Archive for Mai, 2017

Das Haus Sayn-Wittgenstein zählt zu den ältesten des deutschen Hochadels

Eine geschickte Heirat machte die Linie Sayn-Wittgenstein-Sayn Mitte des 19. Jahrhunderts sogar für kurze Zeit zu einer der reichsten Adelsfamilien in ganz Europa. Es gibt aber noch zwei weitere Familienzweige der Adelsdynastie: die Linien Sayn-Wittgenstein-Hohenstein sowie Sayn-Wittgenstein-Berleburg, die eng mit dem dänischen Königshaus verbunden ist.

Beim Fürstenhaus Sayn-Wittgenstein handelt es sich im Grunde um drei Adelsfamilien: bereits 1605 trennte sich die Adelsdynastie in drei Hauptlinien. Die Linie Sayn-Wittgenstein-Hohenstein vertritt Fürst Bernhart und Fürstin Katharina, geb. Gräfin von Podewils-Dürniz mit Erbprinz Wenzel auf Schloss Schwarzenau im Kreis Siegen-Wittgenstein. Katharina zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein leitet als Kunsthistorikerin das Hamburger Büro des Londoner Auktionshauses Sotheby’s.

Sayn-Wittgenstein-Berleburg und das dänische Königshaus

Chef des Fürstenhauses ist Prinz Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg auf Schloss Berleburg, verheiratet mit Prinzessin Benedikte von Dänemark, die jüngere Schwester von Königin Margrethe von Dänemark. Das Paar bewohnt gemeinsam mit Erbprinz Gustav und seiner Freundin Carina Axelsson Schloss Berleburg im Wittgensteiner Land.

Olympiasiegerin Nathalie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

Ihre jüngste Tochter Prinzessin Nathalie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg ist eine preisgekrönte Dressurreiterin. Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 gewann sie mit der dänischen Equipe die Bronzemedaille. Sie züchtet in Berleburg Pferde. Sie heiratete – fast wie im Märchen – den Tischler und Sohn einer deutschen Reitsportlegende Alexander Johannsmann. 2010 kam Sohn Konstantin (Taufpatin: die dänische Kronprinzessin Mary), 2015 Töchterchen Louisa zur Welt.

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Lilly zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg

Nach ihrer Hochzeit mit Alexander zu Schaumburg-Lippe sorgte Marie Louise zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, genannt Lilly, für den Jet-Set-Glamour und spektakuläre Society-Auftritte in der Familie. Nach ihrer Scheidung war zunächst Schluß mit der Rolle als gefeierte Partyqueen. Sie zog mit Sohn Heinrich Donatus nach München. 2003 heiratete Lilly Sayn-Wittgenstein-Berleburg den griechischen Modedesigner Lambros Milona, lebte mit ihm in Mailand und Verbier und bekam die gemeinsamen Tochter Lana. Das Paar hat sich inzwischen getrennt. Lilly Sayn-Wittgenstein-Berleburg reist heute als Markenbotschafterin für Bulgari durch die Welt.

Adelsfamilie Sayn-Wittgenstein-Sayn – Geschickte Heiratspolitik

Stammsitz der Adelsfamilie Sayn-Wittgenstein-Sayn ist der kleine Ort Sayn am Mittelrhein bei Koblenz. 1828 heiratete Fürst Ludwig zu Sayn-Wittgenstein-Sayn erst die sagenhaft reiche Prinzessin Stefania Radziwill, nach ihrem Tod die enorm schöne russische Fürstin Leonilla und ließ für sie das prächtige Schloss im neugotischen Stil umbauen. Doch seine lebenslustigen Söhne verjubelten große Teile des Vermögens.

Wiedererstanden aus Ruinen – Stammschloß Sayn

Aber erst seit dem Jahr 2000 erstrahlt das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Stammschloß wieder in neuem, alten Glanz. Der heutige Chef der Adelsfamilie Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn und seine Frau Gabriela hatten es mit Unterstützung des Landesdenkmalamtes wieder aufgebaut. Die beiden haben sieben Kinder, darunter Erbprinz Heinrich (verheiratet mit Donna Priscilla Incisa della Rocchetta) und Prinz Casimir. Der Ex-Frau von Letzterem – Corinna zu Sayn-Wittgenstein (geborene Larsen) – wird übrigens eine Affäre mit König Juan Carlos von Spanien nachgesagt.

Die „Mamarazza“ Marianne (Manni) Sayn-Wittgenstein-Sayn

Prinzipalin des Hauses ist seine Mutter, geborene Freiin Marianne von Mayr-Melnhof. Sie heiratet 1942 den späteren Adelserben. Als Fürst Ludwig 1962 im Alter von 46 Jahren in Sayn von einem betrunkenen Lastwagenfahrer überfahren wird, kehrt die Witwe in ihre Heimat Österreich zurück. Die Mutter von fünf Kindern macht ihr Hobby zum Beruf – Marianne („Manni“) zu Sayn-Wittgenstein-Sayn wird zur berühmten Fotografin der High Society.

Den von „Paparazzo“ abgeleiteten Spitznamen „Mamarazza“ gab ihr Prinzessin Caroline von Monaco. Für ‘Manni’ stehen als Nachfahrin der österreichischen Kaiserin Maria Theresia selbst im Spanischen Königshaus sonst verschlossene Türen offen. Sie wird zum Tee gebeten und darf überall fotografieren. Von Aristoteles Onassis und Maria Callas über Gianni Agnelli bis zu Romy Schneider oder Luciano Pavarotti, Queen Mum oder König Juan Carlos hatte sie nahezu alle, die in Adelskreisen oder Showbizz Rang und Namen haben, vor ihrer Linse.

Vierzig Jahre lang ist die heute 95jährige zudem gesellschaftlicher Mittelpunkt der Salzburger Festspiele. Bis 2010 lud sie alljährlich Freunde wie Gunter Sachs, Curd Jürgens und zahllose Prominente zum legendären ländlichen Mittagessen in ihr Jagdhaus in Fuschl ein. Leonard Bernstein, Margaret Thatcher, Sean Connery, Bianca Jagger, Thomas Gottschalk, Dennis Hopper oder Prinz Charles mit Camilla: sie alle ließen sich von ihr gern mit Schnitzeln bewirten. ‘Manni’ Sayn-Wittgenstein-Sayn ist 20fache Großmutter, 23fache Urgroßmutter und zweifache Ururgroßmutter. Als ihre Schwiegertochter ist auch die Schauspielerin Sunnyi Melles eine zu Sayn-Wittgenstein-Sayn.

Nachruf

Der Prätendent und Majordomus unseres Hauses hat seine tiefe Ergebenheit und Trauer an der Nachricht, das Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg plötzlich in Bad Berleburg verstorben ist, gegenüber der Familie in seinem Mitgefühl und seiner Anteilnahme über den Sterbefall zum Ausdruck gebracht. Die Beileidbekundung wurde in mündlicher Form der Familie ausgesprochen. Prätendent und Majordomus unseres Hauses: „Eine Stimme, die uns vertraut war, schweigt. Ein Mensch, der immer für uns da war, ist nicht mehr. Er fehlt uns. Was bleibt, sind dankbare Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann“.

Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg wurde 82 Jahre alt. Prinz Richard Casimir Karl August Robert Konstantin wurde am 29. Oktober 1934 in Gießen, als das älteste von fünf Kindern von Prinz Gustav Albrecht zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1907-1944 vermisst im Krieg, 1969 für tot erklärt) und dessen Ehefrau Gräfin Margareta Fouché d’Otrante (1909-2005), geboren. Am 3. Februar 1968 heiratete Richard in Schloss Fredensborg Prinzessin Benedikte von Dänemark (*1944), eine der drei Töchter von König Frederik IX. (1899-1972) und seiner Gattin Prinzessin Ingrid von Schweden (1910-2000), und jüngere Schwester von Königin Margrethe II.

Prinz Richard und Prinzessin Benedikte wurden Eltern von drei Kindern: Gustav (*1969), Alexandra (*1970) und Nathalie (*1975). Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg hinterlässt seine Ehefrau, seine Kinder sowie vier Enkelkinder.

Auch ohne Krone lebt es sich ganz komfortabel

Der Wittelsbacher Ausgleichsfonds ist eine diskrete Angelegenheit. Jahr für Jahr fließen daraus rund 14 Millionen Euro an die ehemalige bayerische Königsfamilie. Viel mehr weiß man nicht, denn nicht einmal der Bayerische Oberste Rechnungshof hat Einblick. Was bleibt vom Reichtum der Wittelsbacher, der einstigen bayerischen Herscherfamilie?

Schlösser, Kunst und Grundbesitz – all das wurde nach 1918 aufgeteilt. Einen Teil bekam der damals noch junge Freistaat, den anderen brachten Politik und Unterhändler in den sogenannten Wittelsbacher Ausgleichsfonds ein.

Ein Spaziergang durch die Gartenanlagen vor Schloss Nymphenburg, der einstigen Wittelsbacher Sommerresidenz in München. Hinter Wasserfontäne und Blumenrabatten erstreckt sich die barocke Schlossanlage mit ihrem Zentralbau und je zwei auffälligen Zwillingsgebäuden, links und rechts. In einem wohnt Herzog Franz von Bayern, der Chef des Hauses Wittelsbach. Wäre Bayern noch Monarchie – dann wäre er der König. Für seinen Lebensunterhalt sorgt aber nicht der Freistaat Bayern – sondern der sogenannte Wittelsbacher Ausgleichsfonds. Das Schloss Nymphenburg gehört seit dem Ende der Monarchie dem Freistaat, 1923 hat sich Bayern mit den Wittelsbachern auf den Ausgleichsfonds geeinigt. Neben den Schlössern haben sich in über 700 Jahren Wittelsbacher Herrschaft auch noch andere Schätze angesammelt. Nach dem Ersten Weltkrieg ist es Politik und Adel gelungen, eine pragmatische und immer noch funktionierende Aufteilung für das Wittelsbacher Vermögen zu finden: Um eine Zersplitterung zu vermeiden, hat man eine Stiftung gegründet.

Der Ausgleichsfonds ist wie eine Stiftung organisiert. Im Stiftungsrat sitzen auch Beamte aus Finanz- und Kultusministerium. Nur der Oberste Bayerische Rechnungshof (ORH) darf seit fast 40 Jahren nicht mehr in die Bücher schauen. Darauf hatten sich Finanzministerium und ORH geeinigt. Die Grünen rütteln sachte am Wittelsbacher Ausgleichsfonds und wollen für den ORH Einblick in die Schatulle. Denn immerhin erwirtschaftet der Ausgleichsfonds so viel Geld, dass immer noch rund zwei Dutzend Wittelsbacher daraus alimentiert werden.

Der Historiker Gerhard Immler ist als leitender Direktor im Bayerischen Hauptstaatsarchiv zuständig für das Geheime Hausarchiv der Wittelsbacher. Für ihn ist der Ausgleichsfonds ein geglückter historischer Vertrag. Auf seiner Grundlage sind bis heute etwa die von Ludwig dem Ersten gesammelten Kunstschätze in Pinakothek oder Glyptothek dauerhaft ausgestellt. Außerdem sichert er auch den Wittelsbachern bis heute ein Auskommen, ohne dass dies dem Steuerzahler noch Geld kosten würde. Denn: „Die Vermögenserhaltung steht auf jeden Fall auch als ein Zweck dieser Stiftung ganz im Vordergrund. Es werden also immer nur Erträge an die Angehörigen des Hauses Wittelsbach ausgeschüttet. Und man geht nicht etwa daran Bilder aus der Neuen Pinakothek abzuhängen und versteigern zu lassen, nur um das Einkommen von Familienangehörigen zu steigern.“ Die unfassbar wertvollen Rubensbilder und antiken Statuen bleiben also im Wittelsbacher Ausgleichsfond gebunden.

Die Vermögensverwaltung des Ausgleichsfonds erwirtschaftet jährlich rund 14 Millionen Euro an Erträgen für die Wittelsbacher. Und zwar vor allem aus Mieteinnahmen, weil gleich nach dem ersten Weltkrieg einige Landgüter verkauft wurden. Gerhard Immler: „Man hat dann begonnen, den Verkaufserlös in Mietshäuser in München zu investieren und das hat sich langfristig als sehr rentabel erwiesen.“ Darunter solche Perlen wie der Grüne Block an der Münchner Prinzregentenstraße, oder die Arcohäuser – Laden- und Gewerbeflächen in der teuren Fußgängerzone. Die 14 Millionen Euro Erträge teilt Herzog Franz unter den anderen, rund zwei Dutzend Wittelsbachern auf. Wie genau ist geheim. In den Büchern steht der gesamte Immobilienbestand zwar mit 124 Millionen Euro – der Verkehrswert dürfte er aber um ein Vielfaches darüber liegen. Die Verschwiegenheit des Wittelsbacher Ausgleichsfonds ist legendär.

Die Grünen halten das so für nicht hinnehmbar. „Da lebt das adelige Leben fort, obwohl der Adel abgeschafft ist“, sagt Schulze. „Eine Begründung dafür kann es in einem demokratischen Staat eigentlich nicht mehr geben.“ Die Bayerischen Landtagsgrünen wollen deshalb mehr Transparenz für den Souverän – das Bayerische Volk. Und sei es über den unabhängigen Obersten Bayerischen Rechnungshof. Der, so ein Antrag im Landtag, soll den Wittelsbacher Ausgleichsfonds endlich einmal wieder unter die Lupe nehmen dürfen, meint Claudia Stamm von den Grünen. „Es geht uns ganz klar nicht darum den Wittelsbacher Ausgleichsfonds abzuschaffen, sondern es geht uns darum hinzuschauen, geht alles mit rechten Dingen zu. Und da gehört eine Prüfung durch den ORH eindeutig dazu,“ so Claudia Stamm.

Dafür gibt es einige kuriose Details der verworrenen Finanzbeziehungen (siehe unten). Und das Ministerium weist auf einen Umstand hin, der die aus der Zeit gefallene Konstruktion besonders plastisch macht: Wie zu Königs Zeiten bevorzugt der Ausgleichsfonds die männlichen Nachkommen der Familie. Das Geld geht zunächst an die Chefs der jeweiligen Linien der Wittelsbacher. Frauen erhalten nur „bis zu ihrer Vermählung“ Geld aus dem Fonds. Verwitwet die Frau eines Clan-Oberen, wird sie weiter alimentiert – allerdings nur bis zu einer möglichen Wiedervermählung. Gegen die Regelung klagten vor Jahrzehnten mal die Prinzessinnen Hilda, Gabriele und Sophie (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43278738.html) und beriefen sich auf den Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz. Erfolglos.

Offiziell ist der Wittelsbacher Ausgleichsfonds eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Der Freistaat nimmt die Aufsicht formell wahr. In den Verwaltungsrat hat sich Herzog Franz aber honorige Persönlichkeiten aus der freien Wirtschaft geholt. Dem Gremium sitzen die Ex-Chefs von Münchner Rück und BMW, Hans-Jürgen Schinzler und Bernd Pischetsrieder vor. Staatsräte aus den Ministerien nehmen an den Sitzungen nur teil.

Der Geschäftsführer des Wittelsbacher Ausgleichsfonds Michael Kuemmerle sieht dafür eigentlich keine Notwendigkeit – schließlich sei man eine Stiftung und erhalte keine Steuergelder.

„Als Stiftung des öffentlichen Rechts unterliegen wir einer Aufsicht des Staates, es gibt entsandte Staatskommissare, die uns kontrollieren im Rahmen ihres Auftrages und wir – wie andere Stiftungen auch – machen einen Jahresabschluss. Das heißt, wir haben einen ganz normalen, geprüften, testierten Jahresabschluss und insofern obliegt es dem ORH ob er ein Interesse hat den Wittelsbacher Ausgleichsfonds zu prüfen.“

Denn bislang gilt eine Vereinbarung zwischen Finanzministerium und Rechnungshof – auf eine Prüfung zu verzichten. Wie so eine Rechnungshof-Prüfung rechtlich überhaupt wieder eingeführt werden kann – das diskutieren gerade die Beamten. Finanzminister Markus Söder hält sie aber ohnehin für unnötig. Die aktuelle Nachfrage sei eine „klassische Neiddiskussion“. Denn der umtriebige Heimatminister weiß halt, wie sehr so ein bisserl Rest-Monarchie den Untertanen das Herz wärmt. Und so müssen wohl alle unter Bayerns weißblauem Himmel, die es ganz genau wissen wollen mit dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds sich Erbsenzähler und republikanische Spaßverderber schimpfen lassen.

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6. Mai 2017 at 13:02 Hinterlasse einen Kommentar

Warum eigentlich lieben die Deutschen Bayern so sehr?

Aber wer dafür keinen Sinn hat, der wäre wohl auch nicht vom Bodensee zum Königssee geradelt. Und schon gar nicht mit dem Schlenker über Meersburg. Natürlich kann man gleich in Lindau beginnen und aus dem rund 600 Kilometer langen Trip eine innerbayerische Angelegenheit machen. Aber noch schöner ist es, einen Tag dranzuhängen und von Konstanz aus mit der Fähre nach Meersburg übersetzen, um dann im Uhrzeigersinn noch 50 wunderbar anstrengungslose baden-württembergische Kilometer lang an Weinbergen, Obstplantagen und Fischrestaurants vorbei bis zur Insel am östlichen Ufer fahren.

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An der Hafeneinfahrt der Lindauer Altstadt wacht ein steinerner Löwe, ihm gegenüber zeigt ein kleiner Leuchtturm den Schiffen an, wo der Freistaat beginnt. Und über dem Bodensee thronen die Schweizer Alpen, das österreichische Bregenz mit seiner riesigen Seebühne liegt gleich nebenan.

Radler neigen auf Langstreckentouren zum Rasen, „Strecke machen“ heißt das unter Eingeweihten. Man tritt sich in einen Kilometerrausch. Einige Tourenradler fühlen sich beinahe schuldig, wenn sie pro Tag nicht 80 bis 100 Kilometer abreißen. Für manche dröge Etappe im nördlichen Sachsen-Anhalt oder im flachen Mecklenburg mag das angehen, aber wenn man sich zu einer Tour über den Königsweg entschlossen hat, braucht man nicht nur gute Bremsbeläge und trainierte Waden, sondern man sollte auch etwas Muße mitnehmen. Sonst verpasst man womöglich, durch welches Paradies man gerade radelt.

Der Königsweg verbindet den Boden- und den Königssee miteinander. Nimmt man München mit, kommt man leicht auf 600 Kilometer, fährt man am Ende bis Salzburg, noch etwas mehr. Die Strecke ist für Radler überwiegend gut ausgebaut, mindestens die Hälfte hat man autofrei für sich. Die Strecke ist keine Alpenüberquerung; aber sie hat es etappenweise in sich. Von Lindau aus geht es mäßig bergan, nach 60 Kilometern, vielen braunen Kühen und einigen Keltenhügeln, auf denen nun Obstbäume wachsen, erreichen wir Oberstaufen.

Im familiengeführten „Hotel zum Adler“ wohnt und isst man so, wie es sein soll, und wer mag, kann sich im Oberstaufener Heimatmuseum einen historischen Abriss über das bäuerliche Leben verpassen lassen. Andererseits reicht am nächsten Tag auf der Etappe nach Nesselwang bei strömendem Regen auch der Besuch einer Dorfgaststätte hinter Immenstadt, um zu begreifen, wie anders, ja fremd das alles hier für einen preußischen Großstädter ist: Da sitzen drei Bauern morgens um zehn um einen Eichentisch, spielen Karten und stemmen Weißbier.

Draußen auf dem Feld ist wegen des Wolkenbruchs nichts zu tun, also vertreibt man kloppend und fluchend die Zeit. Wenn’s wegen des Biers pressiert, springt die Wirtin kurz ein und bringt gleich eine neue Runde mit. Die Bauern sprechen hier einen Allgäuer Dialekt, der für Gäste kaum zu übersetzen ist; ihre dunklen Stimmen klingen wie aus einer verlorenen Zeit. Irgendwann scheinen die Uhren hier stehen geblieben zu sein. „Wenn ich groß bin, wird ich Bäuerin“, schreibt die neunjährige Bernadette aus Burkatshofen in einem „Steckbrief“ der „Allgäuer Zeitung“, in dem Kinder aus der Gegend beantworten, was sie mögen – und was nicht. Und Bernadettes Lieblingsgericht? Natürlich Kässpätzle. Wenn sie Bundeskanzlerin wäre, würde sie „den Milchpreis bessern“, richtig wütend wird die Schülerin, wenn man „Kühe zum Schlachter tut“. Denn „Kühe sind die schönsten Tiere“. Ach so, Bernadettes Lieblingsbeschäftigung ist nicht Nintendo, sondern „Kälble drenke“.

Auf dem Weg lernt man Passagen kennen, die man im dicht besiedelten Deutschland gar nicht mehr für möglich gehalten hätte. Zwischen Füssen und Murnau führt der Königsweg über Stunden durch dichten Forst, manche Bachfurt muss man zu Fuß überqueren und sein Fahrrad dabei schieben. Weiter weg von zu Hause kann man gar nicht sein, und wen es in dieser Bergwaldwildnis wieder in von Menschen bewohnte Gegenden zieht, der sollte einen Abstecher zur etwa sechs Kilometer entfernten Kirche zum gegeißelten Heiland auf der Wies machen. Neben dem Wallfahrtsort gibt es eine anständige Leberknödelsuppe beim Wirt.

Hat man sich dann aus dem Wald wieder in die Zivilisation eingefädelt, erreicht man über Radwege durchs Moor schließlich Murnau am Staffelsee. Die Stadt macht was her. Beim örtlichen Buchhändler liest der Verkäufer noch selbst, und dass die Farben am Himmel hier ganz besonders sein sollen, haben sich Franz Marc und Wassily Kandinsky damals in ihrer Künstlerkolonie nicht ausgedacht.

Von Murnau aus kann man gleich nach Bad Tölz weiter – oder an den Seen entlang talabwärts nach München. Während die bayerische Landeshauptstadt keiner weiteren Erläuterungen oder Hinweise bedarf, sollte man in Tölz einen Besuch im „Kolberbräu“ keinesfalls versäumen. In der ehemaligen Posthalterei kehren seit Jahrhunderten Gäste ein, es gibt hier nicht nur gute Schnitzel, sondern zwischen altbayerischen Möbeln und antiken Schnitzereien auch das, was man Aura nennt.

Weiter geht es durchs aufgeräumte Oberbayern, in dem arme oder hilfsbedürftig Dörfer, die anderswo in Deutschland inzwischen die Regel sind, offenbar gar nicht vorkommen. Ein Vorgarten schöner als der andere, glückliche Kühe auf satten Weiden und nicht darbend im Stall. Biergärten? So viel Radler kann man gar nicht trinken. Weiß-blaue Idylle, so weit das Auge reicht. Wie machen die Bayern das bloß? Sie ändern nur das Nötigste, vielleicht ist das der Grund. Am wenigsten wurde an den Landesgrenzen rumgeschnippelt. Dieser Freistaat, den wir gerade von West nach Ost durchmessen, existiert, so wie er da liegt, schon seit 200 Jahren, Napoleon sei Dank.

Die lange Linie verschafft seinen Bürgern eine gewisse Selbstsicherheit, wenn sie auf Konstruktionen wie Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein blicken. Selbst Baden-Württemberg, der reiche Nachbar im Westen, gibt es noch nicht sehr lange. Hatten die Hiesigen früher durchaus ein Problem mit Zugewanderten, geht heute in Wirtschaft und Industrie wie an so vielen Orten ohne Einwanderer gar nichts mehr – in den vielen Wirtshäusern sowieso.

Der bayerische Dialekt wird dort von den Kellnerinnen und Kellnern mit bemerkenswerter Virtuosität variiert: Bayerisch-Tschechisch, Bayerisch-Polnisch, Bayerisch-Serbisch – nur in den Münchner Taxis behaupten sich einige sächsische Sprachinseln. Ansonsten reicht heute ein Dirndl oder eine Lederhose sowie eine Dauerkarte beim FC Bayern München, und das Gastrecht ist gesichert. Von Bad Feilnbach aus, wo man beim „Kistlerwirt“ in schönen, altbayerischen Zimmern über der Gastwirtschaft wohnt, geht es über den Inn.

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Dann radelt man ostwärts über schnelle Pisten und rollt nach wenigen Stunden von Aschau hinunter zum bayerischen Meer. Ganz Eifrige können hier noch eine Ehrenrunde um den zauberhaften Chiemsee drehen oder dafür einen Extra-Tag einlegen. Die knappen 60 Kilometer fahren sich inzwischen nach täglichem Training beinahe von ganz allein. Unweit von Seebruck, das sich auch mit einer Fähre von Prien aus ansteuern lässt, liegt am oberen Flusslauf der Alz in einer Flussbiegung inmitten wuchernder Sträucher eine geheimnisvolle, quadratisch angelegte, gut erhaltene Keltenschanze. Die feindlichen Römer lagerten unten am See. Die uralten Anlagen sind allemal sehenswerter als das merkwürdige Märchenschloss bei Füssen, das sich im 19. Jahrhundert der gemütskranke Ludwig II. in die Bergwand hat zimmern lassen und das heute fest in der Hand japanischer Okkupanten ist.

Das Konterfei des bedauernswerten Königs, der an seinem Ende ins Wasser ging, hängt noch immer in jeder Gastwirtschaft. Die Leute nennen ihn „Kini“ und wünschen ihn nach dem dritten Weißbier gern zurück. Immerhin: Mit seinen Kutsch- und Pferdewegen hat der „Kini“ gewisse infrastrukturelle Grundlagen geschaffen, von der die Tourismusbranche im Freistaat bis heute profitiert. Deshalb lassen ihn die Königsseeradler auch einmal bei einer Apfelschorle hochleben, sein Neuschwanstein aber links liegen.

Nun kommen noch Inzell, Reichenhall und Berchtesgaden, die man mit ganz kleinen und ganz großen Gängen erreicht. Wer die Tour macht, sollte sein Fahrrad unbedingt vorher in die Inspektion geben und Bremsen sowie Gangschaltung prüfen. Das letzte Stück aber laufen wir von Berchtesgaden zu Fuß, immer an der von Bärlauch gesäumten wilden Ache entlang, bis irgendwann smaragdgrün der Königssee schimmert. So dauert die Reise durchs Radlerkönigreich noch ein bisschen länger, und das ist gut so. Denn am Ende wünscht man sich, diese Fahrt durch die zwischen Wildnis und Liebenswürdigkeit changierende Landschaft solle gar nicht mehr zu Ende gehen.

Endlich, da kommt er. Nach 400 Kilometern hinauf und hinunter, vorbei an unzähligen Kruzifixen und Marienstatuen, die tröstend am Wegesrand stehen, begleitet vom Brummen der Rasenmäherdrohnen, die wie große Käfer ihre Runden in den Gärten der Bürgerhäuser ziehen, verfolgt vom Blick des vorsichtig aus dem Unterholz lugenden Junghirschen, aufgemuntert von Lastwagenfahrern („Du packst den Berg, gemma!“) und freundlichen Kellnerinnen in Landgasthöfen („Darf’s noch a Dunkles sein?“), nach Landschaften, in die der Herrgott generös Hügeln, Wäldern und Gipfeln geworfen hat, nach ungebetenen Wolkenbrüchen und schweißtreibender Hitze, nach Bilderbuchdörfern mit glücklichen Kühen und Zwiebelturmkirchen – kurzum: nach allem, was Bayern auf Wald und Flur heute so ausmacht, taucht er nun also endlich auf: der Chiemsee, das bayerische Meer.

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Anhalten. Sich Zeit nehmen. Für das kleine Eiland zum Beispiel: von seiner Südseite voller Ehrfurcht die zackige Kampenwand bewundern. Für wen oder was auch immer eine Kerze in der alten Klosterkirche der Benediktinerinnen anzünden, die der seligen Irmengard gewidmeten Dankesschreiben und Votivtafeln bestaunen und der Stiftsgründerin möglicherweise selbst noch etwas zuzuflüstern. Das ist jetzt ein Muss. Wer die Fraueninsel nicht besucht, dem ist vermutlich nicht zu helfen.

6. Mai 2017 at 12:56 Hinterlasse einen Kommentar

Wer zu den wenigen Erben eines Schlosses gehört, hat nicht nur Freude daran

In Deutschland gibt es rund 100 000 Menschen, die dem historischen Adel angehören. Kaum eine andere Bevölkerungsschicht ist so eng miteinander verbunden und erscheint so homogen. Bestimmte Erkennungsmerkmale verbinden sie miteinander: Sei es das Internat, das auch junge Adlige oftmals besucht haben, die zahlreichen Geschwister, bestimmte Tänze, wie den „Friesenrock“, die bei den Bällen getanzt werden, oder gemeinsame Freizeiten wie „Adel auf dem Radel“, bei dem die jungen Adligen mit den Fahrrädern von Schloss zu Schloss fahren. Oder sei es einfach ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Familientradition und einen Stammbaum, der sich über Jahrhunderte zurück verfolgen lässt.

Mit dem Verlust der Privilegien musste sich der Adel einen neuen Lebensstil angewöhnen. Inzwischen gehen die meisten von ihnen normalen Berufen nach und kaum noch jemand lebt in einem Schloss oder in einer Burg. Sie unterscheiden sich von den Bürgerlichen oft nur noch durch den klangvollen Nachnamen.

Die besondere Atmosphäre von Schloss Langenburg (http://www.schloss-langenburg.de/) empfängt den Besucher schon, wenn er zum ersten Mal die imposanten Türme auf dem Bergrücken über dem Jagsttal entdeckt. Auf dem Weg zum Eingang, vorbei an den barocken Gärten, fühlt man sich in frühere Zeiten zurückversetzt. Seit dem 13. Jahrhundert ist Schloss Langenburg im Besitz der Fürstlichen Familie Hohenlohe und bis heute Wohnsitz des Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg.

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Im 17. Jahrhundert wurde die bisherige Burg unter Graf Philipp Ernst zu Hohenlohe-Langenburg zu einem Residenzschloss mit bedeutendem Renaissance-Innenhof ausgebaut. Im 18. Jahrhundert folgten Ansätze zum Umbau im Barockstil. Der Ostflügel des Schlosses wurde in seiner heutigen Form ausgebaut und mit einer fast klassizistisch anmutenden Fassade versehen. Die Holzbrücken wurden durch steinerne Brücken ersetzt und eine neue Zufahrt geschaffen. Im 19./20. Jahrhundert blieb die äußere Erscheinung des Schlosses weitgehend unverändert bis zu einem Großbrand im Januar 1963, bei welchem der gesamte Ostflügel und der Nordflügel zum Teil ausbrannten. Das im Frühjahr 1950 eröffnete Schlosscafé im Rosengarten bildet den Grundstein für den Aufstieg Langenburgs zum touristischen Mittelpunkt des Hohenloher Landes. Darauf folgte die Eröffnung des Schlossmuseums im Jahre 1960 und des Deutschen Automuseums im renovierten Marstall im Jahr 1970. Der über Jahrhunderte im barocken Stil erhaltene Garten von Schloss Langenburg wurde 1994 nach alten Plänen saniert und neu eingeweiht.

Seit dem Jahr 1960 hat die fürstliche Familie einen Teil des in der Blüte der Renaissance entstandenen Schlosses der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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Zu besichtigen ist der wunderschöne Renaissance-Innenhof, die Schlosskapelle sowie sieben Museumsräume (Bretterner Gang, Neue Tafelstube, Archivstube, Barocksaal, Königseckzimmer, Feodora Bibliothek, Lindenstamm-Zimmer). Der Renaissance-Innenhof mit seiner berühmten Akustik gehört zu den bedeutendsten Schlosshöfen Deutschlands. Das Schlossmuseum ermöglicht dem Besucher interessante Einblicke in die herrschaftliche Wohn- und Lebenskultur früherer Tage. Gezeigt werden wertvolle Stilmöbel, Tapisserien, Bilder, Fayencen, Porzellan, sowie eine Sammlung von Waffen, Rüstungen und Jagdtrophäen aus vergangenen Jahrhunderten. Die nahen verwandtschaftlichen Beziehungen der fürstlichen Familie zu europäischen Königshäusern bescheren dem Schloss oft königlichen Besuch.

Der deutsche Adel – der im Jahr 1918 in Deutschland und Österreich mit dem Ende der Monarchien abgeschafft wurde – scheint hier lebendiger denn je zu sein. Denn in den märchenhaften Gemäuern bei Schwäbisch Hall lebt tatsächlich noch ein Schlossherr mit seiner Familie, der von den Bewohnern im Ort respektvoll mit „Fürst“ oder „Durchlaucht“ begrüßt wird. Vom fürstlichen Leben ist ansonsten jedoch wenig übrig geblieben. „Die Besucher vergessen auf dem Weg zum Schloss ihre Alltagssorgen, für mich fangen sie hier jedoch erst an“, sagt der Schlossherr Philipp Fürst zu Hohenlohe Langenburg.

Als er im Alter von 34 Jahren nach dem Tod seines Vater vor neun Jahren das Residenzschloss übertragen bekam, erbte er eine große Verantwortung. Das riesige Gemäuer muss in Schuss gehalten werden – eine Lebensaufgabe für ihn.

Die Büro-Räume in Schloss Langenburg hat Fürst zu Hohenlohe Langenburg nicht prunkvoll eingerichtet. Mit den unterschiedlichen, antiken Holzmöbeln und den Hirschgeweihen an der Wand wirken die Räume gemütlich-rustikal. Ins Bild passen auch die beiden Labradore, die ihrem Herrchen auf Schritt und Tritt folgen. Bei gemeinsamen Spaziergängen durch die Schlossanlage kann sich der Fürst jedoch kaum entspannen. Überall sieht er Risse oder baufällige Stellen, die wieder Unsummen verschlingen werden. Für 100 000 bis 200 000 Euro muss er jährlich sanieren. Im Moment steht Reparaturen an einer Brücke und am Schloss-Café an, die 380 000 Euro verschlingen werden. Summen, die er nur aufbringen kann, wenn er sich etwas einfallen lässt.

Neben Schlossführungen und einem Automuseum bietet er Räume für Hochzeiten an, hat im anliegenden Wald einen Kletterpark gebaut und richtet jährlich die „Fürstlichen Gartentage“ aus. „Wichtig ist mir, dass die Veranstaltungen rund um das Schloss einen Bezug zur Region haben“, sagt der Fürst. Er habe Langenburg als Heimat immer geliebt, doch die finanziellen Dimensionen seien ihm nicht bewusst gewesen.

Besonders ärgert den Schlossherren, wenn ihm das Amt für Denkmalpflege Steine in den Weg legt. „Ich verstehe ja, dass sie nur noch wenig Geld haben, um die Renovierungen an dem Schloss zu unterstützen“, sagt Fürst zu Hohenlohe-Langenburg. „Doch dann müssen sie mich wenigstens Geld verdienen lassen, damit ich es instand halten kann.“ Sein jüngstes Projekt ist eine sogenannte Slow-Time-Akademie, in der er eine Mischung aus Seminaren und Bogenschießen für Jugendliche, Behinderte oder Burnout-gefährdete Geschäftsleuten anbieten will. Die Entschleunigungsseminare sollen in der leer stehenden Alten Brauerei in der Schlossanlage statt finden. Bisher tummeln sich jedoch nur nachts Marder in den verfallenen Räumen – von den anstehenden Renovierungsarbeiten muss erst noch das Amt für Denkmalpflege überzeugt werden.

Probleme, die auch Lippold von Klencke, Schlossherr auf Hämelschenburg (http://www.schloss-haemelschenburg.de/) im niedersächsischen Emmerthal kennt. „Reparaturen am Schloss fallen in guten wie in schlechten Zeiten an“, sagt er. Doch auch er unterliegt den Bestimmungen des Denkmalschutzes, wenn er an seinem Schloss etwas verändern will. So wurde ihm beispielsweise der Umbau eines alten Kuhstalls in ein Restaurant verweigert. Parkplatz, Schloss und Café sind für Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Besucher problemlos zu erreichen. Auch eine Teilnahme an den Führungen durch das Schloss ist möglich mit Ausnahme des Kellergeschosses.

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Etwa ein Drittel der Räume wird im Rahmen von Führungen gezeigt, die täglich im Sommerhalbjahr stattfinden. Die übrigen Räume sind vermietet und werden von Privatpersonen bewohnt. Im Trauzimmer befindet sich eines der wenigen erhaltenen, durch Pedaldruck selbstspielenden Pianolas von Steinway & Sons. In die Eingangshalle (ehemaliges Wohnzimmer) wurde die Front der „Pilgerhalle“ eingefügt. Dabei handelt es sich um zwei Säulen, die von in den Sandstein modellierten Jakobsmuscheln bekrönt werden. Sie umrahmen eine Durchreiche, die den Pilgern auf ihrem Weg von Norden nach Santiago de Compostela in Spanien Speisung und Unterkunft verhießen. Dieses Versprechen wird auch heute noch aufrechterhalten. So übernachtete eine dänische Pilgerin 2005 für zwei Tage kostenlos im Schloss.

Seinen Lebensunterhalt verdiente sich der 68-Jährige als Landesbeamter, doch der Erhalt des Schlosses erfordert sein ganzes Engagement.

Auch auf Hämelschenburg werden Besichtigungen für Touristen und Räume für Hochzeiten angeboten. „Wir sind unsere eigenen Hausmeister, aber das macht auch große Freude“, sagt von Klencke. Wie die Tradition es verlangt, wird das Schloss dem ältesten Sohn übergeben. „Es gibt keine Regeln mehr, wer das Schloss erbt, doch ich halte es für sinnvoll, dass es nur ein Kind übernimmt.“ Denn die Instandhaltung erfordere Entscheidungsfreiheit. Seine anderen drei Kinder fördern das Familienerbe, indem sie freiwillig darauf verzichten.

Philipp Fürst zu Hohenlohe Langenburg hat seinen klangvollen Nachname nicht immer nur mit Stolz getragen: „Als Kind willst du nicht auffallen“, sagt er. „Es wäre einfacher gewesen, wenn man die ehemaligen Titel wie in Österreich aus den Namen entfernt hätte“.

Nicht immer läuft es in den adligen Familienverbänden so friedlich ab. Dirk von Hahn ist Beauftragter für Familienverbände in der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände und berät die adligen Familien, wenn es zu Streitigkeiten kommt. „Manchmal gibt es Spannungen, weil die einen an den alten Regeln festhalten, während andere ausscheren wollen“, stellt er nüchtern fest. Die alten Regeln besagen beispielsweise, dass nur der Mann den adligen Namen weiter führen darf. Eine Frau, die einen Bürgerlichen heiratet, muss Name und Titel ablegen und aus dem Adelsverband austreten. Eine Regel, die so noch zeitgemäß ist? „Das heutige Adelsrecht können wir nicht ändern, weil es dazu eines Monarchen bedürfte“, sagt von Klencke. Außerdem hätten sich die Richtlinien über die Jahrhunderte hinweg bewährt. „In adligen Familien sieht sich der Einzelne als Glied einer Kette“, sagt von Klencke.

Auch die Münchner Event-Managerin Donata von Samson-Himmelstjerna (http://www.samson-himmelstjerna.de/) gefällt es, Teil einer Familie zu sein, deren Stammbaum bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Die Jugendsprecherin der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände (VdDA), dem Dachverband der 24 einzelnen Adelsverbände in Deutschland, tanzt bei Bällen begeistert den Friesenrock, hat in ihrer Kindheit an vielen Freizeiten für Adlige teilgenommen und die Urgroßeltern ihrer engsten Freunde waren schon mit ihren Urgroßeltern befreundet. Und auch wenn die Eventmanagerin ebenso viele bürgerliche Bekannte hat wie adlige, fühlt sie sich unter Ihresgleichen wohler: „Wir sprechen dieselbe Sprache.“ Damit meint sie weniger, dass Adlige grundsätzlich „Klo“ statt „Toilette“ sagen und sich niemals einen „guten Appetit“ wünschen, sondern vielmehr die gemeinsamen Werte, die man teilt. Daher würde eine Heirat unter Adligen auch vieles erleichtern, sagt Donata von Samson-Himmelstjerna.

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Dennoch: „Die Liebe ist das Entscheidende, ob man nun adelig ist oder nicht.“ In adligen Kreisen fällt sie allerdings nicht auf, was sie angenehm findet. „Mein Name ruft immer irgendeine Reaktion hervor“, sagtdie 26-Jährige. Auf neugierige Fragen antwortet sie gerne, negative Reaktionen sind glücklicherweise selten, doch sie kommen vor: „Wenn mich jemand nur aufgrund meines Namens ablehnt, will ich mit dieser Person auch nichts zu tun haben. Es ist schließlich nur mein Name, das bin nicht ich.“

Wenn jemand adelig ist, heißt das nicht, dass er sich automatisch gut benimmt. Wir sind uns keineswegs alle einig und nicht alle miteinander befreundet. Ich glaube, die Bürgerlichen haben oft nur das Vorurteil, dass wir uns in einer geschlossenen Welt bewegen. Viele halten Adelige generell für hochnäsig. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Adelige, die sich einen Fehler erlauben, strenger beurteilt werden.Und egal, in welche Stadt ich einmal ziehe, ich weiß, diese Freunde werden mir immer bleiben. Man hat denselben kulturellen Hintergrund und dieselbe Erziehung. Man muss sich nichts erklären, man versteht sich ohne Worte. Natürlich gibt es Netzwerke, und wenn man diese nutzen möchte, öffnen sich Adelige gegenseitig auch Türen. Aber viele junge Adelige legen sehr viel Wert darauf, ihre Karriere aus eigener Kraft zu machen.

Kann man eine Tradition nicht einfach leben lassen? Wo ist der Störfaktor? Ich fände es schön, wenn man die Leute einfach den Namen tragen lässt, den sie schon immer tragen. Ich hätte gerne, dass unser Familienname noch ein paar Jahrhunderte existiert. Aber selbst wenn wir den Titel nicht mehr tragen dürften – die Familienwerte und Traditionen, der Zusammenhalt in der Familie wären weiterhin da. Daran würde sich auch ohne Adelstitel nichts ändern.

6. Mai 2017 at 12:51 Hinterlasse einen Kommentar

Franz von Bayern könnte Schottlands König werden

Der 84-Jährige wurde schließlich als Erbprinz in das geschichtsträchtige Haus der Wittelsbacher geboren, jener Familie, die über 700 Jahre lang den Freistaat regierte.

Sollten die Schotten sich unabhängig erklären, könnte die Queen als Staatsoberhaupt abgesetzt werden. Beste Chance auf den Posten als König der Highlands hätte dann ausgerechnet ein Bayer. An Spekulationen ist Herzog Franz von Bayern gewöhnt. Gäbe es heute noch die Monarchie in Bayern, dann wäre Franz König über knapp 13 Millionen Untertanen. Hätte er royale Ambitionen, könnte Franz sogar noch weiter greifen, über den Ärmelkanal und hoch nach Schottland nämlich, wo diesen Donnerstag über eine Abspaltung von England abgestimmt wird. Denn der Wittelsbacher ist nicht nur Franz von Bayern, sondern auch King Francis II., Monarch von Schottland. Franz Herzog von Bayern hat einen Anspruch auf den schottischen Thron: Er ist ein Nachfahre des Hauses Stuart. In dieser Montage haben wir ihm schon mal ein Krönchen verpasst.

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Das sagt zumindest eine kleine Gruppe schottischer Monarchisten, die den Bayern gerne statt der Queen auf den schottischen Thron setzen würden. Die sogenannten Jakobiten berufen sich dabei auf die Abstammung des 84-Jährigen. Der ist tatsächlich ein entfernter Nachfahre des Hauses Stuart, jener schottischen Familie also, die gut 100 Jahre lang England und Schottland regierte.

Die Leitung des Hauses Stuart liegt im Hause Wittelsbach, dessen Oberhaupt Herzog Franz ist“, heißt es auf der Seite der monarchistischen Royal Stuart Society (http://www.royalstuartsociety.com/). Der Anspruch ist über Maria Theresia von Modena vererbt worden, eine Nachfahrin der Stuarts und Urgroßmutter von Franz. Ob die Jakobiten Franz wirklich nach Schottland einladen wollen, sollte das Referendum in ihrem Sinne ausgehen, dazu will sich vorerst niemand äußern. Er spreche nicht mit der Presse, lässt Noel McFerren wissen, der das Portal The Jacobite Heritage (http://www.jacobite.ca/) betreibt. Auch die meisten anderen Stuart-Anhänger halten sich bedeckt. Sicher ist, dass hartgesottene Unabhängigkeitsanhänger es nur schwer ertragen könnten, wenn Queen Elizabeth II. auch nach einer möglichen Abspaltung Schottlands das Staatsoberhaupt bleiben würde. Genau das gilt jedoch momentan als wahrscheinlich, in einem Modell ähnlich derer in Australien oder Kanada, die die Queen trotz ihrer Unabhängigkeit weiterhin anerkennen.

Eine Republik ist bei den größtenteils überzeugten Monarchisten jedoch ebenso unbeliebt. Bleibt Franz von Bayern, der Kunstmäzen, der zurückgezogen in einem Flügel von Schloss Nymphenburg lebt. In den bald 20 Jahren, in denen er jetzt Oberhaupt der Wittelsbacher ist, hat Franz schon viele royalistische Spekulationen über sich gehört. Selbst Großbritannien war schon einmal Thema, 2008 nämlich, als überlegt wurde, Katholiken wieder in der Thronfolge zuzulassen.

Dazu sollte ein 1702 erlassenes Gesetz aufgehoben werden, das Katholiken untersagte, Anspruch auf die Krone zu erheben – und das somit als eigentliches Ziel verfolgte, die katholischen Schotten der Stuarts vom britischen Thron fernzuhalten. Das Gesetz wurde bis heute nicht geändert. Wäre das jedoch der Fall, würde Franz sogar als möglicher König von England ins Spiel kommen.

Manch einer munkelt schon, Schotten und Bayern seien einander ja ohnehin sehr ähnlich: bizarre Bräuche, ein ausgeprägtes Faible für Trachten und eine hohe Affinität zum Bier. Franz von Bayern würde demnach zusammenfügen, was zusammengehört.

Doch der 84-Jährige zeigt keinerlei Ambitionen, Schloss Nymphenburg zu verlassen und auf die Insel zu ziehen. Zu den Spekulationen über seine Zukunft als König von Schottland gibt es denn auch nur eines: keinen Kommentar.

Sie verkörpern mit Ihrem Namen dieses schöne Land. Wo sehen Sie Gefahren für Bayern?

HERZOG FRANZ VON BAYERN: Bayern und meine Familie sind durch den in Jahrhunderten gewachsenen Respekt miteinander verbunden. Wir haben uns gegenseitig geprägt und ich bin sehr glücklich, dass diese gute Beziehung auch 95 Jahre nach dem Ende der Monarchie so lebendig ist. In gewisser Weise teile ich die Sorge meines Großvaters, Kronprinz Rupprecht von Bayern und meines Vaters Herzog Albrecht von Bayern, dass Bayern durch politische Gleichmacherei in einem Staat mit zunehmend zentralistischen Tendenzen und Kompetenzen seine Eigenart und seine politische Bedeutung verlieren könnte.

Sie haben eine ganze Menge von Hilfsprojekten in die Wege geleitet, welches liegt Ihnen besonders am Herzen?

HERZOG FRANZ VON BAYERN: Persönlich ist mir der Hilfsverein Nymphenburg e.V. am stärksten verbunden, der von meiner Mutter zur Zeit des Ungarnaufstands ins Leben gerufen wurde und heute unter anderem in Rumänien, Albanien und afrikanischen Ländern Alte, Kranke und andere Bedürftige unterstützt. Ich habe mich gerne, vor ein paar Jahren, für die Obdachlosenhilfe des Haneberghauses und Lichtblick Hasenbergl engagiert.

Beziehen Sie oder das Haus Wittelsbach noch Geld vom Staat und damit vom Steuerzahler?

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HERZOG FRANZ VON BAYERN: Mit dem Ende der Monarchie in Bayern 1918 wurde auch die sogenannte Zivilliste abgeschafft, aus der alle Kosten der Hofhaltung und der Repräsentation des bayerischen Königs und seiner Familie zu begleichen waren. Seither erhalten die Mitglieder des Hauses Wittelsbach keine Zahlungen des Staates mehr. Um einen Ausgleich für das schon 1804 an den Staat übertragene Privatvermögen des Hauses Wittelsbach zu schaffen, wurde schon fünf Jahre nach dem Ende der Monarchie der Wittelsbacher Ausgleichsfonds, eine Stiftung des Öffentlichen Rechts, gegründet. In diesen Fonds wurden vornehmlich Immobilien, land- und forstwirtschaftliche Flächen und ein bedeutendes Kunstvermögen eingelegt, letzteres überwiegend unter der Vorgabe, es in staatlichen Museen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus den erwirtschafteten Erträgen des Wittelsbacher Ausgleichsfonds ist der Erhalt des Traditionsvermögens sicher zu stellen. Daneben ist es Stiftungszweck, einen angemessenen Unterhalt der Familie zu gewährleisten.

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An Stelle von Geschenken wünschen Sie sich zu Ihrem Geburtstag eine Spende für wohltätige Zwecke in Griechenland. Wie eng ist die Verbindung der Wittelsbacher noch mit Athen, in dem Ihr Vorfahre Otto 1832 bis 1862 als erster König von Griechenland residiert hat?

HERZOG FRANZ VON BAYERN: In der Tat gibt es eine enge Beziehung zu Griechenland. Die Antiken- und Griechenlandbegeisterung König Ludwig I. ist ja bekannt. Von dieser Begeisterung zeugen in München nicht nur klassizistische Gebäude und Prachtstraßen, sondern auch eine bedeutende Sammlung, die Glyptothek. Der Idealismus von König Ludwig I. ging so weit, dass er seinen Sohn Otto als griechischen König in ein ihm fremdes Land schickte, das politisch führungslos und wirtschaftlich wenig entwickelt war. Die Verbindung zu Griechenland ist seitdem nicht abgerissen, und ich bleibe nicht unberührt, wenn ich sehe, wie hart die Folgen der Eurokrise die Griechen treffen. Aus diesem Grund habe ich um Spenden für ein Hilfsprojekt der griechisch-orthodoxen Kirche gebeten und werde mich auch persönlich finanziell engagieren. Dieses Hilfsprojekt unterstützt mit Lebensmittelpaketen kinderreiche Familien im Großraum Athen, die im Jahr weniger als 8000 Euro zur Verfügung haben.

6. Mai 2017 at 12:40 Hinterlasse einen Kommentar


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