Auf heitere Weise als Vorbild wirken

8. Januar 2018 at 15:19 Hinterlasse einen Kommentar

Wer Ernst S. von Heydebrand in Vallendar besucht, kommt nicht an ihr vorbei: Gleich hinter der Eingangstür, im Hausflur, beginnt die Wand der Erinnerungen. Bilder, Zeichnungen und Stiche erzählen von einem bewegten Leben – und einer Familiengeschichte, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht.

Zu sehen ist dort zum Beispiel die Abbildung eines Gutes bei Penzlin in Mecklenburg. „Es hat einmal der Familie meiner Mutter gehört“, erzählt von Heydebrand und deutet dann auf eine alte Karte Schlesiens. Dort, im ehemaligen Landkreis Militsch, begann die Geschichte seiner Familie väterlicherseits, derer von Heydebrand und der Lasa.

Und der Lasa? Aber der Name lautet doch von Heydebrand! Der Hausherr schmunzelt: „Den zweiten Namensteil haben wir durch ein Versehen verloren“, sagt er. Als seine Eltern 1931 heirateten, vergaß der Standesbeamte schlicht, ihn einzutragen. So schnell kann es also gehen mit einem Namen, den sich eine Familie aufgebaut hat – über mehrere Jahrhunderte: Als das Geschlecht vor mehr als 700 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurde, lautete die lateinische Namensform de Hayda. Die Namensform von der Heyde erschien erstmals im 14. Jahrhundert, die Zusätze „Brand“ (durch eine Adoption) und „und der Lasa“ (vom Ortsnamen eines Gutes) kamen erst fast zwei Jahrhunderte später hinzu.

Landwirte und Forstleute sind seine Vorfahren überwiegend gewesen, erläutert von Heydebrand. Später waren auch Juristen und einige wenige Offiziere darunter. Wer den vollständigen Namen heute in eine Internetsuchmaschine eingibt, stößt vor allem auf zwei Persönlichkeiten: Tassilo von Heydebrand und der Lasa (1818–1899) war Mitte des 19. Jahrhunderts einer der weltbesten Schachspieler und veröffentlichte einige Werke zur Theorie des Spiels. Ernst von Heydebrand und der Lasa (1851–1924) war Jurist, ein einflussreicher Politiker der Deutschkonservativen Partei und „der ungekrönte König von Preußen“, wie sein Spitzname in der Presse lautete. Aber haben der Name und die Tatsache, von Adel zu sein, denn eine Rolle gespielt im Leben von Ernst S. von Heydebrand? „Der Name selbst nicht“, sagt der heute 72-Jährige. Wohl aber eine gewisse Haltung: „Sie müssen allezeit als Beispiel wirken, aber auf eine so leichte und heitere Weise, dass Ihnen niemand einen Vorwurf daraus machen kann.“ Geprägt hat diesen Satz Prinz Eugen von Savoyen. In diesem Sinne also wurden Ernst S. von Heydebrand und seine acht Jahre jüngere Schwester erzogen.

3

Und das in einer schweren Zeit: 1939 wird Ernst Sylvius Karl Christoph von Heydebrand in Berlin geboren, der Vater, Diplomlandwirt, arbeitet dort als Sachverständiger im Öffentlichen Dienst. 1941 geht er freiwillig als Soldat an die Ostfront. 1943 müssen auch seine Frau und sein Sohn Berlin verlassen, sie kommen im Schwarzwald unter. Bei Kriegsende gerät der Vater in britische Gefangenschaft. Noch im Jahr 1945 kommt er frei. Bis die kleine Familie im ostfriesischen Leer wieder zusammenkommt, soll es aber dauern: „Meine Mutter und ich saßen ja im französisch besetzten Teil Deutschlands, es war nicht so einfach, die Besatzungszone zu wechseln“, erläutert von Heydebrand. Erst 1948 klappt die Familienzusammenführung. Im Jahr 1955 zieht die Familie nach Braunschweig um, der Vater arbeitet dort wieder als Sachverständiger. 1958 legt Ernst S. von Heydebrand in Braunschweig das Abitur ab. Was nun beginnt, ist kein Leben auf großem Fuß – aber ein abwechslungsreiches. „Mein weitsichtiger Vater schickte mich für drei Monate nach England. Ich sollte die Sprachkenntnisse vertiefen“, erzählt von Heydebrand.

Danach schlägt der 19-Jährige eine Militärlaufbahn ein. Er wird Offizier auf Zeit. Ende 1961 verlässt er die Bundeswehr wieder und beginnt ein Jurastudium. Er lernt seine – übrigens nicht adelige – Frau Ute kennen, die beiden heiraten 1969. Nach dem zweiten Staatsexamen praktiziert von Heydebrand einige Zeit als Anwalt für gewerblichen Rechtsschutz in Mannheim und in Norddeutschland. Dann nimmt er wieder Kontakt zur Bundeswehr auf, wird schließlich Beamter beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) – und landet so auch im Koblenzer Raum.

Doch selbst wenn sein Leben damit einen festen Anker hat, wirklich ruhig wird es für ihn nicht: „Ich durfte viel reisen, vor allem in die USA“, erinnert sich von Heydebrand. Als „Schnittstelle zwischen Technik und Recht“ handelt er zunächst Verträge für Schiffsneubauten aus. 1980 wird er schließlich nach Frankreich versetzt, lebt dort vier Jahre mit seiner Frau. Als nach ihrer Rückkehr schließlich feststeht, dass er langfristig für die Bundeswehr in Bonn arbeiten wird, man ihn auch zum Referatsleiter befördert, kaufen die beiden ein Haus in Vallendar. Hier lebt von Heydebrand nach dem Tod seiner Frau inzwischen allein.

Das Reisen – früher berufliche Pflicht – ist nun eines seiner liebsten Hobbys. Im vergangenen Jahr war er in Russland, dieses Jahr wird er auf einem Forschungsschiff die Antarktis erkunden. Nur eine Reise, die ist ihm nicht leichtgefallen. Sie führte ihn 1994 nach Schlesien zu einem der Güter seiner Vorfahren. „Wir waren dort mit einem ganzen Bus voller Heydebrands im Rahmen eines unserer Familientreffen, die wir alle zwei Jahre abhalten“, erzählt er noch lächelnd. Doch dann wird er ernst: „Es fiel mir schwer zu sehen, wie bewusst dort nach dem Krieg die Erinnerungen an die deutsche Geschichte ausgelöscht worden sind.“ Etwas von diesem Ort mitnehmen wollte Ernst S. von Heydebrand trotzdem. Er hat sich für einen Feldstein vom Gelände des Gutes entschieden, das einst seiner Familie gehörte. Versehen mit einer Gravur, liegt der jetzt im Garten seines Hauses in Vallendar. Und wie die Bilder im Hausflur ist auch er ein Teil der Erinnerungen – an eine Familiengeschichte von mehr als 700 Jahren.

Advertisements

Entry filed under: Grafschaft Montfort, Stammhaus Montfort.

Sayn oder nicht Sayn war die Frage Wald, Wein und Wandelanleihen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


Kalender

Januar 2018
M D M D F S S
« Jul    
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  

Archiv


%d Bloggern gefällt das: