Archive for 2. Juli 2017

Königliche Hoheit im Schloss Salem

Treppauf. Treppab. Es dauert eine Weile, bis man endlich den Gartensaal erreicht, in dem uns Prinz Bernhard, 44, empfängt. „Salem ist größer als der Buckingham Palace!“ sagt der Prinz und lächelt. Dass Besucher, die nach Salem kommen, vor allem an das Internat der Royals denken, ist man hier gewohnt. Dabei ist die Kloster- und Schlossanlage in Südbaden so viel mehr: Ein Dorf, in der Schüler leben und Lehrer, Adlige und Angestellte, zusammen einige hundert Menschen. Eine eigene kleine Welt. Mit riesigen Ausmaßen.

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Größer als der Buckingham Palace! Der Chef des Hauses Baden, Großneffe der Queen und Spross eines der ältesten Fürstenhäuser Deutschlands, liefert sogleich das Stichwort zur britischen Verwandtschaft. Wie er vom erneuten Nachwuchs der englischen Prinzessin Kate kürzlich erfahren habe? „Über die Zeitung, wie die meisten“, sagt der Prinz, der über seine Großmutter väterlicherseits, Theodora von Griechenland, der Cousin zweiten Grades von Prinz William und Prinz Harry ist. „Ich freue mich natürlich über die frohe Botschaft. Wir nehmen Anteil aneinander. Prinz Philip hat in Salem gelebt, bis das Dritte Reich kam und unsere Familie über mehrere Jahre auseinandergetrieben hat. Meine Eltern waren bei der Hochzeit von Kate und William.“ Er selbst sei nicht geladen gewesen, sagt er, die Verwandtschaft zu weitläufig. Klein-Georg habe er noch nicht gesehen. „Als er auf die Welt kam, war ich einen Tag zuvor zu Besuch bei Prinz Charles. Da war Kate im Krankenhaus.“

Der Mann wird mit Königliche Hoheit angesprochen. Bürger die ihm zum ersten Mal begegnen, mögen dabei leicht verunsichert sein. Kinder sind sogar meist enttäuscht. Der Prinz von Baden, Bernhard Max Friedrich August Gustav Louis Kraft, lebt in einem prächtigen Schloss, doch er trägt weder Krone noch Goldgeschmeide. „Ja, das ist eine Riesenenttäuschung, wenn die romantische Vorstellung der Märchenwelt platzt“, schmunzelt der 44jährige Prinz, „und dann steht da vor den Kindern einfach ein Mensch.“ Prinz Bernhard selbst erlebte den Blick in die Realität gerade anders herum. „Ich bin aufgewachsen wie alle anderen Kinder hier im Schloss. Dass ich ein Prinz sein soll, habe ich erst viel später realisiert.“ Heute hat er die Rolle des Erbprinzen längst angenommen und dabei auch gelernt: „Man muss sich jedes Erbe erarbeiten!“

Es war fast wie ein Volksaufstand. Das Schloss von Salem sollte verkauft werden, die markgräfliche Familie wegziehen? Da gingen die Bürger rund um die ehemalige Klosteranlage auf die Straße und demonstrierten für ihr Schloss und ihre königliche Familie. In Fernsehsendungen und vor Mikrofonen vieler Radiostationen verlangten die Bürger Salems den Erhalt des Schlosses in seiner gewachsenen Form und Funktion. Kulturschaffende, Touristiker und Hoteliers forderten die demokratisch gewählten Politiker auf, sich für den Verbleib der royalen Familie im Schloss einzusetzen. Im Nachhinein lächelt Prinz Bernhard von Baden, der heutige Generalbevollmächtigte der markgräflichen Familie, freundlich über das Engagement der Bürger: „Das war überaus sympathisch und hat uns natürlich gefreut, dass die Wertigkeit unserer gemeinsamen Geschichte auch von den Bürgern so gesehen wird.“ Das Schloss ist ohne Zweifel das dominanteste Kulturdenkmal des Linzgaus. Es zu erhalten und der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich zu machen, war vor Jahren das Ziel aller. „Dabei geht es immer um die Historie des Landes, die Kontinuität unserer Kultur und den roten Faden der Geschichte, der den Linzgau prägt“, ist die Sichtweise des Prinzen.

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Prinz Bernhard hat die Weichen für eine moderne Forstwirtschaft gestellt, die auf eine ökologische Sortenvielfalt achtet. Er lässt auf freien Flächen natürlichen Streuobstwiesen ihren Platz. Die von den Mönchen einst angelegten Fischweiher, die Teile des Linzgaus prägen, pflegt die Markgräfliche Verwaltung. Dabei verfinstern sich seine hellen Augen hinter der randlosen Brille leicht: „Rentabel ist das wahrlich nicht.“ Doch als Erbprinz lässt sich der Mann auch von der Tradition und Verantwortung für die Liegenschaften leiten, also bleiben die landschaftlich typischen kleinen Seen bestehen. Seit 16 Jahren leitet der Prinz die Geschäfte des Hauses Baden. Zudem setzt er die 500-jährige Winzertradition der Familie unter dem Namen „Markgrafen von Baden“ fort. Der Erbprinz plaudert über sein beachtliches Weingut, das größte am Bodensee und eines der renommiertesten des Landes. „Die Zisterzienser brachten im 12. Jahrhundert den Weinbau aus ihrer Heimat Burgund nach Baden mit. Unsere Weinkultur ist jahrhundertelang Bestandteil dieses Hauses – auf diesen Spuren wandelt man durch die Schlossanlage.“ Heute wie damals stehen die Reben in den besten Hanglagen am See. Die Salemer Mönche hatten einst sieben Weinkeller – einer wird heute als privates Schwimmbad von den Internatsschülern genutzt.

Der Prinz reicht uns einen Sekt seines Weinguts: Stéphanie Napoléon extra brut. Einen Cuvée aus Chardonnay, Spätburgunder und Schwarzriesling. Seine Königliche Hoheit schwebt fast über den Perserteppich, als er die edle Flasche aus dem Eiskübel fischt und ein Glas eingießt. Üppige Blumenarrangements auf den Tischen. Das Mobiliar: Empire-Stil. Polierte Holzdielen. Unter den gewölbten Decken strahlen die Wände mintgrün. Die hohen, vergitterten Fenster geben den Räumen trotz der edlen Ausstattung einen klösterlichen Touch. Er versprüht eine Jungenhaftigkeit und Eleganz, die ihn zehn Jahre jünger wirken lässt. „Der Abt, also der Vorsteher des Klosters, lebte einst in der Prälatur“, sagt der Prinz. „Hier empfing er Diplomaten aus aller Welt, beherbergte Kaiser. Hier leben heute meine Eltern.“ Der Prinz wohnt mit seiner Familie zurückgezogen in einem Haus der markgräflichen Familie. Prinz Bernhard von Baden, Herzog von Zähringen, ist der älteste Sohn von Max Markgraf von Baden, 81, und seiner Frau Valerie, 73, Erzherzogin von Österreich (Prinzessin aus dem Hause Habsburg-Lothringen). Mit seiner älteren Schwester Marie Louise Prinzessin von Baden, 45, und den Brüdern Leopold, 43, und Michael, 38, wuchs er im weitläufigen Schloss auf. „Das Leben im öffentlichen Raum ist wie wenn man im Pfarrhaus aufwächst oder als Kind eines Dorflehrers. Das hat auch Vorteile. Die langen Gänge zum Beispiel. Hier kann man wunderbar Rad fahren. Als Kind habe ich das geliebt!“

Das Haus Baden, eines der ältesten früher regierenden Häuser Deutschlands, ist erstmals gegen das Jahr 1000 im badischen Breisgau nachweisbar. Bei der Auflösung des alten Reiches konnte es von der napoleonischen Neuordnung profitieren und erzielte beträchtliche Gebietsgewinne, unter anderem die rechtsrheinische Kurpfalz mit Mannheim und Heidelberg, das Zisterzienserkloster Salem und den Breisgau. „Napoleon schenkte uns Salem – seit 1802 ist es in der Hand unserer Familie. Wir waren Grenzland. Insofern wichtig. Napoleon hat seine Adoptivtochter Stephanie in unsere Familie eingeheiratet. Sie ist unsere Landesfürstin.“ Daher der Name des Sekts: Stéphanie Napoléon.

Der Erbprinz und Generalbevollmächtigte der markgräflichen Familie verwaltet Teile des Schlosses in siebter Generation. Er steht außer der Markgräflich Badischen Verwaltung auch der Badischen Forst GmbH und den Weingütern des Hauses vor. „Ich darf einen Teil unserer herrlichen Landschaft mitgestalten, halte das denkmalgeschützte Gebäude instand, sitze in vielen Institutionen, um die Geschichte meiner Familie und des Landes am Leben zu halten. Als Unternehmer muss ich mich um die Finanzen, Verwaltung und Personalführung kümmern. Wir bewirtschaften insgesamt 500 Hektar Obstwiesen, Fischteiche, Felder und Wälder. Allein 110 Hektar Wein.“ Schon 1925 haben die Markgrafen die ersten Rebstöcke Müller-Thurgau aus der Lage Birnauer Kirchhalde bepflanzt. Die genügsame Neuzüchtung ist heute die Referenzsorte der Region. Über dem Schreibtisch des Prinzen hängt ein Gemälde von Markgraf Karl Friedrich (1738 – 1811) – sein Vorfahre hatte im Markgräfler Land der Gutedelrebe zu ihrem Platz verholfen. Vielleicht lässt sich ähnliches einmal über Prinz Bernhard und den Müller-Thurgau sagen. Der Prinz bricht seit Längerem eine Lanze für ihn. „Er ist ein eleganter, frischer Seewein – ein Spiegelbild der Landschaft.“

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„Heute ist im Leben alles so arbeitsteilig. Schön, dass wir hier alles noch selber machen“, schwärmt der Prinz. „Zum Beispiel stammen unsere Fischweiher noch von den Mönchen des Klosters Salem. Wir haben die Fischrechte am Bodensee und züchten noch Karpfen. Es ist eine ungewöhnliche Welt hier.“ Dann gibt es beim Prinzen von Markgrafen also Karpfen zu Weihnachten? Der Prinz lacht herzlich. „Leider nein. Da streiken die Kinder. Bei uns gibt es Weihnachtsgans. Aber die Kinder sind jedes Jahr beim Abfischen der Teiche dabei. Als Kind war es das Größte für mich, wenn ich bis zur Hüfte im Schlamm stand – meine Kinder lieben das auch.“ Dabei hat er als Kind, vor allem im Winter, mit diesem Zuhause gehadert. „Wenn ich Freunde besuchte, hatten alle schöne, warme Wohnungen. In so einem Schloss zieht es oft durch alte Ritzen. Unsere Wohnzimmerräume waren hoch, es war meist kalt im Winter.“ Sein bester Freund war der Sohn des Hofbäckers. In der Bäckerei fühlte sich Klein-Bernhard wohl. Der Bäcker war ein netter Mann. „Er brachte uns immer die frischen Brötchen und sagte zu mir, dein Vater ist unser Brötchengeber. Da lachte ich meist, das hielt ich für einen guten Witz.“ Wenn der Prinz aus seiner Kindheit erzählt, leuchten seine Augen, sein Lächeln wird strahlend. „Salem war damals ein großer Landsitz, mit Tieren, Landwirtschaft, Schmiede und allem, was einem Kind gefällt.“ Dass er der Erbprinz ist, sollte offenbar seine Entwicklung nicht stören. „Mein Vater hätte mir wohl eher mit einer Backpfeife gedroht, wenn ich den Prinz herausgehangen hätte.“

Sein Urgroßvater, Max von Baden, war der letzte deutsche Kanzler des Kaiserreiches und zugleich der letzte Thronfolger des Großherzogs Badens. Er gründete 1920, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die Internatsschule im Geiste des Humanismus. Seitdem sind „die Kinder“ da. Es ist die nobelste Schuladresse Deutschlands. Golo Mann, Sprössling des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann, war ein Absolvent – heute steht sein Werk in der Schlossbibliothek. Ebenso ging der Ehemann der Queen, Prinz Philip von England hier zur Schule, neben Königin Sophia von Spanien, Ernst August von Hannover (senior), Konzern-Chef August Oetker und FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher. Monatliches Schulgeld – über 2000 Euro. Das Motto der renommiertesten Kaderschmiede Deutschlands: „Plus est en vous!“ – In euch steckt mehr! „In den Mönchzellen schlafen heute rund 200 der über 600 Schüler“, sagt der Prinz. Klingt spartanisch. „Nein, hübsch sind die Zimmer schon.“ Er muss es wissen – hat er doch selbst bis zur vierten Klasse in der Juniorschule von Schloss Salem gebüffelt. Sein Abitur hat er in der Schweiz, in Graubünden, gemacht. Als die Finanzen der Familie in den 1990er-Jahren in Schieflage gerieten, gab Bernhard Prinz von Baden sein BWL- und Jura-Studium in Hamburg und St. Gallen auf und kümmerte sich um die Sanierung des Familienvermögens. Zuletzt konnte das Haus Baden die Anlage nicht länger finanzieren. Im Zuge dessen gab die Familie diverse Firmenbeteiligungen auf und trennte sich von drei ihrer vier Schlösser, darunter große Teile von Salem.

Dass das Land Baden-Württemberg dem Haus Baden 2009 nach langem Tauziehen Schlossanlage, Kunstgüter, Rechte und Abgeltungen, somit einen Großteil des Besitzes für 57 Millionen Euro abgekauft hat, ist laut Prinz Bernhard eine gute Lösung für das Haus Baden und eine glückliche Fügung für alle, die in Salem arbeiten – sie wurden komplett übernommen. Das Erbe, das Prinz Bernhard 1998 antrat, hatte von Anfang an im Zeichen der Krise gestanden. Zwei Millionen Euro Unterhalt jährlich überstiegen die Mittel des Hauses Baden. Heute besitzt die Familie nur noch die Privaträume, die Prinz Bernhards Vater Max von Baden bewohnt.

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„Keine einfache Zeit“, sagt der Prinz und für kurze Zeit verfinstern sich seine hellen Augen hinter der randlosen Brille. „Jetzt sind Kontinuität und Tradition gesichert.“ Salem bleibt der Öffentlichkeit zugänglich. „Das war mir wichtig!“ Der Prinz führt durch einen langen, himmelblauen Gang, die Ahnengalerie aus dem 18. Jahrhundert. „Das Problem: Wir hatten oft keine Ahnung, wie die Ahnen ausschauten. Bei einem halfen nicht einmal Münzen weiter, wo oft das Konterfei zu sehen war. Er wurde mit heruntergelassenem Visier gemalt.“ Eine Familie mit Humor. Prinz Bernhard, der ohne Rüstung und Nimbus, ist seit 2001 mit Stephanie Kaul, 48, verheiratet. Die bürgerliche Werbefachfrau, die aus Uelzen stammt, studierte ebenfalls BWL in Hamburg, arbeitete gelegentlich als Model und lernte ihren Mann während des Studiums kennen. Das Paar hat drei Buben: Leopold, 12, Friedrich, 10, und Karl-Wilhelm, 8. „Ich lebe mit meiner kleinen Familie in einem Forsthaus in der Nähe, fünf Kilometer von Schloss Salem.“ Mit Seeblick? Nicken. Doch er komme jeden Tag gern nach Salem: „Ich habe mich entschieden, das Erbe unserer Familie anzutreten.“

Info: Informationen über die Weine: http://www.markgraf-von-baden.de.

Führungen: http://www.salem.de; Telefon 07553/916 53 36.

Bodensee-Linzgau Tourismus e.V.

Frau Jutta Halder

Schloss Salem, 88682 Salem

Tel.: 0049(0)7553 / 917715

Fax: 0049(0)7553 / 917716

E-Mail: Tourist-info@bodensee-linzgau.de

Web: http://www.bodensee-linzgau.de

Öffnungszeiten:

April bis Oktober

Montag bis Samstag 09:30 – 18:00

Sonn- und Feiertage 10:30 – 18:00

November bis März

Montag bis Freitag 09:00 – 12:00

Markgräflich Badisches Weinhaus GmbH

Auf der Suche nach neuen Verkaufsmöglichkeiten macht das Weingut der Adelsfamilie von Baden künftig gemeinsame Sache mit Deutschlands größtem Sekthersteller, Rotkäppchen-Mumm.

Man habe ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, um ab September badischen Wein deutschlandweit und längerfristig auch international zu vermarkten, teilten die beiden Hersteller aus Salem (Bodenseekreis) und Freyburg (Sachsen-Anhalt) am Mittwoch mit. Die Badener wollen dabei vom Vertriebsnetz von Rotkäppchen-Mumm profitieren. Die Gemeinschaftsfirma namens Markgräflich Badisches Weinhaus GmbH mit je hälftigen Anteilen hat zehn Mitarbeiter, ihre Büros sind in Salem.

Markgraf von Baden (http://www.markgraf-von-baden.de/) ist mit 135 Hektar eines der größten privaten Weingüter in Deutschland, überregional aber wenig bekannt – sein Wein wird bisher größtenteils in Baden-Württemberg verkauft. Das soll sich künftig ändern. Inhaber des Weinguts ist Prinz Bernhard von Baden.

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Sein jüngerer Bruder Michael ist Chef des Weinguts, er soll mit einem Manager von Rotkäppchen-Mumm das Gemeinschaftsunternehmen führen. Die Firma aus Sachsen-Anhalt kam nach eigenen Angaben mit 630 Mitarbeitern 2016 auf einen Jahresumsatz von knapp einer Milliarde Euro, sie verkaufte 271 Millionen Flaschen. Das badische Weingut mit Sitz in Salem am Bodensee kommt auf einen Jahresabsatz von einer Million Flaschen.

2. Juli 2017 at 04:50 Hinterlasse einen Kommentar

Preußenprinz wollte keine Rolle im Kinofilm

Für den Thriller „A Cure for Wellness“ ist auf der Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg gedreht worden – eine Rolle in dem Streifen wollte der Hausherr aber nicht. Bei den Dreharbeiten zur deutsch-amerikanischen Produktion habe er aber zuschauen dürfen, sagte der Preußenprinz. „Wenn ich mich darum gerissen hätte, hätte ich sicherlich einen Bademantel bekommen, um einen Patienten im Luxus-Spa zu spielen“, sagte Georg Friedrich Prinz von Preußen der Redaktion unseres Hauses. „Aber so weit ging mein Verlangen dann doch nicht.“ Die Burg dient immer wieder als Filmkulisse.

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„Einen Tag nach dem Europafilmstart kam schon das erste Ehepaar aus Frankreich vorbei, um sich den Originalschauplatz anzuschauen.“ Georg Friedrich Prinz von Preußen ist der Chef des Hauses Hohenzollern und der Ururenkel des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.

Preußen ist nicht so böse, wie viele denken“

Sagt Georg Friedrich Prinz von Preußen, der Ururenkel des letzten deutschen Kaisers. Er hat allerdings ganz andere als politische Ambitionen.

Prinz von Preußen, wann haben Sie das letzte Mal Windeln gewechselt?

Vor zweieinhalb Stunden, meine Frau und ich teilen uns das auf. Gerne packe ich, wenn ich zuhause bin, mit an, ich kümmere mich um die Kleinen, gehe einkaufen.

Sie sind zwar Hausherr auf Hohenzollern, aber wohnen mit ihrer Familie im Norden.

Wir leben auf dem Dorf, in Fischerhude bei Bremen, wo ich groß geworden bin. Das ist extrem ländlich mit Blick auf die Wümmewiesen. Beruflich verbringe ich viel Zeit in Berlin, von dort aus kümmere ich mich auch um die administrativen Angelegenheiten meines Hauses.

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Und zwischendurch machen Sie immer wieder Abstecher auf Ihre Stammburg?

Alle zwei Wochen zieht es mich hierher, um nach dem Rechten zu schauen. Der Burgbetrieb ist in den letzten zehn Jahren stark gewachsen. Machmal komme ich mit der ganzen Familie – so wie dieses Mal. Wir feierten die Taufe unseres Jüngsten. Die Burg ist allerdings nicht so bequem und luxuriös, wie es sich viele ausmalen. Der Wohntrakt hat eher Jugendherbergscharakter.

(Der Prinz lächelt charmant. Wir sitzen bei Kaiserwetter und Kaffee auf einer kleinen Aussichtsterrasse auf Hohenzollern. Auf dem Burgturm weht die schwarz-weiße Preußenfahne als Zeichen, dass der Hausherr da ist. Der Adelige bleibt unerkannt im Touristentrubel, auf dem Gelände dreht sich keiner nach ihm um.)

Erinnern Sie sich an Ihre Kindheitstage auf Hohenzollern?

Das weiß ich noch genau. Wir lieferten uns Schwertkämpfe in der Waffenkammer und warfen im Winter durch Schießscharten Schneebälle auf die Pendelbusse. Meine Mutter ist oft mit uns hergekommen. Meinen Vater habe ich leider früh verloren. Er war angehender Leutnant der Reserve, wurde bei einem Manöverunfall mit einem Panzer schwer verwundet und ist kurz darauf gestorben. Da war ich ein Jahr alt. Ich vermisse ihn oft. Umso mehr freue ich mich jetzt, für meine Kinder als Vater da zu sein. Da nehme ich auch wenig Schlaf in Kauf.

Wie aufwendig ist es, die Burg zu erhalten?

Hohenzollern ist eine Herausforderung, das ist klar. Die Anlage soll weder ein staubiges Museum noch ein Preußen-Disneyland sein. Wir haben 300 000 Besucher im Jahr, etliche Gäste aus Amerika, Asien und aus vielen Teilen Europas. Wir sind eines der wenigen Privatmuseen in dieser Größenordnung, das es schafft, sich aus sich selbst heraus zu erhalten.

Sie sind Verwalter einer Dauerbaustelle. Da bröselt es doch ständig irgendwo?

Das stimmt. Wir werden die Anlage in den nächsten zehn Jahren grundsanieren. Das geht in diesem Jahr los. Da müssen viele hundert Tonnen Material bewegt werden, alles in Absprache mit dem Denkmalamt. Wir arbeiten zunächst an den Grundmauern, dann soll die Auffahrt folgen. Wenn möglich, werden wir mit dem gleichen Stein sanieren, mit dem die Burg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurde: gelber Angulatensandstein. Doch der ist rar. Wir sind im fürstlichen Wald bei Grosselfingen fündig geworden. Ob da genügend liegt, wissen wir nicht.

Immerhin lässt sich die Location gut vermarkten. Im Thriller „Cure for Wellness“ wurde sie neulich schaurig in Szene gesetzt.

Hohenzollern war schon oft im Film zu sehen. Stanley Kubrick hat schon bei uns gedreht. In der britischen Fantasy-Kinderserie „The worst witch“, die 2017 auch im ZDF gezeigt wird, ist die Burg eine Art Hogwarts für junge Hexen. Bei den Dreharbeiten zu „Cure for Wellness“ durfte ich zuschauen, das war spannend. Einen Tag nach dem Europafilmstart kam schon das erste Ehepaar aus Frankreich vorbei, um sich den Originalschauplatz anzuschauen.

Wurde Ihnen eine Rolle angeboten?

Wenn ich mich darum gerissen hätte, hätte ich sicherlich einen Bademantel bekommen, um einen Patienten im Luxus-Spa zu spielen. Aber soweit ging mein Verlangen dann doch nicht.

(Fast wilhelminisch-üppig trägt der Prinz seinen Bart. Trotz der steigenden Temperaturen zur Mittagszeit lässt er sein Jackett an. Er ist ein ausgesprochen höflicher Gastgeber, nimmt sich jede Menge Zeit. Interviews gibt der Zollernchef nur selten, in der Öffentlichkeit hält er sich meist zurück und sucht nicht die große Bühne.)

Als echter Preuße müssen Sie standesgemäß heiraten. Denn Bürgerblut ist nicht gleich Blaublut. Wer als potenzieller Hausherr – oder früher Thronfolger – die Falsche ehelicht, wird enterbt. Hat Sie das belastet?

Diesem Druck fühlte ich mich nie ausgesetzt. Ich kenne meine Frau Sophie seit 35 Jahren. Immer wieder haben sich unsere Wege gekreuzt. Bei uns zuhause hängt ein Bild, auf dem wir uns zwei- und dreijährig im Planschbecken gegenüber sitzen. Ich bin glücklich, dass wir uns vor sieben Jahren in Berlin wiedergefunden haben.

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Ihr Ururgroßvater Kaiser Wilhelm II. war da kategorisch. Die Ehe zwischen einem Prinzen und einer Bürgerlichen sei so unmöglich „wie die Verbindung zwischen einem Schwan und einer Gans“. Sind solche Hausgesetze nicht antiquiert?

Wir haben gerade in der Familie zusammengesessen und darüber geredet, ob und wie man das nicht auf zeitgemäßere Beine stellen kann. Wir schauen, wie es andere befreundete Häuser machen. Hauptziel soll sein, dass die Familie zusammenhält.

Wie vernetzt sind Sie mit dem europäischen Adel? Fliegen Sie auf ein Tässchen Tee nach London zu Prinz Charles?

Die verwandtschaftliche Verbindung zum britischen Königshaus ist sehr eng. Queen Victoria ist meine vierfache Urgroßmutter, sie starb in den Armen ihres Lieblingsenkels Kaiser Wilhelm II. Seit den beiden Weltkriegen hält sich das britische Königshaus bezüglich seiner Wurzeln und familiären Verbindungen nach Deutschland verständlicherweise zurück. Umso mehr freue ich mich, den Prinzen von Wales bei Festlichkeiten aller Art zu treffen.

Ist es eine Bürde oder ein Privileg, den Hohenzollern anzugehören?

Mit 18 Jahren, nach dem Tod meines Großvaters, wurde ich Chef des Hauses Hohenzollern. Anfangs war das nicht einfach. Da musste ich mich in vieles einarbeiten und oft rechtfertigen. Ich wurde damit konfrontiert, dass die Leute denken, ich warte nur auf die Rückkehr der Monarchie. Dabei hatte ich stets den inneren Antrieb, mir und anderen zu beweisen, dass ich etwas Eigenes aufbauen kann. Ich habe Betriebswirtschaft studiert und jahrelang als Angestellter gearbeitet. Doch die Aufgaben innerhalb der Familie sind größer geworden, vor allem die Verwaltung fordert mich.

Träumen Sie nicht manchmal davon, Kaiser zu sein, mal ehrlich?

Nein, das tue ich definitiv nicht. Meine Familie hat keine politische Verantwortung im Land, und ich möchte auch keine übernehmen. Geblieben ist uns eine kulturelle Verantwortung. Wir erhalten die Burg Hohenzollern als nationales Kulturdenkmal, in Berlin und Brandenburg sind wir als Familie der größte private Leihgeber für die großen Preußenstiftungen.

Wie fühlt es sich an, wenn man weiß, dass von einem Vorfahr der Erste Weltkrieg begonnen wurde?

Ich bin zurückhaltend, was die Kriegsschuldfrage angeht. Es kommen noch immer neue Erkenntnisse dazu. Was mich mehr belastet, ist das Thema Drittes Reich. ‚Die haben uns prostituiert als Familie‘, sagte mein Großvater immer. Die Nationalsozialisten haben von sich behauptet, sie stünden in der direkten Nachfolge der Hohenzollern und führten das Preußentum fort. Das war Bestandteil ihrer Propaganda, die leider vielerorts bis heute nachwirkt.

Einige Mitglieder in ihrer Familie unterstützten die Nationalsozialisten.

Es gab beides, wir führen einen offenen Umgang mit dem Thema. Mein Urgroßonkel Prinz August Wilhelm, genannt Auwi, hat sich in das Nazi-Regime involvieren lassen und hielt Reden für die NSDAP. Mein Großvater Louis Ferdinand und dessen Vater Kronprinz Wilhelm hielten von Beginn an eine enge Verbindung zum politischen Widerstand mit dem klaren Ziel, die Monarchie in Deutschland wieder herzustellen.

Die Preußen-Nostalgie nimmt zu, die historische Schuld verblasst. Das Hohenzollernschloss in Berlin soll 2019 fertig sein. In Potsdam soll der Turm der Garnisonkirche wiederaufgebaut werden. Welche Gefühle löst diese Renaissance bei Ihnen aus?

Das Wort Renaissance klingt im Zusammenhang mit Preußen für viele bedrohlich. Da gab es in der Vergangenheit vor allem diesen Schwarz-Weiß-Blick: Preußen wurde entweder glorifiziert oder ins Gruselkabinett der Geschichte gesteckt. Heute ist der Blick zurück entspannter. Und Preußen ist auch nicht so böse, wie viele denken.

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Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen wurde 1976 in Bremen geboren. Er ging in Bremen und Oldenburg aufs Gymnasium. Sein Abitur legte er am Glenalmond College im schottischen Aberdeen ab. Im September 1994 starb sein Großvater, Prinz Louis Ferdinand senior, in dessen Nachfolge er Hohenzollern-Chef wurde. In Freiberg/Sachsen studierte er Betriebswirtschaft. Der Prinz ist seit 2011 mit Prinzessin Sophie von Isenburg verheiratet. Sie haben vier Kinder: die vierjährigen Zwillinge Carl und Louis, die zweijährige Emma und Heinrich, der vergangenen November auf die Welt kam.

2. Juli 2017 at 04:34 Hinterlasse einen Kommentar


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