Archive for 7. Januar 2018

Hunsrücker Adel zeigt Bürgersinn

Von Einheimischen anerkannt, als Adelige geachtet: Antonius und Isabell von Salis-Soglio bewohnen Schloss Gemünden im Hunsrück. Stets bemüht, die Tradition aufrechtzuerhalten: Seit 200 Jahren gedeiht in Gemünden ein Zweig der Familie Salis, die aus dem schweizerischen Soglio stammt.

Wie kommt die Familie in den Hunsrück? Die Antwort gibt eine Anekdote: Wenn er zum Kreuzzug ins Morgenland marschiert, wird der Monarch den Tod durch Ertrinken finden. Jene Worte eines Propheten sollen sich der Legende nach im Juni 1190 bewahrheitet haben: Als Kaiser Friedrich I. „Barbarossa“ und seine Mannen in sengender Hitze am Fluss Saleph in Anatolien kampieren, nimmt der Monarch ein kühles Bad und ertrinkt.

Vor einem ähnlichen Schicksal soll ein junger Kreuzfahrer den Kaiser wenige Wochen zuvor beim selben Kreuzzug gen Jerusalem bewahrt haben. Der Sage nach hält sich Barbarossa im letzten Moment an der Gürtelschnalle des Soldaten fest und wird so vor dem sicheren Ertrinken gerettet – vorerst. Zum Dank für seine Heldentat wird der junge Kreuzfahrer namens Schmidtburg zum Ritter geschlagen und in den Adelsstand erhoben. Dichtung oder Wahrheit? Sicher ist: Eine Gürtelschnalle ziert noch heute ein Familienwappen am Eingang von Schloss Gemünden im Hunsrück. Dort lebt im Jahr 1814 Maria Anna Theresia, die letzte Erbtochter des Kreuzfahrers von Schmidtburg. Zu dieser Zeit marschieren österreichische Truppen vom Rhein in Richtung Belgien, um Europa von der napoleonischen Herrschaft zu befreien. Auf dem Weg nach Waterloo durchquert die Armee auch den Hunsrück. Die Offiziere beziehen im Schloss Gemünden ihr Quartier. Einer von ihnen ist Johann Anton von Salis-Soglio. Der Hauptmann lernt die junge Witwe von Schmidtburg kennen und lieben. Im April 1815 heiratet er die junge Frau und bleibt auf dem Schloss. Damit blüht der neue Zweig der Familie Salis-Soglio im Hunsrück.

Auch heute noch bewohnt das Adelsgeschlecht das märchenhafte Schlösschen über Gemünden. Antonius und Isabell von Salis-Soglio werden von den Einheimischen als „Geminner“ (Gemündener) anerkannt – und als Adelige geachtet.

Beide bekleiden kommunalpolitische Ämter im Rhein-Hunsrück-Kreis und engagieren sich seit vielen Jahren bei den Diözesanverbänden des Malteser Hilfsdienstes in Trier und Mainz. „Aus sozialen Gründen machen wir das. Auf diese Weise geben wir der Gesellschaft etwas zurück“, sagt Antonius von Salis-Soglio mit Bedacht. Soziale Verantwortung zu übernehmen liegt in der Familie: Der 63-Jährige ist verwandt mit dem im Mai 2008 verstorbenen Philipp Freiherr von Boeselager, der zu den bedeutenden Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus um Graf Stauffenberg gehörte. „Boeselager ist uns ein leuchtendes Vorbild. Seine Mutter war eine Salis“, verdeutlicht der Baron. Seine Frau Isabell bewohnt seit 33 Jahren mit ihm Schloss Gemünden. „Ich wusste, was mich erwartet. Ich war verliebt und enthusiastisch“, sagt die 56-jährige augenzwinkernd. „Wir haben für das Haus gelebt“, betont die Bayerin und erklärt: „Wir haben viel Geld reingesteckt, um das Schloss, so gut es geht, für kommende Generationen zu erhalten.“ Und doch ist und bleibt die historische Anlage eine ewige Baustelle – wie der Kölner Dom. Der Denkmalschutz bindet den Hausherren immer wieder die Hände. So dürfen sie beispielsweise keine Wärmedämmung anbringen, was die Heizkosten enorm steigert.

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Davon lassen sich die Schlossbewohner jedoch nicht beirren. Aufgeben kommt für sie nicht infrage. Das ließe die Maxime der Familie auch nicht zu: „Salix flectitur, sed non frangitur“ – „Die Weide biegt sich, aber bricht nicht“. Im Schloss hat das Paar vier Kinder großgezogen, ein Sohn wird eines Tages der neue Hausherr werden.

Dass hier gelebt wurde und wird, bleibt dem Besucher nicht verborgen. Das Schloss mutet nicht an wie ein Museum. Zwar prägen alte Möbel, Fotos und Bücher das eindrucksvolle Ambiente. Doch immer wieder sticht Modernes hervor: knallig bunte, abstrakte Gemälde. Die Atmosphäre ist heimelig und herrschaftlich zugleich. In diesem Umfeld fühlt sich jeder fast automatisch ein wenig „Hochwohlgeboren“ – wie Prinz und Prinzessin, wenn auch nur für einen Tag.

Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, weshalb sich viele Paare auf dem Schloss das Jawort geben. „Trauungen sind jeden zweiten Samstag im Monat möglich“, wirbt der Hausherr schmunzelnd. Für Gesellschaften in Feierstimmung bieten die Remise im Hof und der historische Gewölbekeller bis zu 280 Gästen ein gediegenes Plätzchen. Außerdem finden auf dem Schlossgelände regelmäßig Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen statt – und das kommt auch bei den Hunsrückern immer sehr gut an.

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7. Januar 2018 at 16:37 Hinterlasse einen Kommentar

Auf heitere Weise als Vorbild wirken

Wer Ernst S. von Heydebrand in Vallendar besucht, kommt nicht an ihr vorbei: Gleich hinter der Eingangstür, im Hausflur, beginnt die Wand der Erinnerungen. Bilder, Zeichnungen und Stiche erzählen von einem bewegten Leben – und einer Familiengeschichte, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht.

Zu sehen ist dort zum Beispiel die Abbildung eines Gutes bei Penzlin in Mecklenburg. „Es hat einmal der Familie meiner Mutter gehört“, erzählt von Heydebrand und deutet dann auf eine alte Karte Schlesiens. Dort, im ehemaligen Landkreis Militsch, begann die Geschichte seiner Familie väterlicherseits, derer von Heydebrand und der Lasa.

Und der Lasa? Aber der Name lautet doch von Heydebrand! Der Hausherr schmunzelt: „Den zweiten Namensteil haben wir durch ein Versehen verloren“, sagt er. Als seine Eltern 1931 heirateten, vergaß der Standesbeamte schlicht, ihn einzutragen. So schnell kann es also gehen mit einem Namen, den sich eine Familie aufgebaut hat – über mehrere Jahrhunderte: Als das Geschlecht vor mehr als 700 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurde, lautete die lateinische Namensform de Hayda. Die Namensform von der Heyde erschien erstmals im 14. Jahrhundert, die Zusätze „Brand“ (durch eine Adoption) und „und der Lasa“ (vom Ortsnamen eines Gutes) kamen erst fast zwei Jahrhunderte später hinzu.

Landwirte und Forstleute sind seine Vorfahren überwiegend gewesen, erläutert von Heydebrand. Später waren auch Juristen und einige wenige Offiziere darunter. Wer den vollständigen Namen heute in eine Internetsuchmaschine eingibt, stößt vor allem auf zwei Persönlichkeiten: Tassilo von Heydebrand und der Lasa (1818–1899) war Mitte des 19. Jahrhunderts einer der weltbesten Schachspieler und veröffentlichte einige Werke zur Theorie des Spiels. Ernst von Heydebrand und der Lasa (1851–1924) war Jurist, ein einflussreicher Politiker der Deutschkonservativen Partei und „der ungekrönte König von Preußen“, wie sein Spitzname in der Presse lautete. Aber haben der Name und die Tatsache, von Adel zu sein, denn eine Rolle gespielt im Leben von Ernst S. von Heydebrand? „Der Name selbst nicht“, sagt der heute 72-Jährige. Wohl aber eine gewisse Haltung: „Sie müssen allezeit als Beispiel wirken, aber auf eine so leichte und heitere Weise, dass Ihnen niemand einen Vorwurf daraus machen kann.“ Geprägt hat diesen Satz Prinz Eugen von Savoyen. In diesem Sinne also wurden Ernst S. von Heydebrand und seine acht Jahre jüngere Schwester erzogen.

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Und das in einer schweren Zeit: 1939 wird Ernst Sylvius Karl Christoph von Heydebrand in Berlin geboren, der Vater, Diplomlandwirt, arbeitet dort als Sachverständiger im Öffentlichen Dienst. 1941 geht er freiwillig als Soldat an die Ostfront. 1943 müssen auch seine Frau und sein Sohn Berlin verlassen, sie kommen im Schwarzwald unter. Bei Kriegsende gerät der Vater in britische Gefangenschaft. Noch im Jahr 1945 kommt er frei. Bis die kleine Familie im ostfriesischen Leer wieder zusammenkommt, soll es aber dauern: „Meine Mutter und ich saßen ja im französisch besetzten Teil Deutschlands, es war nicht so einfach, die Besatzungszone zu wechseln“, erläutert von Heydebrand. Erst 1948 klappt die Familienzusammenführung. Im Jahr 1955 zieht die Familie nach Braunschweig um, der Vater arbeitet dort wieder als Sachverständiger. 1958 legt Ernst S. von Heydebrand in Braunschweig das Abitur ab. Was nun beginnt, ist kein Leben auf großem Fuß – aber ein abwechslungsreiches. „Mein weitsichtiger Vater schickte mich für drei Monate nach England. Ich sollte die Sprachkenntnisse vertiefen“, erzählt von Heydebrand.

Danach schlägt der 19-Jährige eine Militärlaufbahn ein. Er wird Offizier auf Zeit. Ende 1961 verlässt er die Bundeswehr wieder und beginnt ein Jurastudium. Er lernt seine – übrigens nicht adelige – Frau Ute kennen, die beiden heiraten 1969. Nach dem zweiten Staatsexamen praktiziert von Heydebrand einige Zeit als Anwalt für gewerblichen Rechtsschutz in Mannheim und in Norddeutschland. Dann nimmt er wieder Kontakt zur Bundeswehr auf, wird schließlich Beamter beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) – und landet so auch im Koblenzer Raum.

Doch selbst wenn sein Leben damit einen festen Anker hat, wirklich ruhig wird es für ihn nicht: „Ich durfte viel reisen, vor allem in die USA“, erinnert sich von Heydebrand. Als „Schnittstelle zwischen Technik und Recht“ handelt er zunächst Verträge für Schiffsneubauten aus. 1980 wird er schließlich nach Frankreich versetzt, lebt dort vier Jahre mit seiner Frau. Als nach ihrer Rückkehr schließlich feststeht, dass er langfristig für die Bundeswehr in Bonn arbeiten wird, man ihn auch zum Referatsleiter befördert, kaufen die beiden ein Haus in Vallendar. Hier lebt von Heydebrand nach dem Tod seiner Frau inzwischen allein.

Das Reisen – früher berufliche Pflicht – ist nun eines seiner liebsten Hobbys. Im vergangenen Jahr war er in Russland, dieses Jahr wird er auf einem Forschungsschiff die Antarktis erkunden. Nur eine Reise, die ist ihm nicht leichtgefallen. Sie führte ihn 1994 nach Schlesien zu einem der Güter seiner Vorfahren. „Wir waren dort mit einem ganzen Bus voller Heydebrands im Rahmen eines unserer Familientreffen, die wir alle zwei Jahre abhalten“, erzählt er noch lächelnd. Doch dann wird er ernst: „Es fiel mir schwer zu sehen, wie bewusst dort nach dem Krieg die Erinnerungen an die deutsche Geschichte ausgelöscht worden sind.“ Etwas von diesem Ort mitnehmen wollte Ernst S. von Heydebrand trotzdem. Er hat sich für einen Feldstein vom Gelände des Gutes entschieden, das einst seiner Familie gehörte. Versehen mit einer Gravur, liegt der jetzt im Garten seines Hauses in Vallendar. Und wie die Bilder im Hausflur ist auch er ein Teil der Erinnerungen – an eine Familiengeschichte von mehr als 700 Jahren.

7. Januar 2018 at 16:34 Hinterlasse einen Kommentar

Viel Liebe zum Wein liegt einfach im Blut

Der dreigeschossige Putzbau mit den zinnenbekrönten Türmchen direkt an der Moselfront des Weinorts Winningen fällt sofort ins Auge. Der Bau ragt auch neben den vielen historischen Fassaden des Orts als wohl ältester und herrschaftlichster heraus.

Er ist auch ein Unikat, weil hier das Weingut Freiherr von Heddesdorff schon seit 1424 residiert und es sich bei dem Anwesen um eines der ältesten Adelsgüter in Familienbesitz an der Mosel handeln dürfte. Denn die meisten der einheimischen Geschlechter starben schon im Mittelalter aus oder mussten in Notzeiten aufgeben. Die Ahnen des heutigen Hausherren Andreas von Canal (55) aber überstanden alle Wirren. Die Wurzeln der Freiherren von Heddesdorff, die in der Grafschaft Wied ihre Heimat haben, dem Neuwieder Stadtteil Namen und Wappen gaben, reichen ins Jahr 1218 zurück. „In Heddesdorf lassen sich keine sichtbaren Spuren mehr finden“, erzählt Andreas von Canal vor dem langen Stammbaum. Dafür prangt das Wappen der ehemaligen Kreuzfahrer und Jakobspilger an der Winninger Fassade und an schweren Möbeln umso markanter. Das Weingut samt Wingerten bot der Familie, die früher in Diensten rheinischer Kurfürsten stand und Domherren in rheinischen Domkapiteln stellte, stets finanziellen Rückhalt.

Mit der Liebe zu Agnes Mant von Limbach kam Manfred von Heddesdorff 1424 nach Winningen. „Unser Haus ist mindestens 600 Jahre alt, höchstwahrscheinlich auch älter. Die Türmchen kamen aber wohl erst später hinzu“, berichten Weinbautechniker Andreas und Irmgard von Canal, die auch aus einer Winzerfamilie stammt und sich mit ihrem Mann bei Umbauten immer wieder mit dem (teuren wie gestrengen) Denkmalschutz arrangieren muss. Denn drinnen fällt auf, wie schmal das so wuchtig wirkende Haus wegen der dicken Mauern ohne den Anbau für die Familie wäre, die historisches Erbe geschmackvoll mit modernem Design verbindet.

Mit der Liebe kamen auch die von Canals ins Haus, als der letzte Freiherr keine Söhne hatte: Baroness Hyazinthe heiratete den Düsseldorfer Juristen Erich von Canal 1916, den Spross einer Familie, die ihre Ursprünge „mit Hammerrechten“ in Malborghet (Kärnten) hat und 1640 in Wien in den Reichsadelstand erhoben wurde. Weinbau war dem Juristen und Sohn eines Malers fremd, dessen feine Zeichnungen und Gemälde das Haus schmücken. Deshalb führte die aus der Schokoladendynastie von Stollwerck stammende, wegen ihrer Wohltätigkeit in Winningen geschätzte Urgroßmutter Bertha das Weingut weiter und entschied 1947 resolut: Jetzt muss ein Enkel ran. „Sie bestand darauf, dass der Name erhalten bleibt, solange einer aus der Familie das Weingut leitet“, erinnert sich ihr Urenkel. Es war für seinen Vater Heinz-Joachim also „eine Traditionsentscheidung“, dass das Weingut weiter unter dem Namen der Freiherren und dem „viel schöneren Wappen“ firmiert, sagt von Canal. In seiner Generation hat sich die alte Leidenschaft für den Weinbau in den Genen wieder richtig durchgesetzt, auch beim Bruder, der sich hauptsächlich der Sektherstellung widmet. Und es sieht gut für die Zukunft des renommierten Heddesdorff‘-schen Weinguts aus: Tochter Katharina (23) studiert derzeit Weinbau. Die Eltern strahlen, „auch wenn wir sie nie den Druck einer Tradition haben spüren lassen.“

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Aber so weit ist es noch nicht in den Spitzenlagen von historischem Adel: Uhlen, Röttgen und Brückstück auf steilsten Schieferterrassen sind mit ihren unterschiedlichen Charakteren seit Jahrhunderten weltweit bekannt, bescheren traditionell beste Tropfen und auch dem seltenen Apollofalter noch Lebensraum. Auf dieses Erbe ist Andreas von Canal schon stolz, der sich auf den 2011er freut. Der Jahrgang verheißt ihm moseltypische Rasse und Klasse. „Die Jungweine sind sehr mineralisch, fruchtig, haben moderate Säure- und Alkoholwerte. Auch die Menge stimmt wieder“, atmet er nach dem knappen 2010er auf. Seine Anstrengungen und die der Kollegen, das in den 70er-Jahren ramponierte Moselimage aufzupolieren, haben sich auch gelohnt: „Die Kunden schätzen unsere Qualität“ – damit auch die schwere Handarbeit in den Steillagen.

Trotzdem versuchen viele Familienbetriebe, ihre Basis zu verbreitern, die von Canals beispielsweise mit hochwertigen Ferienwohnungen. Mit der Ehrensache, der Arbeitsgemeinschaft der „Köche und Winzer“ anzugehören und kreatives Genießen zu bieten, kommt im November auch die eigene Tradition wieder frisch auf den Tisch: das Hochzeitsmenü der beiden Familien von 1916. Beeindrucken klangvolle Namen die Kunden? „Qualität ist entscheidend“, meint der Urenkel der Baronin realistisch. Er trägt keinen Titel im Namen, spürt aber die Pflicht, das 587 Jahre alte Weingut von Adel bestens an der Mosel zu erhalten.

7. Januar 2018 at 16:30 Hinterlasse einen Kommentar

Großer Name ist kein persönliches Verdienst

Er führt ein Doppelleben. Ein wohltätiges, ein diskretes. Er pendelt mehrmals im Jahr zwischen Finthen und Arnsdorf bei Görlitz. Hansheinrich Schnorr von Carolsfeld, Nachfahre der berühmten Bergbau-Dynastie aus dem Erzgebirge, half und hilft buchstäblich beim sogenannten „Aufbau Ost“, hat das nach dem Krieg enteignete Familiengut in Arnsdorf zurückerworben, restauriert und wieder aufgebaut.

In Finthen engagiert er sich nicht nur im Förderverein für die evangelische Kirche, er ist auch ehrenamtlicher Vorstand des Johanniter-Regionalverbands Rheinhessen. Der Maler Julius Schnorr von Carolsfeld gilt als der berühmteste Vorfahr, der vor allem durch seine biblischen Darstellungen Maßstäbe setzte. Dann folgten Ingenieure, Kaufleute, Soldaten in der Ahnenreihe.

In den Westen und nach Mainz wurde Hansheinrich Schnorr von Carolsfeld durch die Nachkriegswirren sowie seinen Beruf verschlagen, der ihn zunächst nach Budenheim, dann nach Dreieich führte.

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„Adel verpflichtet“, sagt er. „Wir sind keine besseren Menschen. Es gibt Bürgerliche, die viel wertvoller für die Gesellschaft sind.“ Schwarze Schafe gebe es überall , „aber 70 bis 80 Prozent des heutigen Adels fühlen sich dem Allgemeinwohl verpflichtet.“ Nicht alle Adelsgeschlechter könnten ihr „Niveau“ über Generationen halten, was deren gesellschaftlichen „Wert“ relativiere. Ist er stolz auf seinen großen Namen? „Es ist ja nicht mein Verdienst, dass ich so heiße“, bekennt er und fragt zurück: „Was macht den Wert eines Menschen denn aus? Geld? Titel? Berufliche Position? Intelligenz? Akademischer Grad? Adel? Nichts davon.“ Es zählten allein Charakter, Disziplin, Persönlichkeit und Verantwortungsbewusstsein für die Mitmenschen und die Gemeinschaft. Trotzdem sei der Name „nice to have, wie man auf Neudeutsch sagen würde“. Beim Einsammeln von Spenden könne er durchaus Türen öffnen, was wiederum der Sache zugutekomme.

Von seinen kreativ-künstlerischen Vorfahren habe er nun mal gar nichts geerbt, bekennt der gelernte Werkzeugmacher und spätere Maschinenbauingenieur für Fertigungstechnik.

Der Zweite Weltkrieg habe die einschneidendste Veränderung für den deutschen Adel aus dem Gebiet der ehemaligen DDR gebracht, befindet er. Die Verstrickung in die Verbrechen des Nationalsozialismus einerseits, Engagement im Widerstand gegen Hitler andererseits, Enteignungen und Vertreibungen durch den Kommunismus nach 1945 als Folge des dunkelsten deutschen Kapitels. Im Oktober 1945 war die Familie enteignet und nach Rügen verfrachtet worden. „Das ist heute unvorstellbar, das war abenteuerlich.“ Ja, die Parole „Junkerland in Bauernhand“ hat der junge Hansheinrich Schnorr von Carolsfeld damals am eigenen Leib erfahren müssen. In der Notzeit der Nachkriegsjahre lernte er Disziplin. Und adelig oder nicht war da völlig egal. „Mein erstes eigenes neues Kleidungsstück habe ich mit 16 bekommen.“ Disziplin, Willenskraft, um persönliche Ziele zu erreichen, sowie Hilfsbereitschaft sind auch die Tugenden, die er hofft, seinen drei Kindern mit auf den Weg gegeben zu haben. Man müsse sich immer wieder das eigene Anspruchsdenken bewusst machen. „Wir jammern auf wahnsinnig hohem Niveau. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, wie gut es uns eigentlich geht.“

In Mainz sind es die Johanniter, für die sich von Carolsfeld ehrenamtlich engagiert, in Görlitz ist das der „Lebenshof“, eine von der Stadt und der Kirche getragene Einrichtung für gefährdete Jugendliche und Heranwachsende von 16 bis 23 Jahren. Auch hier wuselt der quirlige Adelige herum, geht Klinken putzen, sammelt Spenden. „Ihr seid bei null. Ich war auch bei null. Man muss nicht intelligent sein, man muss nur wollen“, erklärt er immer wieder den jungen Menschen.

Was ihn jedoch ärgert, sind die immer noch verbreiteten Vorurteile gegen den Adel, gegen alle, die „von und zu“ heißen. „Was wir nach dem Mauerfall in den neuen Bundesländern geleistet haben, wurde nie von offizieller, politischer Seite richtig anerkannt.“ Er selbst war sich nach 1990 auch immer wieder unsicher: „Bist du in dieser ehemaligen DDR überhaupt erwünscht? Wollen die dich da?“ Er war erwünscht. „Familie von Carolsfeld hat in den Herrensitz sehr viel Zeit, Kraft und Geld gesteckt, 15 Mieter haben hier ihr Zuhause“, lobte etwa die „Sächsische Zeitung“.

Inzwischen fühlt sich von Carolsfeld in Arnsdorf fast schon wieder in der Rolle seiner Vorväter. Und zwar in positivem Sinne. Adel sei auch früher nicht per se Ausbeuter nach der viel zitierten „Gutsherrenart“ gewesen, sondern habe in vielen Regionen segensreich und integrativ gewirkt.

Die alte Heimat geriet bei von Carolsfeld nie in Vergessenheit. Hier waren die Wurzeln. „Arnsdorf ist Heimat, Finthen ist Zuhause“, sagt der 79-Jährige.

7. Januar 2018 at 16:28 Hinterlasse einen Kommentar

Wälder, Pferde und die Heimat im Herzen

Maria Theresia und Friedhelm von der Marwitz können von zwei Seiten erreicht werden: vom Garten her oder über den Haupteingang am schmalen Wirtschaftsweg. Dort steht der Name in blauer Schrift auf einem Porzellanschild. Die weiße Tür hat zwei Flügel und gewährt durch das Glas Einblick. Ein gastliches, freundliches Haus ist es, einerseits modern und andererseits: „Na ja, schon im alten Stil“, sagt Friedhelm von der Marwitz.

Die Fassade ist im eleganten Maria-Theresia-Gelb gestrichen, natürlich in erster Linie zu Ehren seiner Frau, historisch aber eine Reverenz an die erlesene Farbe, deren Namenspate die österreichische Kaiserin Maria Theresia war. Frau und Herr von der Marwitz führen den Gast ins Esszimmer; der große ovale Tisch ist mit einer gelben Decke dekoriert. Auf Tischen stehen viele Fotos und das obligatorische Silbergeschirr für Kaffee und Tee. An den Wänden Bilder von Burg Kendenich zwischen Bonn und Köln, wo Maria Theresia 1948 geboren ist, Ahnenporträts, und vor einem Fenster das Wappen derer von der Marwitz aus bleigefasstem Glas mit dem Wort „Revirescit“ (er baut auf). Für Friedhelm von der Marwitz ist der Wappenspruch der Familie ein Lebensmotto.

Als sich beide 1969 bei einem Fest kennenlernten, konnten die bisherigen Lebenswege unterschiedlicher kaum sein. Maria Theresia oder Mariti, wie sie alle nennen, ist eine geborene von Kempis, aufgewachsen auf dem herrschaftlichen Rankenberg bei Bonn in einer alten rheinischen Adelsfamilie. Sie hat sechs Geschwister, was schon darauf hindeutet, dass es keine verhätschelte Kindheit und Jugend gewesen ist. „Sonntags abzuspülen und den Jungs die Zimmer zu machen wurde von uns Mädchen wie selbstverständlich erwartet“, sagt sie und schenkt Tee nach. Aber gefehlt hat es an nichts, die Familie ist eingebettet in einen großen Verwandtschaftskreis und im Laufe der Jahrhunderte mit den bedeutenden Adelshäusern verbunden. Die Mutter ist eine Eltz-Rübenach; rheinischer geht es fast nicht.

Friedhelm von der Marwitz‘ Leben verlief anders. Er kommt 1944 auf Schloss Wundichow bei Stolp in Hinterpommern zur Welt. 800 Hektar Ländereien gehören zum Sitz des neumärkischen Uradelsgeschlechts.

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Doch daran kann sich Friedhelm nur erinnern. Die Familie muss 1945 fliehen. Drei Pferde ziehen eine Kutsche, die die 15-jährige Schwester Lonja lenkt, und einen Wagen. Nach einem halben Jahr und mehr als 1200 Kilometern kommt die Familie in Steeg bei Bacherach an – und unter. Mutter Olga-Marie tauscht als Erstes die Pferde gegen eine Ziege. Friedhelm von der Marwitz hat vier Geschwister und wächst in Mayen auf. Sein Vater Victor arbeitet dort ab 1950 als Land- und Forstwirt bei Raiffeisen. „Die Verhältnisse waren sehr bescheiden, untertrieben ausgedrückt.“ Halt, Würde und Kraft gibt der Name. In einer Familie, die bereits im 13. Jahrhundert urkundlich als Ritter der Askanier erwähnt ist, gibt es zwei Betätigungsmöglichkeiten: Militär oder Land- und Forstwirtschaft. Friedhelm von der Marwitz liegen Boden und Wald sozusagen im Blut. Aber er hat auch einen Ahnen, dessen soldatische Haltung ihm vorbildlich ist. Johann Friedrich Adolph von der Marwitz, preußischer General, legte sich mit Friedrich dem Großen an – und unterlag natürlich. Seine Grabinschrift lautet: Er wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte. „Bitte genau aufschreiben“, sagt Friedhelm. Denn dieser Satz „sagt viel über die Freiheit des Adels aus, zu dienen und notfalls gegen den König oder ohne ihn handeln zu dürfen.“ Auch die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 beriefen sich auf diese Gewissensentscheidung.

Friedhelm dient bei der Bundeswehr, aber studiert Forstwissenschaften in Hannoversch Münden und an der Hochschule für Bodenkultur in Wien. 1970 kommt er als Forstreferendar zur Bezirksregierung in Koblenz. Sein späterer Schwiegervater hat „Vorbehalte“ gegen eine Ehe mit seiner Tochter. „Du bist zu ernst für die Mariti.“ Und sie sagt heute lachend: „Ich dachte, sie hatten Bedenken, weil er evangelisch ist.“

1972 kommt Georg, 1976 Alexander zur Welt. 1981 beginnt beruflich für Friedhelm von der Marwitz die schönste Zeit. „Ich wollte Forstamtsleiter werden.“ Und er geht nach Kaisersesch als Herr über 8000 Hektar Wald und sieben Revierförstereien von 32 Gemeinden. Die Familie baut ihr Heim. 1990 geht Friedhelm zurück zur Forstdirektion in Koblenz und 2009 in Pension. Seine Frau arbeitete als Erzieherin an der Förderschule im nahen Düngenheim.

Friedhelm lehnt sich zurück. Insgesamt sechs Hektar Land hat er gekauft und gepachtet für die zwei Pferde – wichtig für seine Passion, die Reitjagd. Ostelbien ist Vergangenheit, Schloss Wundichow im heutigen Polen Erinnerung. Rheinland-Pfalz ist die Heimat. Gemeinsam haben seine Frau und er alles erreicht, aufgebaut -„revirescit“.

7. Januar 2018 at 16:25 Hinterlasse einen Kommentar


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