Er war der Urenkel von Kaiser Wilhelm II. (†1941)

5. Juli 2017 at 05:17 Hinterlasse einen Kommentar

Wer ist und Wer war Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, der am 29. September 2015 im Alter von 76 Jahren nach schwerer Krankheit starb. In unserem Hausarchiv haben wir ein gemeinsames Gespräch aus 2011 mit Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, über seinen Urgroßvater, den letzten deutschen Kaiser, standesgemäßes Heiraten und den unerfreulichen Erbstreit mit seinem Neffen gefunden.

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Herr Prinz von Preußen, ist es eine Bürde oder ein Privileg, dem Geschlecht der Hohenzollern anzugehören?

Preußen: Schwer zu beantworten. Ich glaube, es ist eher ein Privileg. Aber offengestanden – ich fühle mich wie jeder andere deutsche Staatsbürger auch, mit allen Rechten und Pflichten.

Nur dass Ihre Mitmenschen mit Ihnen vermutlich nicht so umgehen wie mit einem normalen Bürger.

Preußen: Ach wissen Sie, die Begegnungen sind meist positiv. Ich stoße oft auf ein starkes Interesse an meiner Familie. Und weil ich als Historiker über meine Familie geforscht und publiziert habe, kann ich gut darauf eingehen.

Es wird nicht viele Bürger geben, in deren Wohnzimmer ein Foto steht, das sie als Baby auf dem Arm des letzten Kaisers zeigt.

Preußen: Gut, das ist etwas Besonderes. Meinen Urgroßvater Wilhelm II. habe ich natürlich nur als Baby erlebt; da war ich gerade drei Monate alt. Aber meinen Großvater, den Kronprinzen Wilhelm, habe ich noch kennengelernt. Er wohnte nach dem Krieg in Hechingen, dem Stammsitz der Hohenzollern, und hat uns, meinen Bruder Michael und mich, eigenhändig in einem Opel-Cabriolet auf die Burg hinaufgefahren. Das war für uns Steppkes natürlich höchst spannend.

Sie lebten damals nicht dort?

Preußen: Nein, wir wohnten in einem Dorf bei Bremen. Ich bin 1939 in Berlin-Grunewald geboren und in Cadinen in Ostpreußen aufgewachsen. Mein Vater verwaltete dort ein kaiserliches Gut. Am 20. Juli 1944 war mein Vater beim Generalfeldmarschall Georg von Küchler in Königsberg, und der riet ihm, so schnell wie möglich mit seiner Familie weit nach Westen zu fliehen. Die Front sei nicht zu halten.

Ihre Familie ist dann gleich bis zur Weser geflüchtet.

Preußen: Meine Eltern, sechs Kinder und zwei Damen, die uns auf dem ostpreußischen Gut in der Wirtschaft geholfen hatten. Wir lebten in der Villa eines Bremer Kaufmanns, der aus Angst vor der Roten Armee bis nach Südamerika geflüchtet war. Die Kommunisten in der Bürgerschaft empörten sich darüber, dass wir nach Bremen gezogen waren.

Hatten die Kommunisten Angst, dass Ihr Vater die Monarchie wieder einführen würde?

Preußen: Ich weiß auch nicht, warum sie protestierten. Bürgermeister Wilhelm Kaisen, ein alter Sozialdemokrat, hat sich sehr für uns eingesetzt. Er lebte später in unserem Dorf und hatte eine kleine Viehwirtschaft. Meinen Vater hat er immer im Kuhstall empfangen und ihn „Louis Ferdi“ genannt. Ein sehr bemerkenswerter Mann.

Wie haben die Bremer Kinder Sie aufgenommen?

Preußen: In der Schule rief man uns „Kronscheißer, Kronscheißer“ hinterher. Wir verstanden das gar nicht.

War Ihnen denn nicht klar, aus welcher Familie Sie kamen?

Preußen: Überhaupt nicht. Das spielte bei uns zu Hause nicht die geringste Rolle. Meine Eltern hatten während des Krieges und in den Nachkriegsjahren etwas anderes zu tun, als uns einzubläuen, dass wir zum ehemaligen Kaiserhaus gehörten.

In welchem Alter haben Sie dann realisiert, aus welcher Familie Sie stammten?

Preußen: Als ich aufs Gymnasium kam. Ein Geschichtslehrer meinte, als Prinz von Preußen müsse ich besonders gute Geschichtskenntnisse haben. Hatte ich aber nicht, und das war blamabel. Also begann ich, meinen Vater über die Familie auszufragen.

Trauerte man in Ihrer Familie den alten Herrscherzeiten hinterher?

Preußen: Nein, überhaupt nicht. Die waren froh, den Krieg überlebt zu haben.

Hat Ihr Vater gedient?

Preußen: Mein Onkel Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen und ältere Bruder meines Vaters, wurde 1940 im Frankreichfeldzug schwer verwundet und starb dann. Bei seiner Beerdigung standen in Potsdam 50 000 Menschen schweigend Spalier. Daraufhin hat Hitler den gesamten Hochadel aus der kämpfenden Truppe herausgenommen.

Werden Sie heute noch manchmal mit Königliche Hoheit angeredet?

Preußen: Ja, das kommt vor.

Und? Wie reagieren Sie?

Preußen: Ich lasse es geschehen. Die Menschen, die mich so ansprechen, werden sich etwas dabei denken. Die bürgerliche Anrede ist allerdings „Prinz von Preußen“. Nachdem der Adel 1918 abgeschafft worden war, wurden die Adelsbezeichnungen Namensbestandteil.

Ziemlich großzügig, finden Sie nicht?

Preußen: Stimmt, für eine sogenannte Revolution war das schon ziemlich bemerkenswert. Die Adelsbezeichnungen hätten ja auch, wie in Österreich, gänzlich abgeschafft werden können. Aber die Weimarer Republik war auch sonst sehr großzügig.

Womit zum Beispiel?

Preußen: Sie haben meinem Urgroßvater erlaubt, 59 Eisenbahnwaggons mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen aus den preußischen Schlössern nach Doorn ins holländische Exil holen zu lassen.

Sind Sie Republikaner?

Preußen: Ja, ich bin Republikaner, voll und ganz.

Die königlichen Familien Europas sind durch jahrhundertelange Heiratspolitik verwandt und verschwägert. Haben sich diese Kontakte erhalten?

Preußen: Einer meiner Taufpaten war der spätere König von Dänemark, Friedrich IX. Die spätere Königin der Niederlande, Juliana, war meine Patentante, und auch die Mutter des jetzigen Königs von Schweden, Prinzessin Sibylla, deren Mann leider bei einem Flugzeugunfall ums Leben gekommen ist. Man sieht sich häufiger. Ich habe zum Beispiel Kontakt zu Königin Beatrix und meiner Cousine Königin Margrethe von Dänemark. Sie ist auch die Patentante meines Sohnes Friedrich Wilhelm.

Ist der Kontakt zu den britischen Royals, den Windsors, ähnlich eng?

Preußen: Windsor heißen sie ja erst seit dem 17. Juli 1917. Bevor sie sich im Krieg umbenannten, waren sie noch Sachsen-Coburg-Gotha – ein deutsches Fürstenhaus. Das Verhältnis zu den Engländern war natürlich seit dieser Zeit immer etwas angespannt, obwohl ich mit Prinz Charles einige sehr freundliche Begegnungen hatte.

Die beiden Weltkriege wirken bis heute nach?

Preußen: Ich denke, dass die kriegsbedingten Animositäten für die Generation von Prinz William nun keine Rolle mehr spielen.

In welcher Sprache wird auf Ihren Familienfeiern gesprochen?

Preußen: Mit den Windsors haben wir nur Englisch gesprochen.

Und die Dänen?

Preußen: Königin Margrethe spricht fließend Deutsch, aber als ich bei ihr zu Gast war, habe ich hauptsächlich Französisch gesprochen, weil ihr Mann Prinz Henri Franzose ist und sie untereinander Französisch sprechen.

Wird im Hochadel streng nach regierenden und nicht mehr regierenden Familien unterschieden?

Preußen: Nein, die ehemals Regierenden werden so behandelt, als ob sie noch regieren würden. Das fand ich immer sehr souverän und kollegial. Ein regierender König wird natürlich am Tisch besser platziert als jemand, der aus einem nicht mehr regierenden Königshaus kommt. Das kann man nachvollziehen. Aber die Titulaturen, die man hier meist gar nicht mehr kennt, sind bei solchen Anlässen natürlich noch gang und gäbe.

Und wie verhält man sich gegenüber der verarmten osteuropäischen Verwandtschaft, etwa den Bulgaren?

Preußen: Bei König Simeon von Bulgarien steht auf sämtlichen Karten „S. M.“, Seine Majestät. Bei Konstantin von Griechenland spielt England noch eine große Rolle. Wenn einer aus seiner Familie heiratet, kommt sogar die Queen.

Wenn Sie der oder Ihrer dänischen Cousine begegnen, redet man sich mit Vornamen an?

Preußen: Ja, nur mit Vornamen. Die Queen ist für mich Tante Elizabeth.

Die Performance Ihrer Vettern und Cousinen auf den Thronen Europas ist sehr unterschiedlich. Was macht einen erfolgreichen Monarchen heutzutage aus?

Preußen: Im Gegensatz zum deutschen Kaiserreich, das eine konstitutionelle Monarchie war, haben wir es heute mit parlamentarischen Monarchien zu tun. Die königlichen Familien können von den Parlamenten abgesetzt werden. Wenn die Performance nicht stimmt, wie Sie es nennen, können sie jederzeit in Rente geschickt werden. Aber bislang halten sie sich alle, also müssen sie doch irgendeine positive Ausstrahlung haben, oder?

Sie haben ihre Krone aber nicht für hervorragende Leistungen bekommen, sondern qua Geburt.

Preußen: Wenn sie völlig unqualifiziert wären, hätten die Parlamente sie aber schon lange abgesetzt. Es sind doch undankbare Jobs. Diese Familien haben nichts zu sagen, und die Journalisten ziehen über sie her.

Der Chef des Hauses Hohenzollern, Ihr Neffe Prinz Georg, hat einmal in einem Interview erklärt, er sei bereit, im Falle des Falles die Kaiserwürde wieder anzunehmen, dazu fühle er sich verpflichtet.

Preußen: Wenn er das so sieht, ist ihm das unbenommen. Aber schon zu Zeiten meines Vaters waren weniger als ein Prozent der Deutschen für die Monarchie.

Welche Mitglieder Ihrer Familie bewundern Sie?

Preußen: Den Großen Kurfürst, Friedrich Wilhelm. Als er 1640 in Brandenburg an die Regierung kam, fand er ein Land vor, das vom Dreißigjährigen Krieg verwüstet und entvölkert war. Was tat er? Er holte Migranten ins Land, die Hugenotten aus Frankreich und Holländer aus der Heimat seiner Frau Luise Henriette von Oranien. Friedrich II. führte diese Politik weiter und sagte, wenn Türken kämen und wollten das Land peuplieren, würde er ihnen Moscheen bauen. Friedrich der Große ist mein Lieblingsverwandter.

Welches Familienmitglied sehen Sie am kritischsten?

Preußen: Meinen Urgroßvater. Er war ein Unglück – für Deutschland und für unsere Familie. 1888 bestieg er den Thron, 30 Jahre später hatte er die Monarchie verspielt. Wilhelm II. hat 1914 versagt. Er wollte den Krieg zwar nicht und war kein Militarist, auch wenn er zehnmal am Tag die Uniform wechselte. Aber er hat keinen ernsthaften Versuch unternommen, den Krieg zu verhindern.

Und nachdem Ihr Urgroßvater abgedankt hatte, ließ sich Ihre Familie auch noch mit den Nazis ein.

Preußen: Der vierte Sohn des Kaisers, Prinz August Wilhelm, wollte schon 1930 der NSDAP beitreten. Der Kaiser war strikt dagegen, aber der Prinz drohte ihm: Wenn du mir das verbietest, werde ich bei Hitler oder Göring vorstellig. Er hat sich damit durchgesetzt.

Dabei hat der Ex-Kaiser selbst auf die Nazis gesetzt und davon geträumt, mit ihrer Hilfe in Deutschland wieder die Monarchie einzuführen.

Preußen: Eine Zeitlang meinte er, er könne den Schwung der Nazis ausnutzen, aber das war naiv. Hitler hätte nie einen Kaiser über sich geduldet. Am Ende hat er Hitler allerdings durchaus kritisch gesehen.

Kaiser Wilhelm hat noch im Exil darauf beharrt, dass der Erstgeborene nicht Erbe und Chef des Hauses werden kann, wenn er nicht ebenbürtig heiratet.

Preußen: Das führte dazu, dass mein Vater meinen jüngeren Bruder zum Erben und Chef des Hauses bestimmte. Als dieser bei einem Manöverunfall 1977 zu Tode kam, ernannte er meinen einjährigen Neffen Prinz Georg als dessen Sohn zum Nachfolger. Denn als mein Bruder die Gräfin Donata zu Castell-Rüdenhausen heiratete, glaubte er, dass nun wenigstens einer seiner Söhne eine standesgemäße Ehe zustande gebracht habe.

Das war doch der Fall.

Preußen: Eindeutig nicht. Die Familien, die in der zweiten Abteilung des Genealogischen Handbuchs der Fürstlichen Häuser stehen, waren für die erste Abteilung, zu der wir gehören, nicht ebenbürtig.

Das müssen Sie uns erklären.

Preußen: In der ersten Abteilung sind die regierenden und ehemals regierenden Häuser, die Regenten Europas verzeichnet. Das sind insgesamt 42 europäische Häuser. Die Mitglieder der ersten Abteilung wurden wegen der hoheitlichen Stellung ihrer Häuser mindestens mit dem Prädikat Hoheit beziehungsweise Königliche oder Kaiserliche Hoheit versehen. Die Fürsten zu Castell sind keine dieser dynastischen Familien, sondern gehören zur zweiten Abteilung …

… und sind damit für einen Prinzen von Preußen eine Mesalliance, eine Missheirat?

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Friedrich Wilhelm von Preußen mit Gattin Sibylle – Waltraud Freydag 14. April 1940-2010, Heirat am 22. August 1967. Die Ehe wurde 1975 geschieden. (1 Kind); Ehrengard von Reden, Heirat am 23. April 1976. Die Ehe wurde 2002 geschieden. (3 Kinder); Sibylle Kretschmer, Heirat am 23. März 2004.

Preußen: Nach den strengen Maßstäben der alten Hausgesetze und des Kaisers – ja. Ich war in zweiter Ehe mit einer Frau uradliger Herkunft verheiratet, da war der Bruch der alten Hausgesetze offensichtlicher.

Ist das noch zeitgemäß?

Preußen: Nein, es war auch nie zeitgemäß, denn seit der Goldenen Bulle 1356 wurde in einem Regentenhaus nie der unstandesgemäß Heiratende selbst enterbt. Man wurde als Kron- oder Erbprinz geboren. Unsicherheiten über die Nachfolge hätten unnötige politische Unruhe geschaffen. Einzig dessen Nachfahren wurden von der Erbfolge ausgeschlossen. Bis auf eine Ausnahme sind alle europäischen Thronfolger und selbst der japanische Kaiser Akihito mit bürgerlichen Frauen verheiratet.

Sie haben 1994, nach dem Tod Ihres Vaters, gegen Ihre Enterbung geklagt und als Erstgeborener das Erbe beansprucht. Wie ist das Verfahren ausgegangen?

Preußen: Es ist noch nicht abgeschlossen. 2004 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die sogenannte Ebenbürtigkeitsklausel sitten- und verfassungswidrig ist. Daraufhin musste sich das Landgericht Hechingen erneut mit dem Fall befassen und entschied, dass der gesamte Erbvertrag von 1938 hinfällig sei.

Welche Konsequenzen hatte diese Entscheidung?

Preußen: Der Beschluss machte meinen Vater, der aufgrund des Erbvertrages lediglich ein einflussloser Vorerbe sein sollte, der auch keine Erbenbestimmung hätte vornehmen können, zum Vollerben. Nun konnte er im Rahmen seiner Testierfreiheit einen Erben einsetzen – und durch die Hintertür wurde damit die vom Verfassungsgericht als sittenwidrig bezeichnete Ebenbürtigkeitsregelung durch seine Erbenbestimmung weiter praktiziert. Die ganze Situation ist für uns sehr erniedrigend und in hohem Maße unerfreulich.

Ihr Neffe Prinz Georg, der Chef des Hauses, hat sich verlobt.

Preußen: Mit einer Prinzessin von Isenburg.

Ebenbürtig? Erste Abteilung?

Preußen: Nein, nicht nach unseren alten Hausgesetzen.

Wenigstens Protestantin?

Preußen: Nein, auch nicht. Sie ist katholisch.

Herr Prinz von Preußen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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