den modernen Menschen des 21. Jahrhunderts – etwas zutiefst Entspannendes. Sie sind ein Gegengift zu unserer hektischen, multimedialen, dauerbeschallten Zeit.“ Habsburgs Tipp: Handy abschalten, es funktioniert dort meist eh nicht. Noch zwei Ratschläge gibt der Historiker Schloss-Besuchern, die zum ersten Mal unter einem Dach mit Grafen schlafen: „Erstens, sagt niemals ,Mahlzeit‘ oder ‚Guten Appetit‘ beim Essen. Schweigen oder ein kurzes Gebet, sonst nichts . Zweitens, fragt nicht, wo das Klo oder die Toilette ist, fragt nur, wo ihr euch die Hände waschen könnt.“ Wenn man Pech hat, geht es einem wie einst Jessica Schwarz, die sich an Habsburgs Anweisungen hielt, nach einer Händewaschmöglichkeit fragte und dann in die Küche geschickt wurde.

„Wenn wir als Familie auf Urlaub fahren, muss ich immer die Frage stellen, wo kommen wir zu acht unter, was kostet ein Hotel?“, erklärt der Erzherzog mit ungarischem und deutschem Pass bei einem Paar Würstel mit Saft. Deswegen verbringen Eduard Habsburg-Lothringen, Ur-Ur-Ur-Enkel von Kaiserin Elisabeth, seine Frau und ihre sechs Kinder die Ferien meist bei Verwandten, die genügend Platz für eine Großfamilie haben. „Ein Hotel für acht Personen kann man sich nicht leisten. Wir fliegen fast nie, ist zu teuer.“ Und Skifahren geht nur, „weil meine Eltern ein Haus in der Steiermark haben, wo wir uns alle in die Zimmer stopfen“. Im alten Toyota-Achtsitzer, in dem seine sechs Kinder Platz haben, fährt die Großfamilie auch manchmal zu gastfreundlichen Haus- oder Schlossbesitzern.

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Impressionen aus den Lavanttal

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