Archive for 8. Januar 2018

Was wäre also unsere Adelsserie, ohne auf das wesentliche Symbol der Familien von Stand einzugehen?

Ein Wappen zu führen, gilt immer als etwas Besonderes. Adlige Familien besitzen natürlich eins, viele bürgerliche Familien ebenso. Und auch Weingüter, die etwas auf sich halten, schmücken sich damit. Ein Wappen vermittelt schließlich den Eindruck von Tradition und einer Jahrhunderte währenden Bedeutung.

Kundiger Kenner der Materie ist Rolf Zobel aus Lahnstein. Er ist, wie es so treffend heißt, ein interessierter Laie auf dem Gebiet. Wenn man ihn fragt, sagt der gebürtige Stuttgarter: „Ich bin ein Wappensammler.“ Allerdings hat er eine Meisterleistung vollbracht.

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Ihm ist es zu verdanken, dass es erstmals ein Wappenbuch für Rheinland-Pfalz gibt: Rolf Zobel „Wappen an Mittelrhein und Mosel“, 548 Seiten broschiert, 90 Euro (ISBN 987-3-8370-5292-3).

Neben dem Saarland, in dem an einem Wappenband gearbeitet wird, war unser junges Bundesland in diesem Sinne ein Niemandsland. „Es war Siebmacher-frei“, sagt Rolf Zobel und lacht, als er in ein fragendes Gesicht blickt.

Der Nürnberger Johann Ambrosius Siebmacher (um 1561 geboren und am 23. März 1611 gestorben) war Autor und Begründer eines später noch vielfach aufgelegten Wappenbuches, einer wichtigen Quelle der Heraldik des deutschen Sprachraums. So wie man zum Adelsverzeichnis immer noch Gotha sagt (wir berichteten zum Serien-Auftakt), sprechen Heraldiker vom Siebmacher.

Dass Rheinland-Pfalz bis zum Erscheinen seines Buches im Jahr 2009 ein Siebmacher’sches Nichts war liegt daran, dass die Wappen aus historischen Gebieten zusammengestellt werden mussten, aus denen unser Bundesland gewachsen ist: Trier, Mainz, Köln, Pfalz, Luxemburg, Nassau und Hessen.

Aber, Herr Zobel, nun mal zur Geschichte der Wappen. Wie sind sie denn eigentlich entstanden? Und bitte daran denken: Wir führen kein Expertengespräch. Um eine komplizierte Geschichte relativ knapp zu fassen, stellt sich das so dar: Wappen sind eine Erscheinung, die nur in Westeuropa vorkommt und sich im Hochmittelalter herausgebildet hat.

Zeichen und Bilder auf den Schilden von Kriegern gab es zwar bereits in der Antike, um seine Träger kenntlich zu machen. Aber erst mit dem hochmittelalterlichen Turnierwesen, also etwa im 12. Jahrhundert, entstand das, was wir heute als Wappen bezeichnen.

So ein Wappen besteht aus einem Schild mit Bild, einem Helm mit Helmdecke und einem Helmkleinod,“ sagt Rolf Zobel. Während eines Turniers sollten die Teilnehmer schließlich für die Zuschauer erkennbar sein. „Immerhin waren die Reiter komplett in einer Rüstung verpackt. Da war natürlich auch kein Gesicht zu erkennen.“

Also wurde ein Wappen zum Erkennungszeichen, zu einer Art frühem Firmenlogo. Das Wappen wurde auf dem Waffenrock, der über der Rüstung getragen wurde, wiederholt, kam auf die Pferdedecken, und schließlich dachten sich die Ritter auch noch originelle Embleme mit einem hohen Wiedererkennungswert aus, die auf dem Helm angebracht wurden.

Tatsächlich ist also das Turnierwesen für die Verbreitung der Wappen und für das Entstehen der fantastischen Helmzier verantwortlich“, fasst Rolf Zobel zusammen. „All das entwickelte sich zu einer bunten Kriegsmodenschau.“

Die Wappen – die personengebunden waren und die der Träger im Laufe seines Lebens auch mehrfach wechseln konnte – wurden von den schwer gewappneten Reiterkriegern, den Rittern, auch als individuelle Kennzeichen auf Siegeln und Grabplatten verwendet. „Panzerreiter, die reich genug waren, um sich selbst zu finanzieren, konnten den Ehrentitel Ritter erhalten“, erzählt Rolf Zobel.

Alles war aber dermaßen kostspielig, dass die meisten freiwillig auf diese Auszeichnung verzichteten. Als sich im 14. Jahrhundert schließlich der militärische Niedergang der Ritter abzeichnete, endeten auch die Turniere, diese Fortsetzung der römischen Gladiatorenkämpfe.

Im Mittelalter, und jetzt kommen wir eigentlich zur Verbreitung der Wappen, hatten sehr viele Personen ein Wappen. Denn jeder, der einen amtlichen Posten bekleidete, Verträge schließen konnte oder mit Geld zu tun hatte, musste siegeln und benötigte dafür ein Kennzeichen. Denn erst mit mindestens einem Siegel wurde ein Dokumet unverfälschbar. „Bei uns im Erzbistum Trier begann das mit Balduin von Luxemburg“, erinnert Rolf Zobel.

Zur weiteren Verbreitung der Wappen gehören auch die Ministerialen. Sie waren im Heiligen Römischen Reich eine Oberschicht ursprünglich unfreier Dienstmannen (Dienstleute) im Hof-, Verwaltungs- und Kriegsdienst.

Sie wurden von ihrem Grundherrn mit einer besonderen Funktion betraut wie etwa der Leitung eines Hofes, der Führung der Finanzen (Kanzlei) oder der Leitung verschiedener Besitzungen. Ministerialen waren oft Hörige aus der Schicht des Bauernstandes. Unter Kaiser Karl IV. begann eine großzügige Erhebung in den Briefadel.

Die Ministerialen wollten schließlich, weil sie die gleiche Arbeit wie Adlige verrichteten, eine Gleichbehandlung. Nach dem beliebten Motto „Ehre statt Geld“ gab es Adelsbriefe plus Wappen. Fürsten, Herzöge, Grafen machten das im Reich mit den Adelsbriefen nach, sodass es zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert eine Wappenspitze gab.

Das, was wir als „Familienwappen“ bezeichnen, ist eigentlich erst ein Statussymbol des 19. Jahrhunderts. Die Preußen räumten mit den unzähligen Wappen auf. Ein Wappen wurde – gegen Bezahlung – gewährt und Schluss.

Der 80-jährige Rolf Zobel ist vor allem von der Wappenkunst in Deutschland begeistert. „Sie brennt bei uns ein Feuerwerk ab.“ Zobel, der 1972 zum BWB, dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, nach Koblenz kam, ist fasziniert von seiner „neuen“ Heimat. „Hier ist ein Wanderparadies, und auf diesem Wege wurde ich auch zum Wappensammler“, erzählt er.

In Franken gibt es Schloss Zobel und die Familie „Zobel von Giebelstadt“. Deren Wappen, das ein Pferd zeigt, verzierte er spaßeshalber für sich mit Pfauenfedern. „Um zu dokumentieren, dass ich mich in diesem Fall mit fremden Federn schmücke …“ Denn mit Adel hat er nur „beruflich“ zu tun, aber mit Freude und wegweisenden Ergebnissen.

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8. Januar 2018 at 15:28 Hinterlasse einen Kommentar

Bürgerliche Adelige mit langem Stammbaum

Gabriele von Schoenebeck hat von ihrem Fenster aus einen schönen Blick auf die grünen Wiesen von Luchert, einem Ortsteil von Horhausen (Kreis Altenkirchen). Ihr Elternhaus, in dem sie heute mit ihrer Mutter Regina lebt, ist zwar kein Rittergut mehr, aber gemütlich.

Die Wände zieren, was ihr am Herzen liegt: Belege der bewegten Familiengeschichte. Eine Stammrolle, auf altem, durchscheinendem Papier, hängt liebevoll gerahmt im Wohnzimmer. Sie zeigt, dass sich der Stammbaum der Familie von Schoenebeck bis ins Jahr 1585 zurückverfolgen lässt. Außer in Deutschland lassen sich Ahnen der Familie von Schoenebeck in skandinavischen Ländern finden, in Deutschland gibt es einen rheinischen und westfälischen Zweig.

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Auch das Wappen der von Schoenebecks lässt sich hier bewundern, dazu alte, verblichene Familienfotos, ernst dreinblickende Menschen, die sich und ihre vielen Kinder für den Fotografen herausgeputzt haben. „Das rechts ist mein Vater. Er hatte 16 Geschwister“, erinnert sich Gabriele von Schoenebeck. Sie selbst ist Einzelkind, hat aber diverse Vettern und Cousinen.

Der wohl berühmteste Vorfahr in ihrer illustren Ahnenreihe ist Bernhard Constantin Friedrich Joseph Vinzenz Maria von Schoenebeck. Geboren wurde er 1760 bei Windhagen, gestorben ist er 1835 in Altenkirchen. Constantin von Schoenebeck lebte auf dem Rittergut Düstenau bei Peterslahr. „Heute erinnert nur noch ein alter Ziehbrunnen an das einstige Rittergut Düstenau“, bedauert Gabriele von Schoenebeck.

Aber zurück zu ihrem Vorfahr: Die Eltern Bernhard Constantins starben beide im Jahr 1761, sodass er bei der Großmutter auf der Düstenau aufwuchs. Für den kleinen Constantin war nach Tradition der Familie die naturwissenschaftliche Laufbahn vorgezeichnet; alle seine Verwandten waren angesehene Gelehrte und Beamte im bergischen und kölnischen Diensten.

Er besuchte die Lateinschule in Linz am Rhein, ging dann auf das Montanergymnasium in Köln und wurde am 22. Mai 1776 an der Universität Köln immatrikuliert. Er belegte Philosophie und Naturwissenschaften und ließ sich in die medizinische Fakultät aufnehmen. 1779 ging er an die Universität Duisburg und beendete dort 1783 sein Studium mit einer Dissertation über die tierische Wärme.

Er befasste sich viel mit Kunst, Literatur und Naturwissenschaften und gab damals schon anonym eine Zeitschrift heraus mit dem Titel „Gesetzbuch der reinen Vernunft“. 1785 heiratete er die Schwester seines Freundes Johann Peter Eichhoff, Barbara Eichhoff. Für Aufsehen sorgte der Schriftsteller, Gelehrte und Bibliothekar auch, als er von 1786 bis 1787 mit seinem Schwager Johann Peter die „Niederrheinische Monatsschrift“ herausbrachte. In der Zeitung ging es unter anderem darum, abergläubische und religiöse Vorurteile unter den Einflüssen der Naturwissenschaft aufzulösen. 1787 fing er dann als Arzt in Kirchen mit seiner Arbeit an, ab 1805 war er als Arzt in Altenkirchen tätig. Das Paar hatte sechs Kinder.

Am 21. August 1824 wurde er „Königlicher Kreisphysikus zu Altenkirchen“, also erster Amtsarzt des Kreises Altenkirchen im Regierungsbezirk Koblenz. Sein Leben war mehr als bewegt, davon zeugen verschienene Dokumente wie etwa ein Testament, in dem er seine Kinder aus erster Ehe enterbte, da diese mit schuld seien, dass er pleite war und der Familienbesitz verkauft werden musste.

Auch seiner ersten Frau attestierte er in dem Dokument wenig Schmeichelhaftes. So habe sie auf seine Kosten gelebt und sein Vermögen auf unverantwortliche Weise verschwendet. Die Betroffene war im Jahr 1811 verstorben, Constantin von Schoenebeck hatte trotz dieses ersten ehelichen Fiaskos noch mal den Schritt vor dem Traualtar gewagt und 1817 Margarethe Schmidt aus Hachenburg geehelicht. Mit ihr hatte er fünf Kinder.

Außergewöhnlich ist auch die Inschrift seines Grabsteins, die er selbst festgelegt hat. Dort heißt es „Ruhe versagte man mir im Leben – mir gab sie die Mutter Erde bergend im Schoß“, zitiert Gabriele von Schoenebeck, die sich besonders für diesen Urahnen interessiert.

Der Grabstein steht heute in der Kreisstadt Altenkirchen am Gesundheitsamt. Auch wenn dieser Grabstein davon zeugt, dass Constantin Schoenebeck nur wenig Ruhe zu Lebzeiten fand, so scheint er wenigstens etwas Glück in zweiter Ehe gefunden zu haben. Auch davon zeugt sein Testament. Darin heißt es: „Zum Universalerben meines sämtlichen Vermögens setze ich hiermit meine sämtlichen Kinder II. Ehe ein, meine jetzige Ehefrau, geborene Margaretha Sofia Schmitz, hat mir ein Vermögen eingebracht und sich jederzeit als eine vortreffliche Ehefrau und Mutter betragen, sie verdient daher vorzüglich berücksichtigt zu werden.“ Diese und andere Dokumente finden sich ebenfalls in der reichhaltigen Familiensammlung, die Hobbyahnenforscherin Gabriele von Schoenebeck in den Jahren zusammengetragen hat.

Sie selbst bezeichnet sich eher als „bürgerliche Adelige“, gibt aber zu, dass sie gern auch Adelssendungen im Fernsehen verfolgt so wie die Prinzenhochzeit im vergangenen Jahr.

Die gelernte Bürokauffrau arbeitet seit einer Erkrankung auf 400-Euro-Basis bei der Verbandsgemeinde. In ihrer Freizeit engagiert sie sich viel ehrenamtlich, so zum Beispiel in der katholischen Bücherei in Horhausen. Dafür wurde sie auch schon mit dem Ehrenamtspreis ausgezeichnet.

Außerdem hatte sie mal mit anderen Mitgliedern einen Familienverband gegründet, um zum Beispiel das Denkmal vor dem Gesundheitsamt restaurieren zu lassen. „Leider war es schwer, den Kontakt zu allen zu halten“, sagt sie. Dafür hat sie den Kontakt zur Vergangenheit bewahrt, damit ihre Familiengeschichte nicht in Vergessenheit gerät.

8. Januar 2018 at 15:25 Hinterlasse einen Kommentar

Einer, der die Welt ein bisschen besser macht

Weit hinter Altenahr thront hoch über Kreuzberg die Burg, die dem ruhigen Ortsteil den Namen gibt. Mit ihrem markanten Rundturm wirkt sie wuchtig, ist drinnen aber recht schmal. Die Kapelle am Fuße steht immer offen. Nicht aber das Tor mit dezentem Hinweis, wer dahinter wohnt.

Bei genauem Hinsehen sind zwei Wappen zu entdecken – das von Al-brecht Freiherr von Boeselager und das seiner Frau Praxedis, einer geborenen Freiin von und zu Guttenberg, einer charmanten und jungen Tante des ehemaligen Verteidigungsministers.

Als der Freiherr freundlich öffnet, will die 1343 erbaute Burg mit ihrem Anstieg erobert sein. Dass sich oben ein herrlicher Blick über Wiesen und Felder bietet, ist den Kanonenkugeln von Generalfeldmarschall Wolf Heinrich von Baudissin zu verdanken, der 1632 einen Teil der Burg zerstörte und so einen kleinen Vorplatz schuf, auf dem die Sonne zu genießen ist. Zum ständigen Wohnsitz wurde die Burg aber erst 1949.

Eine Burg bleibt Baustelle„Im Sommer war jahrelang Baustelle angesagt“, erinnert sich der 62-Jährige. Und so bleibt es: „Jede Generation hat ihre Aufgabe. Unsere ist das Dach“, meint seine Frau, die den enormen Aufwand lachend nimmt. Überhaupt setzt sie in der kühlen Burg überall heimelige und fröhliche Akzente – jetzt mit vielen Frühlingsblühern. Sie korrespondieren mit Gemälden von Veronika von Degenfeld, die bunt und doch unaufdringlich biblische Themen aufgreift. „Wir wollen auch moderne Kunst, aber keine aggressive“, sagt der Hausherr. Dass er sich daheim nach Harmonie sehnt, ist verständlich. Denn der an der Ahr verwurzelte Jurist („kann auch Dialekt“) leitet nicht nur den Forstbetrieb wie auch den ihm so wichtigen Waldbauverein (1600 Mitglieder), mit dem er vor allem den kleinen Waldbesitzern beistehen will. Seit 1989 ist er zudem – vielfach ausgezeichnet – Gesundheits- und Sozialminister (Großhospitalier) der Regierung des Souveränen Malteserordens und deshalb ständig mit Elendsbrennpunkten auf der Welt konfrontiert – in Slums, bei Flüchtlingen und Kranken. Denn von Boeselager koordiniert und kontrolliert in 120 Ländern alle medizinischen und sozialen Projekte des Ordens.

Als hohem Würdenträger stünde Seiner Exzellenz eine noble Chefetage in Rom zu. Aber er bestand darauf, in Nähe von Familie und Betrieb zu wirken. „Ist technisch heute ja kein Problem“, zumal Kreuzberg Anschluss zur Datenautobahn hat. Besonders beschäftigt den Burgherrn ein Projekt im Kongo, wo Frauen von Soldaten und Rebellen vergewaltigt wurden. Eine teuflische Kriegswaffe ist das Motiv: Mit der Schändung werden Frauen nach ihren Qualen aus dem Dorf verstoßen, Familien zerrissen. Der Orden hilft 40 000 Opfern medizinisch wie psychologisch und sozial, damit sie wieder einen Platz in Dorfgemeinschaften und in Berufen finden. Wie Mama Sari, die heute die Maltesern unterstützt. „Mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten, ist ein Privileg“, sagte von Boeselager relativierend, als er an der Ahr als vorbildlicher „Ritter im Kampf gegen die Not“ geehrt wurde. Seine Erfahrungen rücken ihm „Maßstäbe“ zurecht. Und doch stimmt auch: Als die fünf Kinder klein waren und sie zuweilen den Vater vermissten, wussten sie, „dass ihr Papi ja die Welt ein klein bisschen besser macht“.

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Der Freiherr kam über die Kranken- und Behindertenwallfahrt nach Lourdes zu den Maltesern. „Zuerst hofft man, helfen zu können. Am Ende ist man der Beschenkte“, weiß seine Frau. Ihr Mann nickt. Elend zu lindern, ist sein Antrieb. Er will „Mut machen, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht entmutigen zu lassen, auch wenn keiner allen helfen kann“. Das bedingt aber auch Nervenstärke: „Ich wusste: Wird ein Kind krank, stürzt eine Decke ein – mein Mann ist im Ausland“, sagt seine Frau, eine fröhliche Fränkin, die sich im Rheinland heute äußerst wohlfühlt.

Beide Eheleute stammen aus Familien, die im Widerstand aktiv waren. Philipp Freiherr zu Boeselager, der den Sprengstoff für das Hitlerattentat besorgte und später als Zeitzeuge unermüdlich aufklärend Schulen besuchte, verlor Geschwister im Krieg und durch Hinrichtung nach dem Attentat. Dasselbe widerfuhr dem Vater der Freiin, dem 1972 verstorbene Bundestagsabgeordnete Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg, der sich weigerte, Juden zu erschießen.

Auf die Razzia im „Braunen Haus“ in Bad Neuenahr reagiert das Paar, das mit solchen Vorbildern aufgewachsen ist und gelernt hat, „bei Unrecht den Mund aufzumachen“, nachdenklich. Es sieht vor allem ein soziales Problem von Menschen, „die auch was wert sein wollen“, aber ohne feste Orientierung haltlos an falsche Freunde geraten. Vor diesem Hintergrund, aber auch als Mann des Forsts appelliert von Boeselager an die Politik, ländliche Räume lebendig-intakt zu halten, auch als Wohn- und Arbeitsort.

8. Januar 2018 at 15:23 Hinterlasse einen Kommentar

Wald, Wein und Wandelanleihen

Es gibt einen adoptierten und mehrere von Geburt aus blaublütige Prinzen in der idyllischen Weinbaugemeinde Wallhausen im Kreis Bad Kreuznach. Von Ersterem, Prinz Frederic von Anhalt, und seiner Zsa Zsa Gabor soll hier ausnahmsweise nicht die Rede sein. Vielmehr von Constantin Carl Maria Prinz zu Salm-Salm Wild- und Rheingraf, der sich darauf vorbereitet, das Haus Salm-Salm in der 32. Generation und das Familienunternehmen weiterzuführen.

Es gibt einen adoptierten und mehrere von Geburt aus blaublütige Prinzen in der idyllischen Weinbaugemeinde Wallhausen im Kreis Bad Kreuznach. Von Ersterem, Prinz Frederic von Anhalt, und seiner Zsa Zsa Gabor soll hier ausnahmsweise nicht die Rede sein. Vielmehr von Constantin Carl Maria Prinz zu Salm-Salm Wild- und Rheingraf, der sich darauf vorbereitet, das Haus Salm-Salm in der 32. Generation und das Familienunternehmen weiterzuführen.

Prinz Constantin, 31 Jahre, blond, katholisch, Jäger aus Passion, hat einen ausgeprägten Familiensinn und eine Adlige geheiratet – Klischees also alle bedient? Ja und nein. Wie sein Vater Prinz Michael, der ehemalige Präsident des Vereins Deutscher Prädikatsweingüter, muss auch Prinz Constantin für seinen Lebensunterhalt hart arbeiten: „Ich könnte die Familie nie aus dem Erbe heraus unterhalten.“ Als ältester Sohn wird er Schloss Wallhausen mit 10 Hektar Weinbergen und 170 Hektar Wald erben. Daneben haben seine Eltern noch das Weingut Villa Sachsen in Bingen erworben; es wird an seinen Bruder Felix gehen.

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Prinz Constantin (im grünen Pullover) mit seiner Frau Friederike, Bruder Felix, den Kindern Carlotta (2. von links) und Caspar sowie den Neffen Florentin (links) und Gabriel (rechts) am Sandkasten vor Schloss Wallhausen.

Während der Bruder das Weingut führt, arbeitet Prinz Constantin mit seinem Vater als Partner in der Vermögensverwaltungsgesellschaft Salm-Salm und Partner, die wenige Meter vom Schloss entfernt in der alten Schule untergebracht ist. Das Spezialgebiet der Firma mit Sitz in Wallhausen sowie Dependancen in Hamburg, München und Frankfurt: Wandelanleihen. Die Gesellschaft verwaltet Wertpapiervermögen. Die Beratung und Verwaltung von land- und forstwirtschaftlichen Investments runden das Dienstleistungsspektrum ab. Um interessante Investitionsobjekte für private und institutionelle Investoren zu finden, bereist Prinz Constantin die ganze Welt. Zwei bis drei Monate im Jahr verbringt er im Ausland. „Doch in Wallhausen ist es am schönsten“, sagt der junge Familienvater.

Er fühlt sich wohl in seiner Heimatgemeinde, in der er mit fast allen per Du ist. Für die Menschen hier ist er der Constantin. Und früher in der Schulzeit wurde er oft in Anspielung auf seinen Namen neckend „Fisch-Fisch“ gerufen, erzählt der Prinz schmunzelnd und hat eine interessante Legende parat. Weil ein Urahn dem Kaiser auf der Tiberbrücke in Rom das Leben rettete, erteilte dieser ihm das Recht, Lachs (Salm) im Rhein zu angeln. Und der Doppelname rührt wohl daher, dass eine Gräfin Salm einen Prinzen Salm ehelichte.

Prinz zu sein, geht nicht unbedingt mit Privilegien einher – das ist die Erfahrung des 31-Jährigen. „Wir hatten viel später als die anderen Kinder im Dorf Computer und Fernseher, und ich hatte mit Abstand das geringste Taschengeld.“ Auch den Jagdschein hat er selbst finanziert, indem er einen Sommer lang mit der Handsäge 4000 Bäume vom unteren Astwerk befreit hat. Die Mühe hat sich gelohnt. Die Jagd liegt ihm am Herzen. Diese Liebe teilt er mit dem Großteil der Familie, die regelmäßig zu Jagdgesellschaften lädt; die nächste steht im Januar an. Ob er schon einmal einen Hirsch erlegt hat? „Ja“, grinst er. „Auch wenn es eher ein Hirschchen war, es war ein sehr kleiner Damspießer.“ Selbstironie und trockener britischer Humor gehören zu seinen Markenzeichen. Mag sein, dass er sie während seines mehrjährigen Aufenthalts in einem englischen Jungeninternat gelernt hat. Eine Zeit, auf die er dankbar zurückblickt. Dort hat er fantastische Lehrer gehabt, die ihn gefordert, aber gleichzeitig auch gefördert haben. Er hofft, dies an seine Kinder weitergeben zu können. Mit seiner Frau Friederike, einer gebürtigen Gumberz Edle von Rhontal, und dem Nachwuchs, Carlotta und Caspar bewohnt er das Nebengebäude über dem Weinkeller. Salon oder Rittersaal? Fehlanzeige. Die Familie lebt auf 80 Quadratmetern – urgemütlich, aber in sieben winzigen Zimmern. Im Haupthaus wohnen die Eltern und Großeltern – vier Generationen ganz nah beieinander. „Ich finde es schön, dass meine Kinder ihre Urgroßeltern noch erleben.“ Das junge Ehepaar genießt es auch, dass die Großeltern sich gern um die Enkel kümmern. Gegenseitige Hilfe und Kompromissbereitschaft sind das Erfolgsrezept dieser funktionierenden Großfamilie.

Prinz Constantin lebt im Hier und Jetzt. „Aber im Bewusstsein, was die letzten 800 Jahre alles geschehen ist“, betont er. „Wir wurden vor 250 Jahren von den Franzosen enteignet und dann von den Tschechen im Zweiten Weltkrieg. Das spielt immer noch eine Rolle in unserer Familie.“ Sein größter Wunsch ist: Schloss Wallhausen, den Stammsitz seiner Urgroßmutter, der letzten Freiherrin von Dalberg, als Rückzugsort für seine eigene Familie und für die fünf Geschwister samt Anhang zu erhalten.

„Damit das klappt, müssen wir in den Betrieben Geld verdienen. Das ist eine immense Aufgabe“, betont er. Weitere Ziele sind, die beiden Weingüter in der Spitze noch besser zu etablieren. Den hohen Qualitätsanspruch teilt er mit seinem Bruder Felix. Und: „Ich möchte viele Arbeitsplätze schaffen. Wallhausen soll kein Schlafort sein. Die Menschen sollen hier leben und arbeiten können.“

8. Januar 2018 at 15:21 Hinterlasse einen Kommentar

Auf heitere Weise als Vorbild wirken

Wer Ernst S. von Heydebrand in Vallendar besucht, kommt nicht an ihr vorbei: Gleich hinter der Eingangstür, im Hausflur, beginnt die Wand der Erinnerungen. Bilder, Zeichnungen und Stiche erzählen von einem bewegten Leben – und einer Familiengeschichte, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht.

Zu sehen ist dort zum Beispiel die Abbildung eines Gutes bei Penzlin in Mecklenburg. „Es hat einmal der Familie meiner Mutter gehört“, erzählt von Heydebrand und deutet dann auf eine alte Karte Schlesiens. Dort, im ehemaligen Landkreis Militsch, begann die Geschichte seiner Familie väterlicherseits, derer von Heydebrand und der Lasa.

Und der Lasa? Aber der Name lautet doch von Heydebrand! Der Hausherr schmunzelt: „Den zweiten Namensteil haben wir durch ein Versehen verloren“, sagt er. Als seine Eltern 1931 heirateten, vergaß der Standesbeamte schlicht, ihn einzutragen. So schnell kann es also gehen mit einem Namen, den sich eine Familie aufgebaut hat – über mehrere Jahrhunderte: Als das Geschlecht vor mehr als 700 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurde, lautete die lateinische Namensform de Hayda. Die Namensform von der Heyde erschien erstmals im 14. Jahrhundert, die Zusätze „Brand“ (durch eine Adoption) und „und der Lasa“ (vom Ortsnamen eines Gutes) kamen erst fast zwei Jahrhunderte später hinzu.

Landwirte und Forstleute sind seine Vorfahren überwiegend gewesen, erläutert von Heydebrand. Später waren auch Juristen und einige wenige Offiziere darunter. Wer den vollständigen Namen heute in eine Internetsuchmaschine eingibt, stößt vor allem auf zwei Persönlichkeiten: Tassilo von Heydebrand und der Lasa (1818–1899) war Mitte des 19. Jahrhunderts einer der weltbesten Schachspieler und veröffentlichte einige Werke zur Theorie des Spiels. Ernst von Heydebrand und der Lasa (1851–1924) war Jurist, ein einflussreicher Politiker der Deutschkonservativen Partei und „der ungekrönte König von Preußen“, wie sein Spitzname in der Presse lautete. Aber haben der Name und die Tatsache, von Adel zu sein, denn eine Rolle gespielt im Leben von Ernst S. von Heydebrand? „Der Name selbst nicht“, sagt der heute 72-Jährige. Wohl aber eine gewisse Haltung: „Sie müssen allezeit als Beispiel wirken, aber auf eine so leichte und heitere Weise, dass Ihnen niemand einen Vorwurf daraus machen kann.“ Geprägt hat diesen Satz Prinz Eugen von Savoyen. In diesem Sinne also wurden Ernst S. von Heydebrand und seine acht Jahre jüngere Schwester erzogen.

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Und das in einer schweren Zeit: 1939 wird Ernst Sylvius Karl Christoph von Heydebrand in Berlin geboren, der Vater, Diplomlandwirt, arbeitet dort als Sachverständiger im Öffentlichen Dienst. 1941 geht er freiwillig als Soldat an die Ostfront. 1943 müssen auch seine Frau und sein Sohn Berlin verlassen, sie kommen im Schwarzwald unter. Bei Kriegsende gerät der Vater in britische Gefangenschaft. Noch im Jahr 1945 kommt er frei. Bis die kleine Familie im ostfriesischen Leer wieder zusammenkommt, soll es aber dauern: „Meine Mutter und ich saßen ja im französisch besetzten Teil Deutschlands, es war nicht so einfach, die Besatzungszone zu wechseln“, erläutert von Heydebrand. Erst 1948 klappt die Familienzusammenführung. Im Jahr 1955 zieht die Familie nach Braunschweig um, der Vater arbeitet dort wieder als Sachverständiger. 1958 legt Ernst S. von Heydebrand in Braunschweig das Abitur ab. Was nun beginnt, ist kein Leben auf großem Fuß – aber ein abwechslungsreiches. „Mein weitsichtiger Vater schickte mich für drei Monate nach England. Ich sollte die Sprachkenntnisse vertiefen“, erzählt von Heydebrand.

Danach schlägt der 19-Jährige eine Militärlaufbahn ein. Er wird Offizier auf Zeit. Ende 1961 verlässt er die Bundeswehr wieder und beginnt ein Jurastudium. Er lernt seine – übrigens nicht adelige – Frau Ute kennen, die beiden heiraten 1969. Nach dem zweiten Staatsexamen praktiziert von Heydebrand einige Zeit als Anwalt für gewerblichen Rechtsschutz in Mannheim und in Norddeutschland. Dann nimmt er wieder Kontakt zur Bundeswehr auf, wird schließlich Beamter beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) – und landet so auch im Koblenzer Raum.

Doch selbst wenn sein Leben damit einen festen Anker hat, wirklich ruhig wird es für ihn nicht: „Ich durfte viel reisen, vor allem in die USA“, erinnert sich von Heydebrand. Als „Schnittstelle zwischen Technik und Recht“ handelt er zunächst Verträge für Schiffsneubauten aus. 1980 wird er schließlich nach Frankreich versetzt, lebt dort vier Jahre mit seiner Frau. Als nach ihrer Rückkehr schließlich feststeht, dass er langfristig für die Bundeswehr in Bonn arbeiten wird, man ihn auch zum Referatsleiter befördert, kaufen die beiden ein Haus in Vallendar. Hier lebt von Heydebrand nach dem Tod seiner Frau inzwischen allein.

Das Reisen – früher berufliche Pflicht – ist nun eines seiner liebsten Hobbys. Im vergangenen Jahr war er in Russland, dieses Jahr wird er auf einem Forschungsschiff die Antarktis erkunden. Nur eine Reise, die ist ihm nicht leichtgefallen. Sie führte ihn 1994 nach Schlesien zu einem der Güter seiner Vorfahren. „Wir waren dort mit einem ganzen Bus voller Heydebrands im Rahmen eines unserer Familientreffen, die wir alle zwei Jahre abhalten“, erzählt er noch lächelnd. Doch dann wird er ernst: „Es fiel mir schwer zu sehen, wie bewusst dort nach dem Krieg die Erinnerungen an die deutsche Geschichte ausgelöscht worden sind.“ Etwas von diesem Ort mitnehmen wollte Ernst S. von Heydebrand trotzdem. Er hat sich für einen Feldstein vom Gelände des Gutes entschieden, das einst seiner Familie gehörte. Versehen mit einer Gravur, liegt der jetzt im Garten seines Hauses in Vallendar. Und wie die Bilder im Hausflur ist auch er ein Teil der Erinnerungen – an eine Familiengeschichte von mehr als 700 Jahren.

8. Januar 2018 at 15:19 Hinterlasse einen Kommentar

Sayn oder nicht Sayn war die Frage

Rund ums neugotische Schloss liegt trotz grauen Himmels fröhliche Aufbruchstimmung in der Luft: Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn und seine Frau Gabriela starten mit ihrem Team in eine Jubiläumssaison. Der Gastgeber lächelt. Aber er denkt auch seufzend an einen Leitsatz im Wappen: „Nicht ohne Mühen.“ Und daran herrschte in den vergangenen 25 Jahren wahrlich kein Mangel.

Sayn oder nicht Sayn? Das war 1987 die Frage“, erinnert sich der vormals in München als Vermögensverwalter einer Bank tätige 68-Jährige mit seiner Frau, die auf Schloss Weissenstein (Pommersfelden/Bayern) aufgewachsen ist. Mögen sie Menschen trotz Schicksalsschlägen ums Leben zwischen Schloss, Schmetterlingen und Stiftungen auch beneiden: Die Eltern von sieben Kindern haben dafür schwer geschuftet – „auch mit der Hände Arbeit“, meint die adelige Macherin lachend, die gerade aus dem Schmetterlingsgarten kommt.

Als das Paar 1975 in den Ort zog, wo die Familie mit dem Sayner Löwen im Wappen seit Jahrhunderten ihre Wurzeln hat, musste es viele Gemäuer aus dem Dornröschenschlaf wecken – ebenso tapfer wie unromantisch. Die Tochter von Rudolf Graf von Schönborn-Wiesentheid und Helene Prinzessin von Thurn und Taxis dachte als Kind, dass jeder Fürst ein schönes Schloss besitzt. Aber ihr Mann Alexander, dessen Mutter Fürstin Marianne („Mamarazza“) nach dem frühen Tod ihres Mannes das Fotografieren zum Beruf machte, konnte ihr zunächst nur Ruinen in einem verwilderten englischen Landschaftsgarten zu Füßen legen. Von diesem Niedergang waren auch andere Denkmäler gezeichnet – die Sayner Hütte etwa oder auch Gebäude der ehemaligen Abtei.

Also krempelten die Nachfahren der einstigen Grafen von Sponheim und Sayn die Ärmel auf: Zunächst ließen sie die gut 800 Jahre alte Stammburg wieder als Ausflugsziel restaurieren. Als sich Fürstin Gabriela 1987 entschloss, einen Schmetterlingsgarten aufzubauen, hielten sie „viele für durchgeknallt“: Doch die tropische Zauberwelt zog plötzlich wieder in Scharen Touristen nach Sayn: Die bunten Falter sind heute ein neues Wappentier, das viele Fassaden im Ort schmückt.

Die Familie empfindet die Glashäuser nicht nur als Attraktion, sondern vor allem als Refugium: „Mit den weltweit entstandenen Schmetterlingsgärten verschwinden Falter mittlerweile auch wieder von Roten Listen, weil sie gezüchtet werden. In tropischen Ländern wie Costra Rica leben Menschen heute von der Zucht der Falter, also mit der Natur und nicht nur beim Roden von Wäldern gegen sie“, freut sich die Initiatorin, die ebenso wie ihr Mann zudem ehrenamtlich in unzähligen Organisationen tätig ist – auch als wichtige Netzwerker in und für Sayn wie auch für den Natur- und den Denkmalschutz. Fürst Alexander ist beispielsweise Präsident der Deutschen Burgenvereinigung und Vize-Chef von Europa Nostra, einem internationalen Verbund von Organisationen, die bedeutsames Kulturerbe bewahren wollen.

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Zur Lebensaufgabe mit vielen Entbehrungen wurde aber für das Fürstenpaar der Wiederaufbau des heute öffentlich genutzten Schlosses. Das Land hat geholfen – aber letztlich mit einem viel geringeren Anteil als zunächst avisiert. Aber seit dem Jahr 2000 bietet es mit dem Rheinischen Eisenkunstguss-Museum, Salons, dem Schlossrestaurant „Sayner Zeit“ und der Kapelle mit dem berühmten Armreliquiar der Heiligen Elisabeth ein elegantes Ambiente für Hochzeiten und Kongresse. Hier laufen viele Fäden zusammen, auch fürs Projekt „Kulturpark Sayn“ mit mehreren Tourismus-Magneten oder die Meisterwerke-Idee, mit der die Region zwischen Trier, Koblenz, Sayn und Maria Laach mit gemeinsamer Marke wirbt.

Ins Jubiläumsjahr fällt für den Familienchef auch eine besondere Reise: Er wandelt auf den Spuren des zaristischen Feldmarschalls Fürst Peter und seines Sohnes Ludwig, der mit seiner Frau Fürstin Leonilla 1848 das Schloss in Sayn erbauen ließ. Wegen zu liberaler Positionen hatten sie das Zarenreich verlassen müssen, in dem sie Land für 100.000 Bauern, 36 Städte und 600 Dörfer besaßen. Zum 200. Jahrestag des Siegs in den Befreiungskriegen wird der deutsche Adelige in Russland wieder gefeiert: Denn Feldmarschall Fürst Peter Sayn-Wittgenstein hatte auch Petersburg vor Napoleons Truppen gerettet. Zum Dank wurde er in den Fürstenstand erhoben – mit goldenem Schwert im Wappen.

Nachfahre Alexander kämpft heute mit friedlichem Florett – mit guten Ideen, aber auch einem Vertrag. Als in den 60er-Jahren die alte Freitreppe in den Schlosspark abgerissen wurde, verpflichtete sich das Land: Sie wird wiederaufgebaut und die Straße verlegt, wenn das Schloss keine Ruine mehr ist. Beharrlich erinnert der Fürst an die Zusage, auch um Sayn vom Verkehr zu entlasten. Die Freitreppe würde die Arbeit fürs Ensemble mit Park, Burg und Schloss noch krönen.

8. Januar 2018 at 15:17 Hinterlasse einen Kommentar

Die Burg Eltz ist ein wunderschönes Geschenk

Er unterschreibt eine Nachricht höchst höflich wie uneitel knapp mit „Karl Eltz“. Sein voller Name – Dr. Karl Graf von und zu Eltz genannt Faust von der Stromberg – passt in keinen Pass. Seine Frau aus einem schlesischen Adelsgeschlecht – geborene Sophie Gräfin Schaffgotsch genannt Semperfrei von und zu Kynast und Greiffenstein – steht nicht nach.

Aber es ist das Erbe Eltz, das beide in 33. Generation fordert. Als wir das sympathisch unkomplizierte Paar auf der schönsten Ritterburg Deutschlands im Baustaub treffen, ist es erschöpft, aber glücklich. Das große Saubermachen steht noch an, aber es hat eine Jahrhundertaufgabe geschafft und staunt selbst: Die märchenhafte Sehnsuchtsburg der Romantiker zwischen Mosel und Maifeld ist generalsaniert, vom Fundament bis zum Dach.

Ohne das Wissen der Denkmalschützer wären wir gescheitert“, sagt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler (62). „Auch ohne die pragmatischen Beamten“, die historische Bauprobleme ohne DIN-Norm den Gesetzen von Denkmalschutz und Konjunkturprogramm anpassten, ergänzt seine zupackende Frau. Auch in Georg Peter Karn, Konservator der Generaldirektion Kulturelles Erbe, blitzt nach viel Mühe Stolz auf. Zufrieden hat er die besondere Baustelle abgenommen – in einem Denkmal von nationaler Bedeutung. Deshalb haben auch Bund, Land und Stiftung Denkmalschutz mit fast 4 Millionen Euro geholfen, damit die Burg auf dem Felskopf über dem Eltz-Tal wieder gesichert ist. Der Graf, der beim Baukrimi oft den Atem angehalten hat, dankt auch den Schutzengeln. Denn auf statisch kompliziert berechneten Gerüsten haben Dachdecker und Zimmerleute in alpiner Höhe Moselschiefer verlegt und morsche Balken ausgewechselt, „damit sie wieder 200 Jahre halten“. Er denkt lachend eben in anderen Zeiträumen als Häuslebauer.

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Seit seiner Pensionierung vor zwei Jahren pendelt der Graf ständig von seiner modernen Wohnung in Frankfurt zur Burg, in der es sicherheitstechnisch nach gut 850 Jahren kurz vor zwölf war: Die Mauern zeigten bedrohliche Risse, überall bröckelte und bröselte es, weil die Statik aus den Fugen geraten war, die Kempenicher Häuser aufs Rodendorf’sche drückten. Denn vor Jahrhunderten, als hier drei Familien derer von und zu Eltz wohnten, wurde ständig angebaut und aufgestockt. Nach etwa 600 Jahren rächten sich Sünden: Der Erker des wunderschönen Fahnensaals von etwa 1450 drohte ins Tal zu stürzen. Denn sein Halt, ein mächtiger Eichenbalken, war nur noch Staub. Fasziniert zeigt der Graf den Erfolg der Spezialisten in dem prächtig restaurierten Saal, der mit sechs Stahlankern fixiert ist. In einem höchst komplizierten wie auch heiklen Verfahren wurde das abgesackte gotische Netzgewölbe mit hydraulischen Minipressen „Millimeter für Millimeter so nach oben gedrückt, bis es wieder selbsttragend war“. 20 bis 30 Meter lange und nahezu armdicke Edelstahlanker halten nun die Rodendorfer und Kempenicher Häuser fest zusammen. Sie bremsen die Bewegung der Türme entlang der Baunähte.

Alle lernten viel von Geschick wie Fehlern der Ahnen: Das mit Lehm gefüllte Fachwerk „auf Rübenach“ ist seit 650 Jahren in bestem Zustand. Wo aber Schwemmstein und Kalk verwendet wurden, war es brüchig. Jetzt erstrahlt es wieder im typischen Eltzer Rot – auch wiedererrichtet an der Front zur Mosel hin, wo es nach einem Brand 1920 „modern“ durch Steine ersetzt worden war. Zeitweise war die Burg so verhüllt, dass Verpackungskünstler Christo neidisch gewesen wäre. Und der wollte Burg Eltz tatsächlich einmal in rosa Tüll hüllen, aber der Vater des Grafen hatte es „mit moderner Kunst leider nicht so“. Das Grafenpaar von heute freut es, dass auch viele Handwerker immer von „unserer Burg“ sprechen, zumal die meisten aus der Region stammen. Wenn nun der 70 Meter hohe Kran verschwindet, werden Touristen die Geschichte(n) vieler Epochen wie neu erleben.

Mit den Arbeiten fand sich auch Unbekanntes: ein bemalter romanischer Doppelbogen unter gotischem Dachgestühl, ein Verlies, aber kein Schatz. Dies wundert den Besitzer nicht, weil die Burg eigentlich immer schon etwas zu groß war und der sie umgebende Wald keinen Reichtum verheißt. „Die Familie bildete Kinder gut aus, damit sie Karriere machten, möglichst gut verdienten und zur Erhaltung der Stammburg beitragen konnten. Wenn es gut lief, war auch ein Kurfürst dabei.“ Oder eine reiche Frau, wie vor Generationen die letzte Fäustin von Stromberg. Ihr Vater nahm das Versprechen ab, den Namen zu erhalten. Das gilt bis heute.

Die so in Ehren gehaltene Burg war schon kein Familienwohnsitz mehr, als sich einst Maler William Turner ansagte. Sie will Gästen das Leben von acht Jahrhunderten spiegeln, vom Herd bis zur „Madonna mit Kind und Traube“ von Lucas Cranach dem Älteren. Damit lehrt sie auch: Ohne den Adel gäbe es viele Museen nicht. Die 33. Generation sieht sich als Bewahrer eines „wunderbaren Geschenks“. Dessen Erhalt fordert das Paar aber trotz Touristenscharen finanziell derart stark, dass es selbst gar nichts Besonderes sammelt. Trotzdem macht die Burg in intakter Natur und (frühmorgens) in vollkommener Stille den Grafen glücklich – auch als Abwechslung zur laut-kühlen Großstadt. „Ich verbinde nur schöne Momente mit ihr“, schwärmt er jungenhaft-fröhlich. Am liebsten würde er seine Eltz nach all dem Stress wohl umarmen.

8. Januar 2018 at 15:14 Hinterlasse einen Kommentar


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